Tradingpsychologie

TradingpsychologieUnter dem Stichwort „Tradingpsychologie“ findet man im Netz und in Lehrbüchern eine Reihe von im Wesentlichen immer wieder gleich lautenden Empfehlungen und Ratschlägen, die ein besonderes Mindset als zentralen, vielleicht gar ausschlaggebenden Faktor für längerfristigen Erfolg im Trading nahelegen.

Der Trading-Anfänger liest und hört allenthalben, dass die bloße Kenntnis von Handelsstrategien nicht ausreiche, sondern dass ein erfolgreicher Trader auch grundsätzlich andere Verhaltensweisen an den Tag legen müsse, als die vielen Erfolglosen:

Er solle sich strikt an seinen Handelsplan halten, sich nicht von Gier oder Angst bestimmen lassen, sich durch Verlusttrades nicht frustrieren lassen, erst recht keine Rachetrades eingehen, und einiges dergleichen mehr.


Die Suche nach dem heiligen Gral

Aber das alles klingt natürlich leichter als es tatsächlich ist, wird hiermit doch letztlich gefordert, eingeschliffene und tief verankerte Verhaltensmuster zu ändern. Wäre das so einfach, es gäbe wohl kaum einen so großen Markt an Diätratgebern und Fitnesskursen, der ja großenteils davon zu leben scheint, dass die Leute unablässig neuen Hypes nachlaufen, die ihnen immer wieder aufs Neue versprechen, dass es diesmal nun endlich klappen wird mit dem Traumkörper oder dem Abnehmen ohne Anstrengung.

Im Trading werden auf der Suche nach dem „heiligen Gral“ ständig die Indikatoren, Strategien und Märkte gewechselt, in der Hoffnung, dass es diesmal nun endlich etwas wird mit dem schnellen Reichtum ohne Risiko.

Der Fehler scheint hier aber eher darin zu liegen, dass man den Fehler im System sucht, statt im Subjekt. Denn die Schwierigkeit besteht doch nicht darin, zu wissen, was man vernünftigerweise tun oder lassen sollte – dies lässt sich ja doch recht schnell anlesen oder sogar aus YouTube-Videos mitnehmen.

Sondern viele scheitern daran, dieses Wissen dann auch praktisch umzusetzen und an den gewählten Grundsätzen und Vorsätzen konsequent festzuhalten – und zwar gerade gegen (primär in einem selbst liegende) Widerstände aller Arten. Mit einem Wort also: Disziplin.


Den inneren Schweinhund überwinden

Die Bedeutung von Disziplin im Trading sollte jedenfalls außer Zweifel stehen, ihr zentraler Stellenwert wird ja auch von den Profis unermüdlich betont. Klar ist aber auch, dass die Wenigsten hiermit übermäßig gesegnet sind – es trägt ja doch jeder seinen „inneren Schweinehund“ mit sich herum. Wir werden im Folgenden Möglichkeiten vorstellen, wie man diesbezüglich an sich arbeiten und sich weiterentwickeln kann.


Diziplin alleine reicht nicht aus

Für sich genommen ist Disziplin freilich relativ wertlos, ja kann in übersteigerter Form sogar in Verbissenheit ausarten. Vernünftiger dürfte es sein, Disziplin als eine Charaktereigenschaft aufzufassen, die nicht Selbstzweck ist, sondern sich in konkreten Tätigkeiten und Kontexten äußern, verwirklichen und unter Beweis stellen muss.

Handelt es sich bei der fraglichen Tätigkeit und dem Kontext um das Trading und die Märkte, so sollte allerdings nicht übersehen werden, dass es mit strenger Disziplin allein noch nicht getan ist, sondern dass hier eine Reihe weiterer Kompetenzen auf hohem Niveau erfordert wird, die ebenfalls nicht naturgegeben sind, sondern durch Übung und Erfahrung entwickelt werden müssen. Das ist an mehreren Punkten festzumachen.

Spekulatives Trading ist das Befolgen von Strategien, d.h. von Regeln, die vorgeben, was in welchen Situationen auf welche Weise getan werden soll, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Trading unterscheidet sich klar von Zockerei (dem Eröffnen von Positionen nach Gefühl oder aus Hoffnung auf Glück – wobei anzumerken ist, dass professionelle Glücksspieler im Unterschied zu einfachen Zockern ja ebenfalls Strategien verfolgen, die, genau wie Trading-Strategien, den Zweck haben, methodisch vorzugehen, das Risiko zu kontrollieren usw.).


Die Frage nach dem Warum muss klar sein

Nun müssen erstens diese Strategien zunächst einmal verstanden werden, und zwar nicht lediglich im Sinne ihrer korrekten Befolgung („Welches Vorgehen verlangt das Regelwerk?“ – was bei komplexeren Strategien ja durchaus anspruchsvoll ist), sondern auch in ihrer Berechtigung und Funktionsweise. Wer eine Strategie einsetzt, sollte zuerst einmal nachvollzogen haben, warum die Strategie existiert, warum sie so gestaltet ist, wie sie ist und warum sie zu Erfolg führen könnte. Wer dagegen Handelsstrategien blind befolgt, nur weil sie ihm von irgendwem angepriesen wurden, der weiß eigentlich gar nicht, was er da tut.


Umgang mit Komplexität

Zweitens müssen Strategien angewendet werden, d.h. auf konkrete Marktsituationen bezogen und kontextualisiert werden. Die Marktsituation ist aber immer sehr komplex und es kommt hier dann auf den Umgang mit dieser Komplexität und auf handwerkliche Präzision an.


Faktoren richtig beurteilen

Drittens muss der Trader über die Fähigkeit verfügen, zu beurteilen, ob in einer konkreten Situation die Bedingungen des Strategieeinsatzes hinreichend erfüllt sind. Ebenso aber auch, ob etwa trotz Erfülltsein der Bedingungen in einer gegebenen Marktsituation weitere, in der Strategie nicht vorgesehene Faktoren gegeben sind, die gebieten, nicht in den Markt zu gehen, auch wenn das Regelwerk dies eigentlich vorschreiben würde.


