Swingtrading für Berufstätige, Theorieteil

17.04.2014 - 18 Minuten Lesezeit

Mit dieser Artikelserie möchte ich Ihnen eine meiner gemütlichen und zeitsparenden Handelsmethoden näherbringen. Im Kern geht es dabei um kurzfristige Aktienstrategien (Haltedauer höchstens vier Tage) im Tageschart für den Börsenhandel außerhalb der Handelszeiten. D.h. wir suchen im Fall europäischer Aktien erst nach 17:30 nach attraktiven Signalen für den nächsten Tag und legen dafür passende Orders in den Markt. Ideal also für Berufstätige, Börsenneulinge, und/oder Trader die eine Beimischung suchen.

Manche Varianten und erweiterte Ideen können zwar auch das Setzen von Aktionen Intraday erforderlich machen. Aber vom hektischen Alltag eines Daytraders sind wir auch dann immer noch meilenweit entfernt. Wer mich kennt, weiß, dass meine Leidenschaft immer den praktischen Aspekten des Tradings gehört. Die eine oder andere Theorie mag zwar erklärt werden müssen zum besseren Verständnis. Im Mittelpunkt steht aber klar die Arbeit an und mit den Charts und den sich daraus ergebenden Erkenntnissen bzw. Signalen.


Profitabel traden mit nur 15 Minuten am Tag


Mantra

Meine Vorgehensweise bei der Signalerkennung kann man mit nur zwei essentiellen Fragen zusammenfassen.

Ist ein neuer Swing wahrscheinlich? Und komme ich in diesen günstig rein?

Ein solches aktuelles Signal für den 17. April sehen Sie im Tageschart der Aktie von Air France.

Die jüngsten Swings sind farblich getrennt eingezeichnet zur Orientierung wie ich diese sehe, zusammen mit den konkreten geplanten Entry- und Exitlevels. Wie man zu diesen Kursmarken genau kommt sehen wir uns im folgenden Praxisteil noch im Detail an. Bei Air France dominieren jedenfalls aktuell die Bullen das Geschehen. D.h. wir warten einfach eine Korrektur ab, und suchen in dieser einen möglichst günstigen Shorteinstieg. Die aktuelle Tageskerze könnte nun genau so ein gesuchter Startschuss für einen neuen Swing nach Norden sein.

Klingt doch wunderbar simpel, nicht wahr? Allerdings lauern auch hier zahlreiche Fallstricke und Hürden, welche das sind werden wir Schritt für Schritt durchgehen. Etwas Theorie muss also sein, konkret sehen wir uns die Vor- und Nachteile von Feierabendtrading an, die Wahl der richtigen Aktien, das Trademanagement, die benötigten Werkzeuge und die Trendeinschätzung. Danach stelle ich meine Basisstrategie vor, und wie sich diese täglich mit wenigen Minuten Aufwand in die Praxis umsetzen lässt.


Nachteile von Feierabendtrading

1. Ungewissheit über Ausführungskurs

Das wohl größte Manko dieser Art des Tradings ist, dass ich meinen Einstiegskurs nicht kenne im Vorhinein. Anders bei Daytradern: die stehen zwar enorm unter Stress, da sich die Kurse laufend ändern. Dafür kann ich aber in Echtzeit entscheiden, ob mir der aktuelle Kurs gefällt oder nicht. Feierabendtrader wie wir hingegen müssen auf Stopp- oder Limit Orders zurückgreifen. Und wissen damit vorher nicht, zu welchem Kurs wir am nächsten Tag ausgeführt werden. Wir können nur gewisse Parameter festlegen:

Arbeitet man mit Stop-Buy und Stop-Sell Orders, wird man zwar in der Regel zum
gewünschten Kurs ausgeführt. Dafür aber auch niemals besser, schlechter dagegen schon. Und zwar im Fall von Gaps oder hohen Spreads meistens in den ersten Minuten des Tages. Dafür verpasst man mit Stop-Orders aber auch einige Verlusttrades. Nämlich solche, die sich von der Eröffnung weg nur gegen uns entwickelt hätten.

