Mentale Stärke im Trading-Alltag – So kann sie geschult werden

23.09.2014 - 6 Minuten Lesezeit

Der Alltag eines Traders besteht aus einem ständigen Wettkampf. Somit können Trader auch mit Leistungssportlern verglichen werden. Aber wo für Sportler fast täglich ein umfangreiches Trainingsprogramm auf dem Plan steht, vernachlässigen viele Trader das „mentale Training“. Der nachfolgende Artikel zeigt Ihnen, wie Sie Ihre Psyche schulen können.

Ein bekanntes Szenario

Kennen Sie das auch? Sie tätigen Trades, machen Gewinne und auch Verluste – und nachdem Sie das vierte oder fünfte Mal in Folge verlieren, vergessen Sie alle Trading-Regeln, vergessen Ihr Money-Management und tätigen wahllos Trades mit hohen Risiken und unverhältnismäßigen Einsätzen, um Ihre entstandenen Verluste wieder auszugleichen. Viele Trader haben schon einmal eine Situation erlebt, in der sie ihre Handelsentscheidungen emotional getroffen haben und nicht rational. Im schlimmsten Fall haben solche Entscheidungen ein finanzielles Fiasko zur Folge, bei dem die Verluste um ein Vielfaches steigen. Und im Nachhinein stellt sich dann immer die Frage: „Wieso habe ich das bloß getan?“.

Jeder macht manchmal Fehler

Wenn Sie das oben beschriebene Szenario kennen, können Sie sich sicher sein, dass Sie damit nicht allein sind. Jeder Trader hat bereits Krisen durchgemacht und die oben geschilderte Verhaltensweise ist nur menschlich. Warum? Die Menschen sind einfach so „programmiert“. Im limbischen System unseres Hirns sind bestimmte Areale vorhanden, die uns unwillkürlich zu bestimmten Verhaltensmustern animieren können, derer wir uns erst im Nachhinein bewusst werden und uns allzu häufig über uns selbst wundern. Das jedem Trader bekannte Bedürfnis, das Risiko nach mehreren Verlusten zu erhöhen, entsteht im Gyrus Cinguli, einem Gehirnareal, das vor tausenden von Jahren unseren Vorfahren beim Überlebenskampf behilflich war. Konnte unser Urahn bei der Hasenjagd nicht erfolgreich sein, wurde eben der Bär erlegt, um die Nahrungsversorgung sicherzustellen. An der Börse stellt nicht der Bär das Risiko dar, sondern die Möglichkeit des Kapitalverlusts. Auf emotionaler Ebene getroffene Handelsentscheidungen, die von unbewussten Mechanismen geprägt sind, führen in den meisten Fällen zu verfälschten Wahrnehmungen, die beim Trading dann zur Folge haben können, dass Verluste laufen gelassen und Gewinne zu schnell mitgenommen werden.

Bereiten Sie sich mit mentalem Trading vor

An dieser Stelle soll gesagt werden, dass mentales Trading nicht dazu dient, die eigenen Gefühle auszuschalten, denn das geht nicht. Viel mehr ist es für einen Trader von Bedeutung, sich selbst gut zu kennen und auch die einfachsten Grundlagen der Hirnforschung zu verstehen. Das Ziel ist vor allem, die eigenen Gewinne zu maximieren, diese laufen zu lassen und das meiste aus der gegebenen Situation herauszuholen. Dazu ist es notwendig, Disziplin und Konsequenz zu üben und sich nicht von Emotionen wie Angst, Euphorie, Gier oder Panik leiten zu lassen. Das wäre dann die Idealvorstellung, die sich alle Trader wünschen, doch die Realität sieht leider anders aus. Damit es möglich wird, eine sinnvolle Umsetzung von Chartsignalen sowie ein widerspruchsfreies Regelwerk zu realisieren, ist mentales Training hilfreich. Mentales Training hilft Ihnen unter anderem dabei, Ihre Stops einzuhalten, Ihre Orderausführung zu automatisieren und Ihre Trades zu planen.

Positive Einstellung

Vor allem Trading-Anfänger, aber auch Profis sollten sich zunächst eingehend mit den möglichen mentalen Stolpersteinen beschäftigen. Außerdem ist eine positive mentale Verfassung notwendig, die regelmäßig trainiert werden sollte. Bereiten Sie sich im Kopf auf das Trading vor und verinnerlichen Sie Ihre Trading-Regeln, damit diese ganz automatisiert ablaufen. Setzen Sie sich in Ihrem Kopf ganz eigene Stops, die unerwünschte Verhaltensmuster ausbremsen – so lernen Sie mit der Zeit, nicht in die Falle Ihres Gyrus Cinguli zu geraten.

Dokumentieren Sie Ihr Verhalten beim Trading

Was kann man also gegen wiederkehrende Verhaltensmuster tun? Abschalten kann man sie zwar nicht, wohl aber beobachten. Legen Sie sich ein Trading-Journal an und dokumentieren Sie nicht nur Ihre Trades mit den zugehörigen Ein- und Ausstiegspunkten sondern auch die Zeitpunkte, an denen Sie Ihre Disziplin über Bord geworfen haben. Mit der Zeit lernen Sie auf diese Weise, wann der Punkt erreicht ist, um aufzustehen und den Computer auszuschalten. Vernachlässigen Sie nie Ihre mentale Vorbereitung und versuchen Sie, sich möglichst immer wohl zu fühlen wenn Sie das Trading beginnen. Achten Sie auf Ihre Gemütslage und versuchen Sie, Ihre Trades nicht zu optimistisch, aber auch nicht überpessimistisch anzugehen.