Vorsprung durch Technik Urteilsvermögen

In der sich auf diese drei Punkte beziehenden Kompetenz, die Urteilskraft genannt wird, liegt dann auch der entscheidende Vorteil, den ein im Markt erfahrener Trader nicht nur gegenüber dem noch so sehr in der Theorie belesenen Anfänger, sondern vor allem auch gegenüber automatisierten Computer-Handelssystemen hat. Eine Strategie einzusetzen heißt eben nicht einfach, stur einen Algorithmus abzuarbeiten. Trader sind keine Computer und werden vieles nicht leisten können, was mit Software-Algorithmen heutzutage schon möglich ist. Aber in ihrer Fähigkeit zur Reflexion liegt ein großer Vorsprung, den der Mensch auf absehbare Zeit auch noch halten wird. Computer können Regeln folgen, aber sie können nicht entscheiden, ob dies im Einzelfall auch sinnvoll ist.


"Die beste Strategie" existiert nicht

Auf die Frage nach dem heiligen Gral im Trading darf man deshalb wohl antworten: Wenn überhaupt, dann handelt es sich dabei nicht um „die beste Strategie“, sondern um eine spezifische Persönlichkeitsstruktur, Erfahrung und Kompetenz – man könnte sagen: die Trader-Persönlichkeit. Was die weiteren fachlichen und handwerklichen Fähigkeiten im Trading angeht, ist es sinnvoll, das Feld einmal überblickartig zu ordnen. Dabei liegt es nahe, zwischen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten zu unterscheiden. Wir wollen beide im Folgenden nur knapp vorstellen, um sie dann im mittleren Teil dieses Artikels eingehender zu erläutern und schließlich am Ende des Textes nach den Möglichkeiten ihrer Entwicklung und Vertiefung zu fragen.


Kognitive Fähigkeiten

Unter kognitiven Fähigkeiten werden Intelligenz und rationales Denken im weitesten Sinne verstanden. Sie spielen im Trading im Wesentlichen in drei konkreten Ausprägungen eine Rolle: Erstens als Auffassungsgabe, also die Fähigkeit zur Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, wozu analytische Fähigkeiten, mathematisches Denken, visuelle Fähigkeiten (etwa Mustererkennung) usw. zählen. Zweitens im Umgang mit Komplexität, also Komplexitätsreduktion bzw. -bewältigung: Fähigkeiten zu abstrahieren, zu verallgemeinern usw. Drittens als die Fähigkeit, Wissen zu kontextualisieren und zu reflektieren: systematisches, ganzheitliches und kritisches Denken.


Emotionen verstehen und im Zaum halten

Mann WutEmotionen umfassen Euphorie, Angst, Ärger, Frust, Gier usw. Unter emotionalen Fähigkeiten sind Fähigkeiten zum Umgang mit den eigenen Emotionen gemeint, von ihrer Wahrnehmung, Analyse und Beurteilung bis hin zu ihrer Kontrolle und Nutzbarmachung für bestimmte höhere Zwecke.

Bekanntermaßen dienen Emotionen ursprünglich ja der Verhaltenssteuerung, aber eben dies macht sie im Trading zunächst problematisch.

Seine emotionale Seite tritt dem Trading-Anfänger nämlich in der Regel in Form von Zwängen oder Hemmnissen auf, und hier muss aktiv gegengesteuert werden.

Keinesfalls aber sind Emotionen per se schlecht, das gilt im Trading wie im Leben überhaupt. Emotionale Kompetenz besteht daher auch sicherlich nicht darin, die Emotionalität in sich einfach zu unterdrücken. Dies hat wieder mehrere Gründe:

Erstens können wir der emotionalen Seite wenigstens zum Teil auch die nicht-bewusste, nicht-kognitive Intuition zurechnen und diese erfüllt im Trading eine wichtige Funktion.

Zweitens, und dies ist ein für die eigene Entwicklung zentraler Punkt, lassen sich wünschenswerte Verhaltensweisen unter Nutzbarmachung der emotionalen Seite einer Person effektiv verankern.

Die vorangegangenen Ausführungen sollen nicht abschrecken, sondern motivieren. Denn Disziplin lässt sich stärken und die fürs Trading einschlägigen fachlichen und handwerklichen Kompetenzen lassen sich durch gezielte Arbeit erwerben, entwickeln und vertiefen. Das Trading zu erlernen sollte daher von vornherein zu großen Teilen als eine Persönlichkeitsschule begriffen werden.

Dabei soll auch gar nicht verhehlt werden, dass dies eine harte Schule ist, bei der auch noch kaum einer je um das Zahlen des berühmten Lehrgeldes gekommen ist. Eine vorrangige Frage ist daher: Wo und wie setzt man an, wenn man sich in diesen Bereichen persönlich weiterentwickeln möchte? Damit wollen wir uns in den übrigen Teilen dieses Artikels eingehender beschäftigen.

Disziplin, verstanden als die Fähigkeit, an selbst gewählten Regeln festzuhalten ist also eine Charaktereigenschaft, durch die sich erfolgreiche Trader auszeichnen.

Was das Festhalten an Vorsätzen so schwierig macht, sind die in den vielen Einzelsituationen immer wieder aufkommenden Widerstände und Hemmnisse, die den Trader von seinem Vorhaben abbringen und seine Weiterentwicklung erschweren. Diese Hindernisse liegen vor allem im Trader selbst und könnten deshalb zumindest prinzipiell von ihm kontrolliert werden. Solche Kontrolle ist wichtig, denn Trading ist nicht einfach das Handeln nach Bauchgefühl oder Hoffnung auf Glück, sondern strategiegeleitetes Trading ist eine Profession, die handwerkliche, technische und wissenschaftliche Elemente aufweist und, wie jede andere Profession auch, besonderen Regeln der Kunst untersteht. Im Folgenden wollen wir nun einige dieser Aspekte eingehender diskutieren.


Strategien

Der Erfolg von Trading-Strategien ist erst auf längere Sicht zu bemessen, sie müssen also auch über einen längeren Zeitraum hinweg konsequent umgesetzt werden. Es gibt wohl keine Trading-Strategie, die nicht auch Verlust-Trades erzeugt (abgesehen von der Strategie, gar nicht zu traden).

Der Zweck in der Befolgung von Trading-Strategien ist ja auch gar nicht der, mit jedem Einzeltrade die Bank zu sprengen, sondern durch methodisch-beständige Handlungen über einen längeren Zeitraum hinweg eine statistische Verteilung zum eigenen Vorteil auszunutzen.

