Tradingpsychologie: Die Selbstentwicklung des Traders (Teil 3/3)

31.08.2015 - 8 Minuten Lesezeit

Im dritten Teil der Artikelserie geht es um eine Grundlagenfrage beim Traden: Lässt sich Trading lernen? Wenn ja, welche Möglichkeiten haben Trader sich persönlich und hinsichtlich der eigenen professionellen Fähigkeiten weiterzuentwickeln? Welche Rolle spielt Selbstmonitoring beim Traden und was bedeutet es, sein Trading als Unternehmen zu begreifen?

Gastbeitrag von Dr. Michael Nerurkar

Ich bin als Trader nicht nur aktiv, sondern interessiere mich besonders auch für Grundlagenfragen zum Trading, also Fragen wie die folgenden: Was ist eigentlich Trading – nichts anderes als Glücksspiel, so dass sich etwaige Profite lediglich auf Glück gründen, wobei am Ende sowieso die Bank bzw. der Broker gewinnt? Oder ist echtes Trading ein Handwerk, eine Profession, wobei sich beständiger Erfolg durch einen Vorsprung an Können und Wissen erreichen lässt? Lässt sich profitables Trading lehren und lernen oder hängt es von angebotenen Talenten ab, die nicht jeder mitbringt? Kann es von Computern übernommen werden und werden diese dann menschliches Trading irgendwann unmöglich machen? Haben wir es mit effizienten Märkten zu tun oder kann der Einzelne einen fairen Vorteil haben? Kann die Technische Analyse einen Vorteil verschaffen oder doch eher die Fundamentalanalyse?

Diese und ähnliche Fragen werden natürlich unter Tradern diskutiert und so mancher hat dazu seine Antworten. Nicht wenige wollen aber auch einfach nur gesagt bekommen, welchen Regelwerken sie folgen oder sogar nur: welche Werte sie wann handeln sollen. Entsprechend floriert das Scam-Business auch im Trading und wird dies auch weiterhin, solange es seine Kunden bzw. Opfer findet. Es ist ja schon bemerkenswert, wie wenig Kenntnis der Funktionsweise der Märkte und des Handels, wie viel Falschheiten und Irrglaube bis hin zu Verschwörungstheorien bei Leuten anzutreffen sind, die durchaus bereit sind, erhebliche Geldbeträge in den Märkten zu riskieren. Zum Teil sind die Kenntnisse der Marktmechanismen und -abläufe dabei so gering, dass sie nicht einmal in der Lage sind, genau anzugeben, was sie da eigentlich tun und schon gar nicht, warum. Vielleicht wollen sie es auch gar nicht wissen, und Broker und Banken tragen mit ihrer Werbung und ihren fragwürdigen „Ausbildungs“-Inhalten im Web ihren Teil zu diesen Zuständen bei. Ich bin dagegen davon überzeugt, dass es auch von praktischem Nutzen ist, über solche scheinbar bloß theoretischen Fragen wie die oben genannten nachzudenken und es soll nun, um diese Artikelserie abzuschließen, um eine dieser Grundlagenfragen gehen: Lässt sich Trading lernen?


Lässt sich Trading lernen? Und wie?

Mit der Ergänzung „Und wie?“ habe ich meinen Standpunkt schon ausgesprochen, nämlich dass sich echtes Trading in der Tat lernen lässt. Das war ja auch schon Voraussetzung der ersten beiden Artikel. Ich bin dieser Überzeugung, weil ich Trading als eine professionelle Fähigkeit auffasse, d.h. als etwas, das nicht einfach nur von angeborenen Talenten oder reinem Glück abhängt, sondern etwas, das durch geeignetes Training und Ausbildung entwickelt werden kann – entsprechende Bereitschaft und Disziplin vorausgesetzt.