Limitorders auf der anderen Seite gelangen regelmäßig gar nicht zur Ausführung, und man muss dann jenen Aktien hinterher sehen, die sofort mit einem Gap eröffnen und in Richtung Kursziel laufen ohne uns. Denn eine Limit-Buy Order kann ich nur zum Schlusskurs oder darunter aufgeben. Dafür führen Limit-Orders manchmal zu einer besseren Ausführung als geplant, etwa wenn ich einen Long plane und die Eröffnung am nächsten Tag sehr tief startet.

Bei bullischen Stop-Orders kaufe ich Longpositionen also AB einem bestimmten Kurs der höher sein muss als der Schlusskurs. Bei Limitorders kaufe ich BIS zu einem bestimmten Kurs der unter dem Schlusskurs liegen muss. Für Shorts gilt das Ganze natürlich umgekehrt.

Im Endeffekt verzeichnet man bei Verwendung von Limit-Orders wesentlich häufigere Ausführungen. Ich habe selbst lange mit dieser Orderart gearbeitet, mittlerweile weiß ich es aber besser.

In Bild 2 sehen Sie eine Kombination aus Backtest und tatsächlich durchgeführten Trades aus dem Jahr 2011. Links sehen Sie die Performance bei Verwendung von Stop-Orders, rechts von Limit-Orders.

Stop-Orders vs. Limit-Orders

Grob gesagt schnitten Stop-Orders um den Faktor 3 besser ab.

Man weiß zwar mit Stop-Orders nie welchen Kurs man am nächsten Tag bekommt. Aber man verpasst zumindest keine Gewinner, und lässt einige Verlierer links liegen.

Neben Stop- und Limitorders gibt es dann theoretisch noch eine dritte Möglichkeit, die einfachen Market-Orders.
Diese sind aber ohnehin keine Option für mich. Denn erstens kann man diese außerhalb der Börsenöffnungszeiten nicht aufgeben. Und zweitens liefert man sich damit den ersten Ticks des Tages gnadenlos aus. Und damit den zu dieser Tageszeit oft grausamen Spreads. Womit wir beim 2. großen Nachteil sind:

2. Willkürlichem Spread ausgeliefert

Eine Aktie kann im Grunde noch so liquide sein, vor allem in den turbulenten Eröffnungsminuten muss man leider oft mit einer Ausweitung des Spreads rechnen. Das ist bei Blue Chips nicht ganz so schlimm, meist vernachlässigbar. Bei Nebenwerten ist das aber ein großes Problem. Nicht wenige Aktien, die in der Theorie hervorragende Signale abliefern, sind in der Praxis nämlich unzumutbar. Dazu sehen wir uns in Kürze ein Beispiel an.

3. Intraday Hände gebunden

Für Trader, die ohnehin den ganzen Tag vor den Kursen sitzen, kann es eine psychische Belastung sein, Intraday die Füße still halten zu müssen. Da meinen viele nach Bad News unbedingt ihre Longpositionen glattstellen zu müssen, nur um sich dann abends über wieder höhere Kurse zu ärgern. Disziplin ist nun mal das A und O wenn man ein erfolgreicher Trader werden möchte.

4. Träge Lernkurve

Feierabendtrader müssen allerdings definitiv mehr Geduld aufbringen, was das Feedback durch den Markt angeht. So pi mal Daumen benötige ich mindestens 50 Signale, um Rückschlüsse daraus ziehen zu können durch Optimierungen. Diese 50 oder besser noch 100 sind im Daytrading locker innerhalb eines Monats möglich. Für Swingtrader können da aber gleich mal ein paar Monate vergehen. Ohne sorgfältiges Backtesting würde ich dabei jedenfalls graue Haare bekommen, simulierte Portfolios helfen hierbei enorm.

Natürlich ist es wichtig, sich dieser Nachteile bewusst zu sein. Und sich entsprechend darauf einzustellen. Aber die Vorteile überwiegen zum Glück.


Vorteile von Feierabendtrading

1. Sorgfältige Entscheidungsbasis

Es ist einfach verdammt angenehm, im Gegensatz zum Daytrading keine stressigen Entscheidungen in Sekundenbruchteilen treffen zu müssen. Unter Stress macht jeder Mensch Fehler. Ohne Hektik und Zeitdruck sich in Ruhe die attraktivsten Signale zu suchen, sich für die optimale Stückzahl zu entscheiden, und bequem die Ordermasken auszufüllen, das ist Tradingluxus pur. Wir haben auch im Forum oft Diskussionen wie „so viele schöne Shortsignale heute, für welche entscheidet ihr euch denn“? Als Daytrader sieht man oft gar nicht, dass sich in anderen Werten schönere Setups ergeben, und handelt oft fragwürdige Signale. Wir hingegen entscheiden uns einfach für die 1-2 sympathischsten Signale und ignorieren die Mittelklasse.