Eine Strategie ist also nicht schon dadurch widerlegt, dass sie einzelne Fehltrades produziert (darin unterscheiden sich Trading-Strategien im Übrigen auch von wissenschaftlichen Hypothesen, Theorien und Methoden, die im Prinzip schon durch ein einziges falsches Ergebnis oder eine Fehlprognose widerlegt sind).

Natürlich, Verluste frustrieren, dies nagt an der Disziplin und eine ganze Serie von Verlusten lässt einen umso mehr an der Strategie oder vielleicht sogar an der eigenen Person zweifeln.

Nicht nur Anfänger neigen so zu den bekannten, stets abgemahnten und doch immer wieder begangenen Fehlern: Es wird in den Markt gesprungen, obwohl kein sachlicher Grund zum Einstieg vorliegt; Positionen werden zu früh oder zu spät eröffnet oder geschlossen; ist man im Markt positioniert, wird pausenlos auf die Charts gestarrt – und so weiter.

Es ist hier allzu häufig nicht mangelndes Wissen, sondern die Emotionalität, die dazu führt, dass gerade wider besseres Wissen gehandelt wird. Es soll hier natürlich nicht darum gehen, Emotionen per se zu verdammen. Wir wollen sie noch nicht einmal aus dem Trading verbannen, wie man dies ja hin und wieder liest (als ob das überhaupt möglich wäre). Denn wird den Emotionen hier eine angemessene Rolle eingeräumt, so kann dies durchaus von Nutzen sein.


Fähigkeiten

Disziplin im Trading ist auch deshalb so wichtig, weil erst durch Übung auch diejenigen Fähigkeiten erworben werden, ohne die eine auch noch so gute Kenntnis von Regelwerken und Strategien nicht erfolgreich umgesetzt werden kann. Die Entwicklung von Fähigkeiten geschieht durch Übung und Erfahrung, also im Zuge der Auseinandersetzung mit einer Handlungswirklichkeit (hier: dem Markt).

Übung ist die beständige, disziplinierte Bemühung, etwas richtig zu machen, also gewissen Standards und Regeln gerecht zu werden, unter die man das eigene Tun stellt.

Dabei gilt generell: Je besser eine Tätigkeit eingeübt und beherrscht ist, desto mehr davon läuft unterbewusst und automatisch ab, was dann wiederum Ressourcen freisetzt, die Aufmerksamkeit auf andere, anspruchsvollere Aufgaben zu richten und dadurch eine fortschreitende Verbesserung der Fähigkeiten und zunehmende Sicherheit in den Ergebnissen zu erreichen.

Jeder hat diese Erfahrung schon gemacht: Eine Tätigkeit, die für den Anfänger schwierig erscheint und höchste Konzentration erfordert, erledigt der Geübte ohne Mühe nebenbei – geläufige Beispiele sind das Autofahren, das Schreiben auf einer Computertastatur oder das Spielen eines Musikinstruments.


Trading als Umgang mit Information

Eigenstudium TraderWir hatten die für unser Thema relevanten menschlichen kognitiven Fähigkeiten in drei Ausprägungen unterschieden:

Auffassungsgabe, Fähigkeit zum Umgang mit Komplexität und Reflexionsfähigkeit. Um genauer zu sehen, welche Rolle diese im strategischen Trading spielen, bietet sich an, dieses im Kern als Umgang mit Information aufzufassen. Dies ist zumindest eine Hinsicht auf das Trading, die ich für äußerst aufschlussreich halte.

Es muss klar sein, dass Trading nicht im Klicken auf „sell“ oder „buy“ aufgeht, sondern dass dies nur einen minimalen Bruchteil der aufgewendeten Zeit und investierten Intelligenz ausmacht. Was uns hier interessiert, ist das Finden der Handelsentscheidungen sowie deren Vorbereitung, Nachbereitung und laufende Kontrolle, und zwar insofern der Trader all dies auf Basis einer heiklen Informationslage vollzieht.

Was ist unter „Information“ zu verstehen?

Den Informationsbegriff befriedigend zu definieren ist ein bislang ungelöstes Problem. Die in der Literatur zu findenden Definitionen des Begriffs sind in der Regel auf spezielle wissenschaftliche Kontexte beschränkt (etwa auf die Informatik, die Neurowissenschaften oder die Biologie) und außerhalb dieser Kontexte von vergleichsweise geringem Nutzen.

Für unsere Zwecke wird die folgende Arbeitsdefinition genügen: Information ist, was der Trader zur Kenntnis nehmen kann, indem es ihn etwa in Form von schriftlicher oder gesprochener Sprache, Nachrichten, Mitteilungen, Bildern, Daten, Signalen usw. erreichen und für seine Handelsentscheidungen Bedeutung haben kann.

Wir berücksichtigen hier also ebenso wenig diejenigen Informationen, die überhaupt keinen Einfluss auf seine Entscheidungen haben, wie auch dasjenige, was der Trader prinzipiell nicht wissen kann (beispielsweise zukünftige Ereignisse oder in einem ideal regulierten Markt Insider-Informationen).

Wer nun meint, er müsse nur möglichst alle relevanten Informationen beziehen, um einen Vorteil im Markt zu haben, der übersieht, dass gerade die im Trading relevanten Typen von Information Eigenschaften haben, die für den Trader zu Problemen werden.

Ich will hier nur die gewichtigsten nennen:

  • Unsicherheit
    Der Trader kann einer Information als solcher ohne weiteres nicht ansehen, ob diese gesichert, wahr, belastbar, zuverlässig usw. ist. (Beispiel: Nachrichten über Ereignisse in Krisen- und Kriegsgebieten; Behauptungen über die Performance eines Trading-Systems)
  • Bias:
    Behauptungen und Beschreibungen von Tatsachen sind oft einseitig, perspektivisch und standpunktbedingt verzerrt. Der Standpunkt des Erstellers einer Beschreibung ist notwendigerweise ein anderer als der des Rezipienten. Informationsübermittlung setzt außerdem ein Informationsmedium voraus, das wiederum Strukturen aufweist, welche die in ihm übermittelten Informationen in gewisser Weise beeinflussen. (Beispiel: Berichte über die Stimmungslage unter der griechischen Bevölkerung sind davon abhängig, wer da wen befragt. Es können nie alle befragt werden und die Stellungnahme Einzelner beschränkt sich bestenfalls auf wenige Sätze. Nachrichtenmedien wie Zeitungen und TV können immer nur einen winzigen Realitätsausschnitt in Momentaufnahme vermitteln, präsentieren dies aber als ein Gesamtbild).
  • Relevanz/Irrelevanz
    Jede Information lässt sich vom Trader unter dem Gesichtspunkt „Konsequenzen für meine Positionierung im Markt?“ als relevant oder irrelevant für sein eigenes Handeln beurteilen. Eine Nachricht kann für die Positionierung eines Traders völlig bedeutungslos sein, während sie für andere Marktakteure höchst relevant ist. Sie kann allerdings auch vermittelt über die Handlungen andere Marktakteure relevant für den Trader werden und dies beurteilen zu können, setzt voraus, dass man über eingehende Kenntnis von Marktzusammenhängen verfügt.
  • Latenz
    Vom Standpunkt des Traders erreicht ihn jede Information immer schon zu spät. Praktisch ausnahmslos gilt: Andere Akteure hatten die Information schon früher verfügbar und konnten daraufhin reagieren, bevor der Trader selbst aktiv werden konnte. Der automatisierte Handel durch Computer, die Nachrichtentexte eigenständig verarbeiten und blitzschnell darauf reagieren können, hat diese Situation radikal verschärft.

Wie kann der Trader mit diesen Problemen umgehen?

Trader sind gezwungen, auf Basis einer notorisch komplexen, beschränkten und unsicheren Informationslage, nicht selten auch unter Zeitdruck, zu rationalen Entscheidungen zu gelangen. Wie gut ein Trader darin generell ist, insbesondere aber unter den für das Trading spezifischen Bedingungen, hängt von seinen Fähigkeiten und Talenten ab und entscheidet über seinen Erfolg.

Fasst man nun strategiebasiertes Trading wie vorgeschlagen als einen Umgang mit Information auf, so können hieran drei Schritte unterschieden werden:

  1. Aufnahme von Information
  2. Verarbeitung von Information
  3. Umsetzung von Information in Handelsentscheidungen

Informationsaufnahme

Die wichtigsten Typen von Information, mit denen der Trader sich auseinanderzusetzen hat, sind: Trading-Fachwissen, Nachrichten und Charts.

Informationen erreichen den Trader somit fast ausschließlich auf visuellem Wege und zwar, abgesehen von Charts, in Form von Texten (ich sehe hier von Seminaren ab, die von großem Nutzen sein können, und zwar deshalb, weil man hier im Idealfall mit einem kompetenten Lehrer in Interaktion tritt.

Ich sehe erst recht von Videos ab, wie sie sich zuhauf im Netz finden, denn hier findet selten einmal echtes Lernen statt. Entgegen derzeitiger Moden: Es gibt nichts, was zum Erwerb von solidem Wissen und Können annähernd effizient, effektiv und nachhaltig ist, wie gute Bücher und die Interaktion mit guten Mentoren – diese beiden Formen der Wissensvermittlung haben sich immerhin seit Jahrtausenden bewährt).


Fachwissen

Nehmen wir zunächst das Wissen in den Blick, das Trading-Anfänger sich aneignen und aktive Trader stets aktuell halten müssen. Dies ist das Fachwissen, über das der Trader verfügen muss, um überhaupt ein professionelles Selbstverständnis entwickeln zu können, d. h. Trading als Profession zu begreifen.

Solides Fachwissen umfasst nicht nur die technische Kenntnis von Trading-Strategien (Regelwerken) oder von Kerzen-Formationen, sondern auch (und m. E. wichtiger) mindestens Grundkenntnisse der Makroökonomik, ein Verständnis für Aufbau, Funktionsweise und Zusammenhänge von Märkten, die beteiligten Akteure usw.

Ferner ist auch mathematisches Verständnis unverzichtbar, schon alleine um mit Wahrscheinlichkeiten umgehen, korrektes Moneymanagement betreiben oder die Funktionsweise von Indikatoren verstehen zu können.

Diese Aufzählung ließe sich noch erheblich verlängern, aber es dürfte klar sein, worauf dies hinausläuft: Ernsthaftes Trading ist ein wissensbasiertes Unternehmen, wobei erstens kein Mensch alles wissen kann und zweitens das vorhandene Wissen laufend aktualisiert werden muss.

Wo und wie erwirbt der Trader solches Fachwissen?

Da es für den privaten Trader eigentlich keine institutionalisierten Ausbildungsformen gibt, hat dies wesentlich im Selbststudium zu geschehen und stützt sich auf Fachbücher, Artikel, Webseiten usw. Dies ist aus mehreren Gründen nicht unproblematisch.

Erstens gibt es schlicht zu viel an Material: Das Angebot an Printliteratur, Portalen, Blogs, Foren, Videos usw. ist längst nicht mehr überschaubar, geschweige denn aufarbeitbar. Nicht selten tendieren Anfänger dazu, unnötig viel Zeit mit der Durchforstung dieses Dschungels zu vergeuden, wohl aus Angst, irgendetwas Unverzichtbares noch nicht zu kennen und zu versäumen. Statt in die Tiefe, geht man hier in die Breite und die Verwirrung nimmt eher noch zu. Auch wird nicht selten einiges an Geld verbrannt, das aber kaum dem berühmten „Lehrgeld an den Markt“ zuzurechnen sein dürfte.

Zweitens sind gerade die brauchbaren, guten Texte informationsdicht und inhaltlich anspruchsvoll: Lehrbücher zu lesen, ist zeitaufwändig und anstrengend. Da nicht jeder mit denselben Voraussetzungen startet (unterschiedliche ökonomische, politische, mathematische usw. Vorkenntnisse), lässt sich der Bildungsweg hier sowieso nicht schematisch vorgeben. Es ist jedenfalls sinnvoll, die Bandbreite an Themengebieten für sich selbst abzustecken und sich klar zu machen, wo die eigenen Stärken und Defizite liegen und entsprechend gezielt in der eigenen Ausbildung vorzugehen.

Vor allem das Internet, aber zunehmend auch der Büchermarkt, sind voll von Nutzlosem, Unbrauchbarem und Ablenkendem, und gerade der Anfänger, der ja besonders auf brauchbare Lehrmaterialien angewiesen ist, ist kaum in der Lage, deren Güte zu beurteilen. Man sollte sich hier ruhig auch auf qualifizierte Hinweise und Ratschläge erfahrenerer Trader stützen.


