Tradingpsychologie: Der Feind in mir (Teil 1/3)

02.06.2015 - 7 Minuten Lesezeit

Unter dem Stichwort „Tradingpsychologie“ findet man im Netz und in Lehrbüchern eine Reihe von im Wesentlichen immer wieder gleich lautenden Empfehlungen und Ratschlägen, die ein besonderes Mindset als zentralen, vielleicht gar ausschlaggebenden Faktor für längerfristigen Erfolg im Trading nahelegen. Der Trading-Anfänger liest und hört allenthalben, dass die bloße Kenntnis von Handelsstrategien nicht ausreiche, sondern dass ein erfolgreicher Trader insbesondere auch grundsätzlich andere Verhaltensweisen an den Tag legen müsse, als die vielen Erfolglosen: Er solle sich strikt an seinen Handelsplan halten, sich nicht von Gier oder Angst bestimmen lassen, sich durch Verlusttrades nicht frustrieren lassen, erst recht keine Rachetrades eingehen, und einiges dergleichen mehr.

Gastbeitrag von Dr. Michael Nerurkar

Die Suche nach dem heiligen Gral

Aber das alles klingt natürlich leichter als es tatsächlich ist, wird hiermit doch letztlich gefordert, eingeschliffene und tief verankerte Verhaltensmuster zu ändern. Wäre das so einfach, es gäbe wohl kaum einen so großen Markt an Diätratgebern und Fitnesskursen, der ja großenteils davon zu leben scheint, dass die Leute unablässig neuen Hypes nachlaufen, die ihnen immer wieder aufs Neue versprechen, dass es diesmal nun endlich klappen wird mit dem Traumkörper oder dem Abnehmen ohne Anstrengung. Und im Trading werden auf der Suche nach dem in Traderkreisen sprichwörtlichen „heiligen Gral“ ständig die Indikatoren, Strategien und Märkte gewechselt, in der Hoffnung, dass es diesmal nun endlich etwas wird mit dem schnellen Reichtum ohne Risiko. Der Fehler scheint hier aber eher darin zu liegen, dass man den Fehler im System sucht, statt im Subjekt. Denn die Schwierigkeit besteht doch nicht darin, zu wissen, was man vernünftigerweise tun oder lassen sollte – dies lässt sich ja doch recht schnell anlesen oder sogar aus YouTube-Videos mitnehmen. Sondern viele scheitern daran, dieses Wissen dann auch praktisch umzusetzen und an den gewählten Grundsätzen und Vorsätzen konsequent festzuhalten – und zwar gerade gegen (primär in einem selbst liegende) Widerstände aller Arten. Mit einem Wort also: Disziplin.

Den inneren Schweinhund überwinden

Die Bedeutung von Disziplin im Trading sollte jedenfalls außer Zweifel stehen, ihr zentraler Stellenwert wird ja auch von den Profis unermüdlich betont. Klar ist aber auch, dass die Wenigsten hiermit übermäßig gesegnet sind – es trägt ja doch jeder seinen „inneren Schweinehund“ mit sich herum. Wir werden in den folgenden Teilen dieser Artikel-Serie Möglichkeiten vorstellen, wie man diesbezüglich an sich arbeiten und sich weiterentwickeln kann.

Diziplin alleine reicht nicht aus

Für sich genommen ist Disziplin freilich relativ wertlos, ja kann in übersteigerter Form sogar in Verbissenheit ausarten. Vernünftiger dürfte es sein, Disziplin als eine Charaktereigenschaft aufzufassen, die nicht Selbstzweck ist, sondern sich in konkreten Tätigkeiten und Kontexten äußern, verwirklichen und unter Beweis stellen muss. Handelt es sich bei der fraglichen Tätigkeit und dem Kontext um das Trading und die Märkte, so sollte allerdings nicht übersehen werden, dass es mit strenger Disziplin allein noch nicht getan ist, sondern dass hier eine Reihe weiterer Kompetenzen auf hohem Niveau erfordert wird, die ebenfalls nicht naturgegeben sind, sondern durch Übung und Erfahrung entwickelt werden müssen. Das ist an mehreren Punkten festzumachen. Spekulatives Trading ist das Befolgen von Strategien, d.h. von Regeln, die vorgeben, was in welchen Situationen auf welche Weise getan werden soll, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Trading unterscheidet sich dadurch klar von Zockerei (dem Eröffnen von Positionen nach Gefühl oder aus Hoffnung auf Glück – wobei anzumerken ist, dass professionelle Glücksspieler im Unterschied zu einfachen Zockern ja ebenfalls Strategien verfolgen, die, genau wie Trading-Strategien, den Zweck haben, methodisch vorzugehen, das Risiko zu kontrollieren usw.).

Die Frage nach dem Warum muss klar sein

Nun müssen erstens diese Strategien zunächst einmal verstanden werden, und zwar nicht lediglich im Sinne ihrer korrekten Befolgung („Welches Vorgehen verlangt das Regelwerk?“ – was bei komplexeren Strategien ja durchaus anspruchsvoll ist), sondern auch in ihrer Berechtigung und Funktionsweise. Wer eine Strategie einsetzt, sollte zuerst einmal nachvollzogen haben, warum die Strategie existiert, warum sie so gestaltet ist, wie sie ist und warum sie zu Erfolg führen könnte. Wer dagegen Handelsstrategien blind befolgt, nur weil sie ihm von irgendwem angepriesen wurden, der weiß eigentlich gar nicht, was er da tut.

Umgang mit Komplexität

Zweitens müssen Strategien angewendet werden, d.h. auf konkrete Marktsituationen bezogen und kontextualisiert werden. Die Marktsituation ist aber immer sehr komplex und es kommt hier dann auf den Umgang mit dieser Komplexität und auf handwerkliche Präzision an.