2. Zeitaufwand

Und das Ganze bei wesentlich geringerem Zeitaufwand. Wo Daytrader zehn Stunden und mehr vor oft mehreren Monitoren verbringen, braucht der Swingtrader mit Tagescharts nur einige Minuten am Tag. Eine ungemein effiziente Angelegenheit, sicher mit dem höchsten Aufwand-/Nutzenverhältnis. Man kann so entweder praktisch nebenbei traden, oder Swingtrading als Beimischung betreiben. Ich persönlich etwa bin untertags manchmal im FDax unterwegs, nach Börsenschluss suche ich mir dann die attraktivsten Aktienkandidaten raus.

3. Nebenberufliches Trading

Und Swingtrading außerhalb der Handelszeiten schließt eben auch all jene Interessierten nicht aus, die untertags einer anderen Beschäftigung nachgehen müssen. Oder schlicht und einfach keine Lust auf Daytrading haben, oder sich gerade erst einarbeiten in das Thema Trading.

Die Vorteile überwiegen hoffentlich nicht nur in meinen Augen. Wenn man denn nicht auf die Aktien mit hohen Spreads hereinfällt, denn gerade in der turbulenten Eröffnungsphase werden die meisten Orders ausgeführt. Und damit kommen wir zum zweiten theoretischen Abschnitt, der Wahl der richtigen Underlyings.


Die Wahl der Underlyings

Wie Sie schon gemerkt haben, liegt mein Fokus für Swingtrading auf den Aktien. Das hat mehrere Gründe, wie da wären:
- große Auswahl, d.h. man findet eigentlich jeden Tag mindestens 1 attraktives Signal
- ruhigerer Kursverlauf als Devisen oder bspw. der Dax im Tageschart

Bestimmte Basiswerte wie Gold oder der S&P500 eigenen sich zwar ebenfalls hervorragend für Swingtrading auf Sicht von 3-5 Tagen. Aber alleine aufgrund der Vielzahl von Signalen ist der Aktienmarkt unser Zielgebiet.

Liquidität

Hier kann ich ein Lied davon singen, dass man die Finger von illiquiden Nebenwerten lassen sollte, wenn man denn nicht wirklich langfristig und mit großzügigen Stopps arbeitet. Wer mit Blue Chips handelt, für den ist genügend Volumen nie ein Thema, für alle anderen sehr wohl. Warum man trotzdem Nebenwerte nicht außen vor lassen sollte, ist deren höhere Volatilität. Welche uns ja umso schneller zu unseren geplanten Kurszielen bringt. Das bringt aber nichts wenn die Aktie illiquide ist und keine guten Ausführungen garantiert werden können.

Das täglich gehandelte Volumen ist dafür schon ein guter Indikator, besser ist aber ein simpler Blick auf den Intradaychart der Aktien.

Hat eine Aktie etwa einen durchgehenden 5min-Chart mit einer Vielzahl schön ausgeprägter Kerzen, ist ständig genug Action vorhanden, um saubere Ausführungen erwarten zu können.

Als ich darauf noch zu wenig geachtet habe, wurden auch Aktien wie die österreichische Zumtobel gehandelt. Weil diese im Tageschart äußerst attraktive Kursbewegungen aufweist, trendig und doch nicht zu unberechenbar.

Zoomt man aber in den 5min-Chart, wird das Problem offensichtlich: es ist schlichtweg nicht genügend Interesse an der Aktie vorhanden, um faire Ausführungen zu erhalten. Da hat man oft Stunden mit nur wenigen Ticks, da darf man sich nicht wundern wenn ein Gewinn auf dem Papier in der Praxis zu einem Verlust führt. In Bild 3 zum Vergleich Zumtobel vs. Commerzbank im 5min-Zeitfenster.

Bild3

Spread

Hand in Hand damit einher geht unser größter Feind, hoher oder ausgeweiteter Spread. Die zu einer schlechten oder gar unnötigen Ausführung führen. Am bequemsten recherchieren diesbezüglich lassen sich Aktien wenn der Broker sowohl bid- als auch ask-Charts im Angebot hat. Oder mit Software wie TradeSignal, wo man sich als Indikator einfach den bid-ask Verlauf über den Chart legen kann.