Nachrichten

Wer tradet, weiß um die Bedeutung, die Nachrichten für die heutigen Märkte haben. Das gilt für den Intraday-Trader, der sich bei zu erwartenden marktbewegenden Veröffentlichungen von Wirtschaftsdaten lieber dem Markt fern hält ebenso, wie für den Positionstrader, der auf überraschende Veränderungen der Märkte oder marktfremde Ereignisse schnell reagieren muss.

Wie schnell und wohl auch ohne Bedenkzeit hier mittlerweile die Nachrichten in Markthandlungen umgesetzt werden, zeigte sich jüngst wieder an der Entkoppelung des Schweizer Franken oder am Absturz der Germanwings-Maschine und den Auswirkungen auf die Lufthansa-Aktie noch bevor reguläre Nachrichtenmedien davon meldeten.

Das starke Fokussiertsein auf Nachrichten hat allerdings auch seine Kehrseite: Der Nachrichtenstrom fließt ununterbrochen und nicht weniges darin ist, wenn nicht Falschmeldung, dann doch häufig stark übertrieben. In den Medien wird fast nur noch zu heiß gekocht.

Online-Zeitungen, auch diejenigen der im Printmarkt noch namhafteren Häuser, stellen ein und dieselbe Nachricht mit neuen Überschriften und minimalen Textänderungen immer wieder neu ins Netz. Das erzeugt den (häufig falschen) Eindruck von besonderer Wichtigkeit einer Nachricht bzw. eines Ereignisses. Der Zweck von kostenlosen Nachrichten-Seiten ist ja sowieso nicht der, gut zu informieren, sondern Besucher auf die Webseite zu ziehen, um Klicks zu generieren (Stichwort: click baiting).

Anders sieht es bei professionellen Diensten aus, deren Angebote kostenpflichtig sind: Diese müssen auf ihre Zielgruppe zugeschnittene Qualitätsinformationen liefern, da sie andernfalls ihre Kunden an die Konkurrenz verlieren. Professionelle Finanzinformationsdienste sind schon darauf hin vorstrukturiert, den Blick des Traders auf das Wichtige zu richten und ihn weder durch Effekthascherei noch durch Werbebanner abzulenken.

Für die Nutzung professioneller Dienste spricht auch die folgende Überlegung: Wenngleich es letztlich eben nicht das Ereignis ist, sondern die Nachricht vom Ereignis, welche den Markt bewegt, sollte man sich doch darüber klar sein, dass diese Nachrichten in Inhalt und Präsentation nicht überall gleich sind.

Wer wissen will, welche Themen und Ereignisse den Markt bewegen, sollte schauen, wodurch die wichtigen, marktbewegenden Akteure bewegt werden. Das muss nicht gleich darauf hinauslaufen, den Reuters-Newsticker zu abonnieren, sondern kann auch ganz einfach heißen, ein Gefühl für die die Marktstimmung zu entwickeln, indem man die einschlägigen Zeitschriften oder Portale für Wirtschaftsnachrichten verfolgt.


Selektion

Egal also ob Trading-Grundlagen oder Nachrichten: Die Auswahl der Informationsbasis ist äußerst wichtig. Dadurch dass man sich von vornherein auf zuverlässige und seriöse Quellen stützt, erspart man sich einiges an Fehlinformation und Verwirrung.

Der Trader sollte die Informationen schon im Vorfeld durch Ausschluss filtern und sich mit manchem gar nicht erst konfrontieren. Das betrifft auch das Aufsuchen von Internetforen und es betrifft vor allem auch das Lesen von Analysen und Meinungen vermeintlicher Experten.

Zwar lässt sich aus den Analysen kompetenter Trader durchaus einiges lernen, sie sollten aber zumindest nicht unkritisch übernommen oder nachgetradet werden. Beispielsweise hat ein solcher „Börsenexperte“ noch wenige Tage vor der Entkoppelung des Schweizer Franken vom Euro durch die Schweizer Nationalbank seinen (zahlenden) Lesern empfohlen, EUR/CHF stark gehebelt zu traden.

Wie man hört, hat das dann eine Reihe von Leuten in Nachschusspflichten gestürzt, die im Leben nicht bedient werden können. Solches „Expertentum“ zeichnet sich also nicht nur durch die Idiotie aus, gegen eine Zentralbank traden zu wollen, sondern auch durch die moralische Verkommenheit, so etwas anderen als eine bombensichere Sache zu empfehlen.


Charts lesen

Neben Fachwissen und Nachrichten sind Charts die dritte zentrale Informationsquelle von Tradern. Charts sind keine Texte, man kann aber durchaus davon sprechen, dass Charts „gelesen“ oder „interpretiert“ werden müssen. Dem liegt die zentrale Annahme zugrunde, dass Charts Bedeutungsträger sind – nicht genau so, aber vielleicht ähnlich wie Texte oder Bilder (man mag sich allenfalls darüber streiten, wie viel an Bedeutung in historischen Kursverlaufsdarstellungen steckt und insbesondere, ob sich daraus Informationen über zukünftige Kursverläufe gewinnen lassen).

Ein Chart sieht für den völligen Anfänger zunächst wie ein chaotisches Durcheinander von Linien oder Kerzen aus, bestenfalls wird er ein unrhythmisches Auf und Ab erkennen. Er muss nun zunächst lernen, Verläufe und Muster bis zu einem gewissen Grad überlegungsfrei zu erkennen, d. h. diese zu sehen, ohne erst danach suchen zu müssen, ganz ähnlich wie man Buchstaben und Wörter auf einen Blick erkennt, ohne dabei noch aktiv nachdenken und entziffern oder decodieren zu müssen.

Es ist dies, was ich hier mit „lesen“ meine. Diese Fähigkeit entwickelt sich durch Übung: Es muss Anfangs als ein aktives Suchen stattfinden, bis irgendwann das Finden zu einem unterbewusst ablaufenden Mechanismus wird. Gerade beim Charting lässt sich besonders schnell diese Erfahrung machen, wie Prozesse, die zunächst aktiv und unter Fokussierung der Aufmerksamkeit ablaufen müssen, zunehmend verinnerlicht und automatisiert werden. Das geschulte Auge muss dann nicht erst nach Strukturen und Mustern suchen, sondern sieht diese ganz einfach.