Trader und Hochleistungssportler haben einiges gemeinsam

Das mentale Training bei Tradern lässt sich durchaus mit mentalem Training im Hochleistungssport vergleichen. Natürlich sind die einzelnen Aspekte nicht immer eins zu eins übertragbar, doch das folgende Beispiel aus dem Goldsport soll diesen Standpunkt noch verdeutlichen: Ein Profigolfer konzentriert sich im Moment des Abschlages nur auf den kommenden Schlag – er hat den Bewegungsablauf schon in seinem Kopf und auch die Flugrichtung des Balls bereits vor seinem inneren Auge ablaufen lassen. Er ist in diesem Moment voll konzentriert und muss alle störenden Gedanken und Ablenkungen ausblenden. In diesem Moment zählen nur der Ball, der eigene Körper und der Bewegungsablauf. Ein Trader, der geübt ist im mentalen Training, konzentriert sich auch vollends auf den aktuellen Trade. Er legt seine volle Aufmerksamkeit auf das Finden des richtigen Signals und auf die automatische Abgabe seiner Order. Seine volle Konzentration ist auf den Ablauf des Trades gerichtet und störende Gedanken wie mögliche Verluste und Gewinne werden ausgeblendet.

Es gibt viele Techniken für mentales Training

Um mentales Training zu realisieren, gibt es eine ganze Reihe von Techniken und Werkzeugen. Dabei können Sie zum Beispiel Selbstgesprächstechniken oder Techniken zur Aufmerksamkeitsregulation nutzen. Auch sind Anspannungs- und Entspannungstechniken möglich sowie Vorstellungsregulation. Ein ganz wichtiger Faktor für die erfolgreiche Umsetzung Ihrer Trading-Ziele ist es, sich dieser Ziele jederzeit klar zu sein und sie auch ständig aufs Neue zu überprüfen. Achten Sie dabei darauf, immer zwischen Ziel und Wunsch zu unterscheiden. Ihre Zielsetzung sollte realistisch sein und zu jeder Zeit von Ihnen kontrollierbar.

Eine einfache Atemtechnik zur Entspannung

Es gibt eine einfache und zugleich effektive Methode zur Entspannung, mit der Sie Ihre Konzentration beim Trading erhalten können. Die nachfolgend beschriebene Atemtechnik ermöglicht es Ihnen, kurz aus einer anstrengenden Situation auszusteigen und ein wenig zu entspannen.

  • Zählen Sie Ihre Atemzüge von eins bis fünf
  • Atmen Sie anschließend kurz ein – und atmen Sie lange und hörbar mit gespitzten Lippen aus
  • Konzentrieren Sie sich auf die Atmung und wiederholen Sie das ganze einige Male

Fazit

Nicht nur das Wissen um die technische Analyse sollte zu den Präferenzen eines Traders zählen – auch den mentalen Aspekten des Tradings sollten Sie ausreichend Aufmerksamkeit schenken. Natürlich ist es wichtig, ein eigenes Handelssystem zu besitzen und die eigenen Trading-Regeln aufzustellen, aber wenn Sie die mentalen Anforderungen des Trading-Alltags unterschätzen, werden Sie stets Gefahr laufen, Ihr ganzes Kapital zu „verzocken“. Sitzen Sie nicht zwölf Stunden vor dem Computer – viel effizienter sind drei bis fünf Stunden, die Sie voll konzentriert traden. Sorgen Sie auch für einen Ausgleich und achten Sie ebenfalls darauf, dass Sie nicht in der falschen Stimmung zum Traden sind. Finden Sie heraus wie viel Belastung Sie beim Trading aushalten und wie es für Sie möglich ist, mit dieser Belastung umzugehen. Machen Sie sich außerdem Gedanken darüber, unter welchen Voraussetzungen Sie konzentriert und entspannt handeln können. Denken Sie stets daran, ein Trading-Journal zu führen und dabei auch jedes Mal Ihre Emotionen zu erwähnen. So erkennen Sie wiederkehrende Verhaltensmuster und finden daraufhin rationale Lösungsmöglichkeiten.

Über den Autor

Stefan Salomon

Stefan Salomon

Stefan Salomon arbeitet seit März 2013 als Technischer Analyst für GodmodeTrader, wo er einen eigenen Ausbildungs-Service betreut: Salomons Candlestick-Service.Er ist Spezialist für Candlesticks in Verbindung mit der Trend- und Formationsanalyse. Mit fast 20 Jahren Erfahrung ist Stefan Salomon gefragter Medienpartner und Vortragsredner. Einem breiten Publikum ist er als Analyst bei n-tv und dem Deutschen Anleger Fernsehen (DAF) bekannt.In Seminaren und Webinaren vermittelt "Mr. Candlestick" sein Wissen an Börsen-Einsteiger, Fortgeschrittene und Profis. Folgen Sie Stefan Salomon auf Guidants.

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