Swingverhalten

Erfüllt eine Aktie die beiden Kriterien Liquidität und Spread, kommt sie überhaupt erst mal für uns in Frage. Angenommen wir bekommen nun ein Signal, dann zählt jetzt noch das Swingverhalten. Der Name Swingtrading verrät ja schon, dass wir volatile Titel suchen, nicht solche die in einer Seitwärtsphase verhungern.

Erhalten wir also ein Signal einer Aktie die Anzeichen einer Seitwärtsphase erkennen lässt, ist dieses allen anderen immer unterzuordnen.


Diversifikation

Haben wir nach Berücksichtigung der Auswahlkriterien Swingverhalten, Liquidität und Signalqualität immer noch mehr Kandidaten als wir brauchen für einen Tag, dann sollte man an Diversifikation denken. Also sein Augenmerk auf die Wahl verschiedener Herkunftsländer sowie verschiedener Sektoren legen. Statt zwei französische Finanztitel zu kaufen wählt man halt nur einen davon, und dazu z.B. eine deutsche Industrieaktie und ein Versorgungsunternehmen.

Nun wollen wir kurz durchgehen welche technischen Voraussetzungen erfüllt sein müssen für Swingtrading.


Werkzeuge

Bei der Wahl seiner Arbeitsinstrumente wird es dem Feierabendtrader nicht schwer gemacht. Es bedarf weder teurer Hardware noch Software.

Natürlich schadet es nicht, Geld für Programme wie TradeSignal oder Teletrader auszugeben. Einfach weil man damit ungeheuer viel bewerkstelligen kann im Zuge von Backtestings und der Beobachtung vieler Werte gleichzeitig. Wenn man keine Intradaycharts braucht gibt es sogar einige kostenlose Versionen.

Als tägliches Tradingvehikel bevorzuge ich CFDs, da dies äußerst transparente und kostengünstige Instrumente sind, zudem shorten unkompliziert möglich ist.
Hier kommt allerdings nur ein Broker mit börsenechten Kursen in Frage. Sprich solchen, die ihre Kurse 1:1 zur Quotierung der Originalbörse stellen.
Alle Broker mit eigenen Kursstellungen sind zumindest auf Aktien bezogen in der Regel zu vergessen. Hier erlebt man oft sein blaues Wunder mit Fantasiekursen.

Welche Broker ratsam sind und solche börsenechten Kurse bieten, kann man mit unserem Brokervergleich herausfinden.


Trademanagement

Soviel zum idealen Broker, weiter geht’s mit Swingtrading. Die groben Fahrwasser und Klippen haben wir nun durch, jetzt möchten wir aber langsam echte Orders absetzen. Bevor ich aber überhaupt einen Trade eröffne, muss ich schon einen Plan haben wie der Trade verlaufen soll.

Wer nach Orderausführung erst überlegen muss, wo er den Stopp setzen soll, und noch nicht weiß wie er Gewinne realisieren wird, gehört langfristig zu den Verlierern.

Ich riskiere pro Trade immer den gleichen Prozentsatz vom Kapital, das simple und effektive „Fixed Risk“-Modell. Und um die dafür erlaubte Stückzahl berechnen zu können, muss schon vor Ausführung klar sein, wo mein Stopp liegen wird. Ich bevorzuge enge Stopps, die hohe Stückzahlen zur Folge haben. Denn die Gewinntrades bewegen sich ohnehin meist von Beginn an in die gewünschte Richtung.

Meine Stopp- und Zielkurse basieren immer auf der aktuellen Volatilität der letzten 10 Tageskerzen, das sind genau zwei Handelswochen. Der dazu passende Indikator wird fast überall als „Average True Range“ bezeichnet und sollte in allen Plattformen verfügbar sein (manchmal auch als Volatility geführt). Die ATR oder Volatilität ist kein Indikator, sondern eine rein markttechnische Messung. Diese besagt in unserem Beispiel einfach wie schwankungsfreudig eine Aktie in den letzten 10 Handelstagen war. Ist diese sehr volatil gewesen, sind Stopp und Kursziel automatisch etwas weiter weg als bei einer Aktie der die Füße einschlafen. Dort werden dann die Exits automatisch enger anliegen, um vor allem dem Kursziel auch die Chance zu geben ausgelöst zu werden. Die Vola oder ATR sollten Sie in jeder sogar kostenlosen Chartsoftware finden. Wir brauchen dazu keine besonderen Voraussetzungen, Swingtrading für Berufstätige bleibt also weiterhin sehr simpel umzusetzen.