Verarbeitung von Information

Es wurden nun schon einige Informationsverarbeitungsprozesse angesprochen, und zwar deshalb, weil schon die Aufnahme von Information immer auch verarbeitende Aspekte aufweist. Denn je erfahrender jemand ist, desto größer ist der Anteil an Verarbeitungsprozessen, die nicht mehr bewusst und in konzentrierter Aufmerksamkeit stattfinden müssen, sondern an unterbewusst-automatisch ablaufende Prozesse delegiert werden können, die schon im Vorfeld der Informationsaufnahme ablaufen. Ich will nun noch einen Blick auf die eigentlich bewusst ablaufenden Verarbeitungsprozesse werfen.

Diese sind erstens analytisch: Die Überlegung zielt dann auf ein inhaltliches Verständnis und ein Verständnis für sich ergebende Konsequenzen (z.B. bei Nachrichten oder bei Regelwerken), auf mathematische Sachverhalte (z.B. beim Heranziehen von Wirtschaftsdaten, beim Einsatz von technischen Indikatoren usw.) oder auf die Identifikation von Mustern in Charts, die unter vordefinierte Idealtypen fallen.

Die Überlegungsprozesse bestehen zweitens im In-Beziehung-Setzen von Informationen zu anderen Informationen, zu Vorwissen oder zu Annahmen. So beispielsweise, wenn ein im Chart identifiziertes Muster mit dem eigenen Wissen über die statistische Bewährtheit von Mustern eines bestimmten Typs zusammengeführt wird. Oder wenn Wirtschaftsdaten in ein allgemeines Wissen um grundsätzliche Zusammenhänge zwischen Kennzahlen eingebettet werden. Dass solche Meinungsbildung nicht schematisch ablaufen kann, sondern auch wieder schwierig, unsicher und standpunktabhängig ist, sieht man leicht ein, wenn man bedenkt wie selbst Wirtschaftsexperten stets uneins sind in einer so grundsätzlichen Frage wie der, wo innerhalb des Konjunkturzyklus wir uns eigentlich derzeit befinden, ob in einer Konjunktur, einer Blasenphase oder schon wieder auf dem Weg in eine Rezession.

Erforderlich ist daher drittens immer auch die kritische Prüfung des eigenen Meinungssystems. Zwar muss der Trader auch ohne Kenntnis aller Fakten eine Meinung bilden können, die nicht jeden Tag umkippt. Dennoch sollte ein häufiger Realitätsabgleich der eigenen Annahmen, auch der grundsätzlicheren, versucht werden. Die Märkte verändern sich ständig, nicht nur Preise bewegen sich unablässig, sondern auch grundlegende Zusammenhänge und der Charakter eines Marktes können sich in vergleichsweise kurzer Zeit wandeln.


Handelsentscheidungen

Kurz gesagt: Sind die obigen Abläufe vollzogen, so ist auch eine Entscheidungsbasis, ein Entscheidungsraum gegeben. Wenn rationale, strategische Gründe gegen eine Markthandlung sprechen, eine solche aber wider besseres Wissen dennoch vorgenommen wird, dann ist das ein Fehler, den der Markt erfahrungsgemäß eher bestraft, als belohnt. Ebenso wo nicht gehandelt wird, wenn es dringend geboten ist (typischerweise so bei der Schließung von ins Minus laufenden Positionen). Wenn aber eine Markthandlung als zulässig und möglich beurteilt wird, dann bleibt es doch zuletzt immer noch die Entscheidung des einzelnen Traders, den Trade einzugehen oder nicht, und hier kommt auch seine Emotionalität und Individualität zu Recht zum Zuge: seine Risikofreudigkeit oder -aversion, seine Tagesform, seine persönlichen und sozialen Umstände usw.


Den passenden Handelsstil finden

Ich habe versucht, allgemein über den Umgang mit Information im Trading zu sprechen, und dies musste sich auf eher oberflächliche Feststellungen beschränken. Denn unter der Überschrift „Trading“ wird ja eigentlich so Vielfältiges und Verschiedenes zusammengefasst, dass darüber wirklich angemessen nur in Einzelbetrachtungen gesprochen werden kann.

Je nach Handelsstil, Zeitebene, gehandelten Märkten usw. fallen die Anforderungen an die Fähigkeiten des Traders sowie Charakter und Gewichtung seiner Informationsbasis ganz unterschiedlich aus:

Der Scalper muss blitzschnell auf Preisbewegungen reagieren, Orderbücher mit einem Blick erfassen und umgehend Entscheidungen treffen können.

Der längerfristig orientierte Trader muss komplizierte Zusammenhänge innerhalb und außerhalb der Märkte kennen und zusammenführen können, um zu sinnvollen, begründeten Handelsentscheidungen zu gelangen. Hier sollten also die eigenen Talente und die Persönlichkeit genau geprüft werden.

Nicht jeder wird für den Kurzfristhandel in Echtzeit geeignet sein, wo Anforderungen an Schnelligkeit der Aufnahme, Verarbeitung und Entscheidung gestellt werden, die nun einmal nicht jeder erfüllen kann oder möchte. Arbeiten unter Zeitdruck, rücksichtsloses und überlegungsfreies Entscheiden liegen nicht jedem und müssen es auch nicht.

Manch einer wird in höheren Zeitebenen sein ideales Betätigungsfeld finden und auch dies erfordert wieder Fähigkeiten und Talente, die nicht jeder in gleicher Ausprägung mitbringt: Wer längerfristig orientiert handelt, muss vielfältigste Faktoren berücksichtigen, komplexe Zusammenhänge verstehen und nicht nur ausgeprägte analytische und systematisch-ganzheitliche Fähigkeiten mitbringen und entwickeln, sondern auch ein Gespür für die Marktstimmung haben.

Dass der Grad an Risikofreudigkeit bzw. -aversion ebenfalls eine wichtige und berechtigte Rolle bei Handelsentscheidungen und der Wahl des Handelsansatzes spielt, hatte ich schon gesagt. Hierbei handelt es sich allerdings um etwas, das in gewissem Maße ganz einfach zum Charakter des individuellen Traders gehört und seine Persönlichkeit mit definiert.

Es bleibt zweifelhaft, dass dies radikal umgekrempelt werden könnte oder sollte. Wir werden hierauf in den nächsten Abschnitten zu sprechen kommen.