Faktoren richtig beurteilen

Drittens muss der Trader über die Fähigkeit verfügen, zu beurteilen, ob in einer konkreten Situation die Bedingungen des Strategieeinsatzes hinreichend erfüllt sind. Ebenso aber auch, ob etwa trotz Erfülltsein der Bedingungen in einer gegebenen Marktsituation weitere, in der Strategie nicht vorgesehene Faktoren gegeben sind, die gebieten, nicht in den Markt zu gehen, auch wenn das Regelwerk dies eigentlich vorschreiben würde.

Vorsprung durch Technik Urteilsvermögen

In der sich auf diese drei Punkte beziehenden Kompetenz, die Urteilskraft genannt wird, liegt dann auch der entscheidende Vorteil, den ein im Markt erfahrener Trader nicht nur gegenüber dem noch so sehr in der Theorie belesenen Anfänger, sondern vor allem auch gegenüber automatisierten Computer-Handelssystemen hat. Eine Strategie einzusetzen heißt eben nicht einfach, stur einen Algorithmus abzuarbeiten. Trader sind keine Computer und werden vieles nicht leisten können, was mit Software-Algorithmen heutzutage schon möglich ist. Aber in ihrer Fähigkeit zur Reflexion liegt ein großer Vorsprung, den der Mensch auf absehbare Zeit auch noch halten wird. Computer können Regeln folgen, aber sie können nicht entscheiden, ob dies im Einzelfall auch sinnvoll ist.

"Die beste Strategie" existiert nicht

Auf die Frage nach dem heiligen Gral im Trading darf man deshalb wohl antworten: Wenn überhaupt, dann handelt es sich dabei nicht um „die beste Strategie“, sondern um eine spezifische Persönlichkeitsstruktur, Erfahrung und Kompetenz – man könnte sagen: die Trader-Persönlichkeit. Was die weiteren fachlichen und handwerklichen Fähigkeiten im Trading angeht, ist es sinnvoll, das Feld einmal überblickartig zu ordnen. Dabei liegt es nahe, zwischen kognitiven und emotionalen Fähigkeiten zu unterscheiden. Wir wollen beide im Folgenden nur knapp vorstellen, um sie dann im zweiten Teil dieser Artikelserie eingehender zu erläutern und schließlich im dritten Teil nach den Möglichkeiten ihrer Entwicklung und Vertiefung zu fragen.

Kognitive Fähigkeiten

Unter kognitiven Fähigkeiten werden Intelligenz und rationales Denken im weitesten Sinne verstanden. Sie spielen im Trading im Wesentlichen in drei konkreten Ausprägungen eine Rolle: Erstens als Auffassungsgabe, also die Fähigkeit zur Aufnahme und Verarbeitung von Informationen, wozu analytische Fähigkeiten, mathematisches Denken, visuelle Fähigkeiten (etwa Mustererkennung) usw. zählen. Zweitens im Umgang mit Komplexität, also Komplexitätsreduktion bzw. -bewältigung: Fähigkeiten zu abstrahieren, zu verallgemeinern usw. Drittens als die Fähigkeit, Wissen zu kontextualisieren und zu reflektieren: systematisches, ganzheitliches und kritisches Denken.

Emotionen verstehen und im Zaum halten

Emotionen umfassen Euphorie, Angst, Ärger, Frust, Gier usw. Unter emotionalen Fähigkeiten sind dann Fähigkeiten zum Umgang mit den eigenen Emotionen gemeint, von ihrer Wahrnehmung, Analyse und Beurteilung bis hin zu ihrer Kontrolle und Nutzbarmachung für bestimmte höhere Zwecke. Bekanntermaßen dienen Emotionen ursprünglich ja der Verhaltenssteuerung, aber eben dies macht sie im Trading zunächst einmal so problematisch. Seine emotionale Seite tritt dem Trading-Anfänger nämlich in der Regel in Form von Zwängen oder Hemmnissen auf, und hier muss aktiv gegengesteuert werden. Keinesfalls aber sind Emotionen per se schlecht, das gilt im Trading wie im Leben überhaupt. Emotionale Kompetenz besteht daher auch sicherlich nicht darin, die Emotionalität in sich einfach zu unterdrücken. Dies hat wieder mehrere Gründe: Erstens können wir der emotionalen Seite wenigstens zum Teil auch die nicht-bewusste, nicht-kognitive Intuition zurechnen und diese erfüllt im Trading eine wichtige Funktion. Zweitens, und dies ist ein für die eigene Entwicklung zentraler Punkt, lassen sich wünschenswerte Verhaltensweisen unter Nutzbarmachung der emotionalen Seite einer Person effektiv verankern.

Die vorangegangenen Ausführungen sollen nicht abschrecken, sondern motivieren. Denn Disziplin lässt sich stärken und die fürs Trading einschlägigen fachlichen und handwerklichen Kompetenzen lassen sich durch gezielte Arbeit erwerben, entwickeln und vertiefen. Das Trading zu erlernen sollte daher von vornherein zu großen Teilen als eine Persönlichkeitsschule begriffen werden. Dabei soll auch gar nicht verhehlt werden, dass dies eine harte Schule ist, bei der auch noch kaum einer je um das Zahlen des berühmten Lehrgeldes gekommen ist. Eine vorrangige Frage ist daher: Wo und wie setzt man an, wenn man sich in diesen Bereichen persönlich weiterentwickeln möchte? Damit wollen wir uns in den übrigen Teilen dieser Artikelserie eingehender beschäftigen.

Ihr Michael Nerurkar

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Team BrokerDeal

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