Aktuell verwende ich die 0,6-fache Vola (ATR) als Anfangsstopp.

Interessant ist, dass selbst eine Verdopplung des Stoppabstandes kaum bessere Trefferquoten bringt. Diese vielleicht 5% werden mehr als egalisiert von den dadurch viel schlechteren Chance-Risiko-Verhältnissen.

Im Idealfall finden die Trades am Kursziel ihr Ende, aber nur wenn nicht vorher ein Zeitstopp in Aktion treten muss. Konkret verwende ich ein Kursziel basierend auf der 1,8-fachen Vola. Und nach vier Tagen ist meine Geduld zu Ende, hier greift dann der Zeitstopp. Der wird entweder in den letzten Handelsminuten des Tages umgesetzt. Oder man zieht einfach den Stopp eng unter den Schlusskurs nach. D.h. wird ein Signal am Montag eingestoppt, dann wird Donnerstag kurz vor 17:30 der Zeitstopp dem Trade auf jeden Fall ein Ende bereiten.

Diese Fire & Forget-Methodik ohne nachgezogene Stopps trägt auch wieder sehr zum Komfort bei. Denn alles was man tun muss, ist sich seine heutigen Kandidaten zu suchen, und dann mittels If-Done Orders die Aufträge abzuschicken. Jeden Abend kontrolliert man dann das Geschehen, und sieht nach ob eine Aktie schon fällig wird für den Zeitstopp.

Klingt einfach, ist es auch. In der Theorie. In der Praxis muss man jetzt aber noch den Einstieg richtig timen.


Frei Schnauze

Meinen Handelsstil bezeichne ich schlicht und einfach als „Frei Schnauze“. Das ist aber keinesfalls allzu wörtlich zu nehmen, denn das Trademanagement ist in absolut feste Regeln gegossen. Nur beim Einstieg sind Fingerspitzengefühl, Instinkt und Routine gefragt. Die Trendeinschätzung erfolgt rein visuell, ebenso die Auswahl des attraktivsten Kandidaten.

Lange Zeit war auch die Trendeinschätzung unter Zuhilfenahme der Fibonacci Retracements ein in Beton gegossenes Regelwerk. Das ist natürlich für Einsteiger sehr hilfreich, mir persönlich aber zu langweilig, und es müssen zu viele brauchbare Signale ignoriert werden. Natürlich haben wir bei Frei Schnauze mit dem Problem zu kämpfen, dass nie 100%ig die gleichen Signale identifiziert werden in unserer kleinen Trading-Community. Aber 90% Übereinstimmung ist schon ein guter Wert, und wir wollen schließlich kein starres Black-Box-System, sondern uns und unser charttechnisches Auge schulen. Oder sollte ich sagen unser markttechnisches Auge, denn wir verzichten schließlich auf sämtliche Indikatoren und sonst oft übliche Hilfsmittel. Im Prinzip ist es die reinste Form des Trading, nur der Chart und wir. Für Einsteiger mag das auf den ersten Blick sehr komplex und schwierig zu erlernen klingen, im Grunde läuft aber alles auf unser Mantra hinaus:

  1. Ist ein neuer Swing wahrscheinlich? Und
  2. Komme ich in diesen günstig rein?

Dazu sehen wir uns als Beispiel folgenden Tageschart an. Ich habe im Chart die letzten Swings farblich mit Pfeilen markiert. So ist schön zu erkennen, dass ein neuer Swing nach unten wahrscheinlicher geworden ist. Und ein günstiger Einstiegskurs ergibt sich durch die schöne Korrektur seit dem letzten Tief, sowie der kleinen bearischen Tageskerze von Freitag. Die uns mit einer schönen Stop-Sell Order am Tagestief versorgt.

stm

Überhaupt verkaufen wir nur bearische Tageskerzen, und kaufen nur bullische. Aus dem ganz einfachen Grund, dass ein neuer Upswing in der Regel auch mit einer bullischen Kerze startet. Indem wir uns auf diese logischen Setups konzentrieren, schränken wir die tägliche Auswahl weiter stark ein und können uns auf das Wesentliche konzentrieren, das Trademanagement.