Tradingpsychologie: Die Selbstentwicklung des Traders

Im Folgenden geht es um eine Grundlagenfrage beim Traden: Lässt sich Trading lernen? Wenn ja, welche Möglichkeiten haben Trader sich persönlich und hinsichtlich der eigenen professionellen Fähigkeiten weiterzuentwickeln? Welche Rolle spielt Selbstmonitoring beim Traden und was bedeutet es, sein Trading als Unternehmen zu begreifen?

Ich bin als Trader nicht nur aktiv, sondern interessiere mich besonders auch für Grundlagenfragen zum Trading, also Fragen wie die folgenden:

  • Was ist eigentlich Trading – nichts anderes als Glücksspiel, so dass sich etwaige Profite lediglich auf Glück gründen, wobei am Ende sowieso die Bank bzw. der Broker gewinnt?
  • Oder ist echtes Trading ein Handwerk, eine Profession, wobei sich beständiger Erfolg durch einen Vorsprung an Können und Wissen erreichen lässt?
  • Lässt sich profitables Trading lehren und lernen oder hängt es von angebotenen Talenten ab, die nicht jeder mitbringt? Kann es von Computern übernommen werden und werden diese dann menschliches Trading irgendwann unmöglich machen?
  • Haben wir es mit effizienten Märkten zu tun oder kann der Einzelne einen fairen Vorteil haben? Kann die Technische Analyse einen Vorteil verschaffen oder doch eher die Fundamentalanalyse?

Diese und ähnliche Fragen werden natürlich unter Tradern diskutiert und so mancher hat dazu seine Antworten. Nicht wenige wollen aber auch einfach nur gesagt bekommen, welchen Regelwerken sie folgen oder sogar nur: welche Werte sie wann handeln sollen.

Entsprechend floriert das Scam-Business auch im Trading und wird dies auch weiterhin, solange es seine Kunden bzw. Opfer findet. Es ist ja schon bemerkenswert, wie wenig Kenntnis der Funktionsweise der Märkte und des Handels, wie viel Falschheiten und Irrglaube bis hin zu Verschwörungstheorien bei Leuten anzutreffen sind, die durchaus bereit sind, erhebliche Geldbeträge in den Märkten zu riskieren.

Zum Teil sind die Kenntnisse der Marktmechanismen und -abläufe dabei so gering, dass sie nicht einmal in der Lage sind, genau anzugeben, was sie da eigentlich tun und schon gar nicht, warum. Vielleicht wollen sie es auch gar nicht wissen, und Broker und Banken tragen mit ihrer Werbung und ihren fragwürdigen „Ausbildungs“-Inhalten im Web ihren Teil zu diesen Zuständen bei.

Ich bin dagegen davon überzeugt, dass es auch von praktischem Nutzen ist, über solche scheinbar bloß theoretischen Fragen wie die oben genannten nachzudenken und es soll nun, um diesen Artikel abzuschließen, um eine dieser Grundlagenfragen gehen: Lässt sich Trading lernen?


Lässt sich Trading lernen? Und wenn ja wie?

Mit der Ergänzung „Und wie?“ habe ich meinen Standpunkt schon ausgesprochen, nämlich dass sich echtes Trading in der Tat lernen lässt. Das war ja auch schon Voraussetzung der ersten beiden Artikel. Ich bin dieser Überzeugung, weil ich Trading als eine professionelle Fähigkeit auffasse, d.h. als etwas, das nicht einfach nur von angeborenen Talenten oder reinem Glück abhängt, sondern etwas, das durch geeignetes Training und Ausbildung entwickelt werden kann – entsprechende Bereitschaft und Disziplin vorausgesetzt.

Trading als Profession

Dass Trading eine Profession ist, soll besagen, dass es sich dabei um eine Tätigkeit handelt, die eine Spezialisierung voraussetzt: Trading besteht im Einsatz von Fähigkeiten und Wissen, über die man nicht einfach so verfügt, aber durch qualifizierte Ausbildung entwickeln kann.

Das gilt ja so für alle anspruchsvolleren Tätigkeiten: Ob Pilot, Ingenieur, Handwerker oder eben Trader: Immer kommt es dabei auf besonderes Fachwissen, geschulte Fähigkeiten und umfangreiche praktische Erfahrung – kurz: Kompetenz – an, die nur durch teils sehr langwierige Ausbildung und Training zu erwerben sind.

Ich sehe nicht, warum die fürs Trading erforderlichen Fähigkeiten nicht von einigen mehr Leuten erworben werden können sollten, als es bislang der Fall ist – eine entsprechende Ausbildung vorausgesetzt. Deshalb halte ich Trading für lernbar, allerdings mit der Besonderheit: Die Wenigsten können hierzu auf einen Lehrer zurückgreifen. Denn fürs spekulative Trading, die Spitzendisziplin im Börsenhandel, gibt es eigentlich keine zugänglichen institutionalisierten Ausbildungsprogramme.

Es ist der Ausnahmefall, angehenden Bankenhändlern oder zahlungskräftigen Privatpersonen vorbehalten, dass jemand über einen längeren Zeitraum hinweg einen Mentor neben sich sitzen hat, der einen ins Trading-Handwerk einführt. Daraus folgt: Trading-Kompetenz ist in der Regel nur in einem Selbstlernprozess, einem Selbstprofessionalisierungsprozess zu entwickeln.

Trading als Selbstlernprozess

Wie ist ein solcher Selbstlernprozess zu gestalten? Damit, dass es sich um einen Selbstlernprozess handelt, soll nicht gesagt sein, dass eben auf die Funktion eines Lehrers und Mentors zu verzichten sei. Das Besondere ist hier vielmehr, dass man dessen Rolle wenigstens zum Teil selbst übernehmen muss, man also Lehrer und Lehrling zugleich ist. Natürlich kann man nicht insofern sein eigener Lehrer sein, dass man sich selbst neues Wissen lehrt, über das man ja noch gar nicht verfügt. Der Erwerb von Fachwissen muss aus fremden Quellen schöpfen, also auf Bücher, Internet, Seminare usw. zurückgreifen – wobei, wie schon besprochen wurde, planmäßig und selektiv vorzugehen ist.