Trading als Profession

Dass Trading eine Profession ist, soll besagen, dass es sich dabei um eine Tätigkeit handelt, die eine Spezialisierung voraussetzt: Trading besteht im Einsatz von Fähigkeiten und Wissen, über die man nicht einfach so verfügt, aber durch qualifizierte Ausbildung entwickeln kann. Das gilt ja so für alle anspruchsvolleren Tätigkeiten: Ob Pilot, Ingenieur, Handwerker oder eben Trader: Immer kommt es dabei auf besonderes Fachwissen, geschulte Fähigkeiten und umfangreiche praktische Erfahrung – kurz: Kompetenz – an, die nur durch teils sehr langwierige Ausbildung und Training zu erwerben sind. Ich sehe nicht, warum die fürs Trading erforderlichen Fähigkeiten nicht von einigen mehr Leuten erworben werden können sollten, als es bislang der Fall ist – eine entsprechende Ausbildung vorausgesetzt. Deshalb halte ich Trading für lernbar, allerdings mit der Besonderheit: Die Wenigsten können hierzu auf einen Lehrer zurückgreifen. Denn fürs spekulative Trading, die Spitzendisziplin im Börsenhandel, gibt es eigentlich keine zugänglichen institutionalisierten Ausbildungsprogramme. Es ist der Ausnahmefall, angehenden Bankenhändlern oder zahlungskräftigen Privatpersonen vorbehalten, dass jemand über einen längeren Zeitraum hinweg einen Mentor neben sich sitzen hat, der einen ins Trading-Handwerk einführt. Daraus folgt: Trading-Kompetenz ist in der Regel nur in einem Selbstlernprozess, einem Selbstprofessionalisierungsprozess zu entwickeln.

Trading als Selbstlernprozess

Wie ist ein solcher Selbstlernprozess zu gestalten? Damit, dass es sich um einen Selbstlernprozess handelt, soll nicht gesagt sein, dass eben auf die Funktion eines Lehrers und Mentors zu verzichten sei. Das Besondere ist hier vielmehr, dass man dessen Rolle wenigstens zum Teil selbst übernehmen muss, man also Lehrer und Lehrling zugleich ist. Natürlich kann man nicht insofern sein eigener Lehrer sein, dass man sich selbst neues Wissen lehrt, über das man ja noch gar nicht verfügt. Der Erwerb von Fachwissen muss aus fremden Quellen schöpfen, also auf Bücher, Internet, Seminare usw. zurückgreifen – wobei, wie schon besprochen wurde, planmäßig und selektiv vorzugehen ist. Welche über die bloße Vermittlung von Lehrbuchwissen hinausgehende Rolle spielt ein Lehrer aber, wenn es um die Entwicklung spezialisierter Fähigkeiten geht? Ein echter Lehrer ist ja nicht einfach durch ein Buch oder ein Internet-Video zu ersetzen. Das gilt für alle schwierigeren praktischen Tätigkeiten, sei es beispielsweise das Autofahren, das Spielen eines Musikinstruments, Kampfsport oder eben das Trading. In Fällen wie diesen ist ein Lehrer nicht nur Wissensvermittler, sondern führt vor und zeigt, wie etwas richtig gemacht wird. Ein Lehrer macht Vorgaben, stellt Aufgaben und beurteilt, kritisiert und lobt die eigenen Versuche des Schülers. Darin steckt dann auch der eigentliche Lerneffekt: Kommentierung und Beurteilung lenken die Aufmerksamkeit auf Aspekte und Dinge, für die man zuvor keinen Blick hatte. Lob bestätigt und bestärkt richtige Verhaltensweisen, Kritik unterbindet falsche Verhaltensweisen und fördert Veränderung und Verbesserung. Ein Lehrer kann zudem auch begeistern, zeigen was erreichbar ist und zum Durchhalten motivieren. Gerade das Erlernen des Trading ist ja leider von erheblichen Durststrecken geprägt, die andererseits aber zum Entwicklungsprozess notwendig dazugehören. Der Unwille und Mangel an langem Atem, solches auszuhalten dürfte, neben den berüchtigten verbrannten Konten, ein weiterer Grund für die hohen Abbrecherquoten im Trading sein.

Wieviel von dieser vielseitigen Rolle des Lehrers kann der angehende Trader aber selbst übernehmen? Sicher nicht alles. Das ist auch nicht nötig, macht die Sache aber zumindest schwieriger. Vom Trader ist jedenfalls aber gefordert, sich selbst in einer kritischen und beurteilenden Rolle gegenüberzutreten, also Selbsterkenntnis zu praktizieren und Selbstkenntnis anzustreben.