Für manchen mag diese Aktie zu träge in einer ausgedehnten Seitwärtsphase festhängen. Das war in der Tat bis Anfang Juni der Fall. Aber wie die drei eingezeichneten Swings zeigen sollen, ist die nötige Volatilität zurückgekehrt, und hat der Aktie schon tiefere Tiefs und Hochs beschert. Ich würde auch verkaufen wenn sich zumindest ein Doppeltopp abzeichnet. Oder sogar in einer breiten Seitwärtsphase an der oberen Begrenzung, wenn bis zur anderen Seite das Kursziel locker Platz hat. Aber bevorzugt werden klar Trendfortsetzungen. Dann erst folgen aggressive Trades bei Doppeltopps/Doppelböden, und nur wenn sich in diesen Kategorien immer noch kein Signal für den nächsten Tag finden lässt, kommen Rangetrades in Frage.

Jetzt wollen wir aber ins Detail gehen:


Tradingplan

  1. Trendeinschätzung: wir agieren nie gegen einen klaren Trend. Es muss zumindest ein Doppelboden für Longsignale bzw. ein Doppeltopp für Shortsignale sichtbar sein. Am einfachsten sind natürlich klassische Fortsetzungssignale, aber die sind halt nicht so häufig wie man das gerne möchte.
  2. Wir laufen keinen Trends hinterher. Sprich, wir lauern auf Korrekturen, und versuchen dort den Start des nächsten Swingpunktes zu erwischen.
  3. Dafür suchen wir uns kleine bullische Tageskerzen für Longeinstiege, und kleine bearische Tageskerzen für Shorteinstiege. Diese markieren einfach überdurchschnittlich oft den Start eines neuen Swings.
  4. Wir wollen möglichst günstig einsteigen, deshalb müssen es kleine Kerzen in der Nähe der Extrempunkte sein. Und deshalb laufen wir auch keinen neuen Tageshochs bei geplanten Longeinstiegen hinterher (d.h. das Tageshoch bei einem potentiellen Longsignal muss <= das Hoch des Vortages sein). Weiters darf das Tageshoch nicht zu weit vom Schlusskurs entfernt sein, damit die Aktie nicht zu viel Pulver verschießen muss bevor die Order überhaupt ausgeführt wird.
  5. Haben wir unseren Kandidaten gefunden, platzieren wir die Stop-Entry-Order minimal über dem Tageshoch für Longorders bzw. unter dem Tagestief bei Shortorders. Ich wähle in der Regel 1-2 cent, bei teureren Aktien über 50€ auch schon mal 5 cent, das ist nicht so genau. Es kommt nur darauf an, nie exakt die Extrempunkte des Tages zu wählen, da hier Intraday oft Stopps abgefischt werden.
  6. Als nächstes legen wir den Stop-Loss die 0,6-fache Volatilität (Average True Range oder ATR) der letzten 10 Tage entfernt an.
  7. Bei einem Kursziel der 1,8-fachen ATR
  8. Und als zusätzliche Schutzmaßnahme greift am 4. Tag des Trades kurz vor Handelsschluss ein Zeitstopp. Sollten bis dahin weder Stopp noch Target ausgelöst worden sein.
  9. Und wir riskieren bei jedem Trade 1% unseres Kapitals

Und das wäre auch schon der Tradingplan für eine einfache diskretionäre Strategie für berufstätige Swingtrader.

Wie das in die Praxis umgesetzt wird zeige ich mit weiteren Artikeln, oder Sie schließen sich den täglichen Diskussionen im Candletalk an. Und ich verweise gerne auf Webinaraufzeichnungen in unserem YouTube-Kanal bzw. ältere Aufzeichnungen auf Candletrading.