Welche über die bloße Vermittlung von Lehrbuchwissen hinausgehende Rolle spielt ein Lehrer aber, wenn es um die Entwicklung spezialisierter Fähigkeiten geht? Ein echter Lehrer ist ja nicht einfach durch ein Buch oder ein Internet-Video zu ersetzen. Das gilt für alle schwierigeren praktischen Tätigkeiten, sei es beispielsweise das Autofahren, das Spielen eines Musikinstruments, Kampfsport oder eben das Trading.

In Fällen wie diesen ist ein Lehrer nicht nur Wissensvermittler, sondern führt vor und zeigt, wie etwas richtig gemacht wird. Ein Lehrer macht Vorgaben, stellt Aufgaben und beurteilt, kritisiert und lobt die eigenen Versuche des Schülers. Darin steckt dann auch der eigentliche Lerneffekt: Kommentierung und Beurteilung lenken die Aufmerksamkeit auf Aspekte und Dinge, für die man zuvor keinen Blick hatte.

Lob bestätigt und bestärkt richtige Verhaltensweisen, Kritik unterbindet falsche Verhaltensweisen und fördert Veränderung und Verbesserung. Ein Lehrer kann zudem auch begeistern, zeigen was erreichbar ist und zum Durchhalten motivieren. Gerade das Erlernen des Trading ist ja leider von erheblichen Durststrecken geprägt, die andererseits aber zum Entwicklungsprozess notwendig dazugehören. Der Unwille und Mangel an langem Atem, solches auszuhalten dürfte, neben den berüchtigten verbrannten Konten, ein weiterer Grund für die hohen Abbrecherquoten im Trading sein.

Wie viel von dieser vielseitigen Rolle des Lehrers kann der angehende Trader aber selbst übernehmen? Sicher nicht alles. Das ist auch nicht nötig, macht die Sache aber zumindest schwieriger. Vom Trader ist jedenfalls aber gefordert, sich selbst in einer kritischen und beurteilenden Rolle gegenüberzutreten, also Selbsterkenntnis zu praktizieren und Selbstkenntnis anzustreben.

Selbstkenntnis

Die Fähigkeit und Bereitschaft, sich selbst einem ständigen kritischen Selbstmonitoring zu unterziehen, ist überhaupt eines der, wenn nicht das wichtigste Persönlichkeitsmerkmal, das ein Trader aufweisen muss. Das unter Tradern geflügelte Wort „Der Markt hat immer Recht!“ bringt zum Ausdruck, welcher Stellenwert dieser Haltung, Fehler zuallererst bei sich selbst zu suchen, einzuräumen ist. Dabei geht es freilich nicht um Schuldzuweisung oder Demut um ihrer selbst willen, sondern um persönliche Weiterentwicklung durch Selbstanalyse und Selbstkritik. Das alles hängt natürlich wieder unmittelbar von jener anderen Eigenschaft ab, die hier immer wieder Thema war, der Disziplin. Denn diese Selbstanalyse ist ja häufig unangenehm und setzt ein hohes Maß an Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber voraus. Was die eigenen Fehler angeht, neigt der Mensch zur Verdrängung.

Diszipliniertes Verhalten aber wird erleichtert, wo klar definierte, geregelte Abläufe das eigene Tun strukturieren. Diese Überlegungen führen darauf, die angestrebte Professionalisierung und Professionalität des Traders in einem professionellen Rahmen zu verorten, in diesem Fall also in unternehmensartigen Strukturen.


Trading als Unternehmen

Der Trader sollte sein Trading demnach zuallererst als ein Unternehmen im vollen Wortsinne begreifen, als „Ich-AG“ geradezu. Was ist damit gemeint? Um nur einige Punkte zu nennen:

  • Zweck ist die Erwirtschaftung von Gewinnen (nicht Spaß, Adrenalinrausch, Prestige oder Sonstiges).
  • Der Trader ist selbst Chef, einziger Mitarbeiter und wichtigstes Kapital.
  • Seine Unternehmung benötigt einen Businessplan. Welche Märkte sollen mit welchen Strategien getradet werden? Mit welchen Zielen in welchem Zeithorizont? Worauf gründet sich die Erfolgserwartung? Mit welchen Investititonen (Equipment, Weiterbildung, Tradingkapital) und weiteren Kosten (dazu gehören vor allem auch die notwendig entstehenden Tradingverluste) ist zu rechnen?
  • Eine echte Buchführung und das Führen eines Tradingjournals sind unverzichtbar.
  • Es muss klar definierte Arbeitszeiten und Termine geben, nicht für die Handelszeiten selbst, sondern auch für alle sonstigen im Trading notwendigen Abläufe und Aufgaben wie Planung, Vorbereitung, Nachbereitung, Analyse, Weiterbildung. Der aufgestellte Zeitplan muss schriftlich fixiert werden und gilt genauso streng wie die Arbeitszeiten eines Angestellten.

Es sollte klar sein, dass zum Thema „Trading als Unternehmen“ noch einiges mehr zu sagen wäre. Hier sollte es aber vor allem darum gehen: Die Selbstprofessionalisierung und der Erfolg des angehenden Traders hängen stark davon ab, dass er sich selbst einen solchen professionellen Rahmen schafft und damit auch Vorgaben, Regeln und Maßstäbe setzt, an denen er sein eigenes Tun messen und beurteilen kann.

Er arbeitet damit in Strukturen, die diszipliniertes Verhalten begünstigen. Auch wenn es sich bei all dem noch gar nicht um konkrete Trading-Strategien handelt, sondern um den Rahmen, in dem professionelles Trading erst stattfinden kann, so rüstet doch auch schon dieses professionelle Setting für den Markt und seine Anforderungen und Risiken.

Diese Risiken liegen zum Teil im Trader selbst. Selbstkenntnis ist daher nicht weniger wichtig als Marktkenntnis, denn der Markt mag zwar kein Interesse daran haben, einem zu schaden, bietet aber dem Unvorbereiteten viele Möglichkeiten, dies selbst zu tun. Der Lernprozess ist nie abgeschlossen, Trading und Trading lernen fallen letztlich zusammen:

Dauerhafter Erfolg in den sich ständig wandelnden Märkten erfordert unbedingt die Bereitschaft des Traders, täglich dazuzulernen (über die Märkte, wie auch über sich selbst), flexibel zu bleiben und sich neuen Gegebenheiten anzupassen, und er tut dies genau und nur, indem er tradet.