Selbstkenntnis

Die Fähigkeit und Bereitschaft, sich selbst einem ständigen kritischen Selbstmonitoring zu unterziehen, ist überhaupt eines der, wenn nicht das wichtigste Persönlichkeitsmerkmal, das ein Trader aufweisen muss. Das unter Tradern geflügelte Wort „Der Markt hat immer Recht!“ bringt zum Ausdruck, welcher Stellenwert dieser Haltung, Fehler zuallererst bei sich selbst zu suchen, einzuräumen ist. Dabei geht es freilich nicht um Schuldzuweisung oder Demut um ihrer selbst willen, sondern um persönliche Weiterentwicklung durch Selbstanalyse und Selbstkritik. Das alles hängt natürlich wieder unmittelbar von jener anderen Eigenschaft ab, die hier immer wieder Thema war, der Disziplin. Denn diese Selbstanalyse ist ja häufig unangenehm und setzt ein hohes Maß an Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber voraus. Was die eigenen Fehler angeht, neigt der Mensch zur Verdrängung. Diszipliniertes Verhalten aber wird erleichtert, wo klar definierte, geregelte Abläufe das eigene Tun strukturieren. Diese Überlegungen führen darauf, die angestrebte Professionalisierung und Professionalität des Traders in einem professionellen Rahmen zu verorten, in diesem Fall also in unternehmensartigen Strukturen.


Trading als Unternehmen

Der Trader sollte sein Trading demnach zuallererst als ein Unternehmen im vollen Wortsinne begreifen, als „Ich-AG“ geradezu. Was ist damit gemeint? Um nur einige Punkte zu nennen:

  • Zweck ist die Erwirtschaftung von Gewinnen (nicht Spaß, Adrenalinrausch, Prestige oder Sonstiges).
  • Der Trader ist selbst Chef, einziger Mitarbeiter und wichtigstes Kapital.
  • Seine Unternehmung benötigt einen Businessplan. Welche Märkte sollen mit welchen Strategien getradet werden? Mit welchen Zielen in welchem Zeithorizont? Worauf gründet sich die Erfolgserwartung? Mit welchen Investititonen (Equipment, Weiterbildung, Tradingkapital) und weiteren Kosten (dazu gehören vor allem auch die notwendig entstehenden Tradingverluste) ist zu rechnen?
  • Eine echte Buchführung und das Führen eines Tradingjournals sind unverzichtbar.
  • Es muss klar definierte Arbeitszeiten und Termine geben, nicht für die Handelszeiten selbst, sondern auch für alle sonstigen im Trading notwendigen Abläufe und Aufgaben wie Planung, Vorbereitung, Nachbereitung, Analyse, Weiterbildung. Der aufgestellte Zeitplan muss schriftlich fixiert werden und gilt genauso streng wie die Arbeitszeiten eines Angestellten.

Es sollte klar sein, dass zum Thema „Trading als Unternehmen“ noch einiges mehr zu sagen wäre. Hier sollte es aber vor allem darum gehen: Die Selbstprofessionalisierung und der Erfolg des angehenden Traders hängen stark davon ab, dass er sich selbst einen solchen professionellen Rahmen schafft und damit auch Vorgaben, Regeln und Maßstäbe setzt, an denen er sein eigenes Tun messen und beurteilen kann. Er arbeitet damit in Strukturen, die diszipliniertes Verhalten begünstigen. Auch wenn es sich bei all dem noch gar nicht um konkrete Trading-Strategien handelt, sondern um den Rahmen, in dem professionelles Trading erst stattfinden kann, so rüstet doch auch schon dieses professionelle Setting für den Markt und seine Anforderungen und Risiken. Diese Risiken liegen zum Teil im Trader selbst. Selbstkenntnis ist daher nicht weniger wichtig als Marktkenntnis, denn der Markt mag zwar kein Interesse daran haben, einem zu schaden, bietet aber dem Unvorbereiteten viele Möglichkeiten, dies selbst zu tun. Der Lernprozess ist nie abgeschlossen, Trading und Trading lernen fallen letztlich zusammen: Dauerhafter Erfolg in den sich ständig wandelnden Märkten erfordert unbedingt die Bereitschaft des Traders, täglich dazuzulernen (über die Märkte, wie auch über sich selbst), flexibel zu bleiben und sich neuen Gegebenheiten anzupassen, und er tut dies genau und nur, indem er tradet.

Ihr Michael Nerurkar

Über den Autor

Team BrokerDeal

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