Viel Erfolg beim Trading
Michael Hinterleitner

Über den Autor

Michael Hinterleitner

Michael Hinterleitner

Bereits mit 16 der Faszination Börse erlegen, wurde Trading neben dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu seiner Hauptbeschäftigung, seit 2006 ist er auch Redakteur und Trader bei GodmodeTrader.de tätig. Sein Fokus: Swing- und News-Trading mit Aktien. Neben der täglichen spannenden Jagd an den Börsen kam 2011 die Idee zu einem neuen Brokervergleich, der nicht nur einen detaillierten Blick hinter die Kulissen erlaubt, sondern auch handfeste Vorteile für Mitglieder bringt. Als Mitbegründer der Vergleichsplattform BrokerDeal.de hat sich Michael Hinterleitner zum Ziel gesetzt, Licht in den Brokerdschungel zu bringen. Er erklärt, worauf es bei der Brokerwahl ankommt, welcher Anbieter für welche Bedürfnisse Sinn macht, und auf welche Unterschiede man bei den Produkten und der Ausführungsqualität achten sollte.

Kommentare

  • Chris kommentierte am 08.10.2016 um 10:36 Uhr

    Hallo,

    ich würde diese Strategie auch gerne ausprobieren. Nach langem suchen habe ich das plugin gefunden allerdings habe ich das Gefühl, dass das plugin mitlerweile so veraltet ist , dass es schon gar nicht mehr im Mt5 geladen wird. Gibt es dazu schon eine etwas bessere Ausführung oder ein Tutorial?

  • Michael Hinterleitner kommentierte am 21.10.2016 um 15:07 Uhr

    Es tut mir leid dass es länger dauert als gedacht, aber wir klopfen den EA auf etwaige Schwächen ab. In wenigen Tagen ist ein Erklärvideo mit dem Plugin online!

  • Kolja kommentierte am 28.06.2016 um 12:09 Uhr

    Hallo
    Ich habe eine Frage zur der Strategie. Es werden die CFDs für Max eine Woche gehalten. Werden diese dann auch nur am Sontag in Order gegeben, so dass sie am Montag gekauft werden oder wir auch in der Woche gekauft und spätestens nach Ablauf von 5 Tagen verkauft. Wie ist es dann mit der Gebühr für das halten über Nacht, wird sie für Samstag und Sontag auch berechnet oder zählen nur Arbeitstage?

  • Michael Hinterleitner kommentierte am 28.06.2016 um 16:02 Uhr

    Hallo Kolja,
    Orders können an jedem Handelstag getriggert werden, natürlich suche ich auch am Wochenende nach Signalen die am Montag aktiviert werden können.
    Hält man von Freitag auf Montag Positionen, werden dafür 2x Übernachtgebühren fällig. Jedoch nicht bei Shortpositionen, dafür werden keine Zinsen fällig in der Regel.

  • Ingo kommentierte am 15.05.2016 um 19:49 Uhr

    Servus,
    mich würde der Unterschied zwischen normalen Candlesticks und Heikin Ashi Charts interessieren. Wurde diese Strategie damit schon mal ausprobiert? Hier wird ja der Trend deutlicher und die Gaps spielen für die Beurteilung ja keine Rolle mehr, da durch die Darstellung eben diese nicht mehr irritieren. Der Moment des Einstoppens dürfte sich ändern und die Wahl der Papiere ebenfalls. Bin neugierig!
    Grüße, Ingo

  • Michael Hinterleitner kommentierte am 16.05.2016 um 07:03 Uhr

    Heikin Ashi ist eine sehr interessante Darstellungsvariante. Gerade für Aktien, da sie stark glättet. Und eben auch die Gaps rausnimmt. Umgelegt auf mein Swingtrading würde dies allerdings gänzlich andere Setups zur Folge haben. Beispiel Klepierre mit dem aktuellen aggressiven Kaufsignal vom 13. Mai: laut Heikin Ashi klarer Abwärtstrend. Laut Candlesticks schöner Doppelboden mit tollem Swingverhalten. vG

  • Goethe kommentierte am 19.04.2016 um 23:00 Uhr

    Bin von Inrer Strategie voll überzeugt: logisch, einfach, profitabel.
    Aber ohne den EA "außerbörslich ordern" kaum zu realisieren. Und da liegt das Problem. Tagelanges probieren brachte keinen Erfolg. Auch im Candletalk keine Hilfe gefunden, nur mehrere Leidensgenossen.
    Bei der Anwendung der "Stock-FS...." auf den Chart erfolgt die Meldung "Wollen sie wirklöich den Stock-GS.... stoppen...
    Ja / Nein. Beim Klicken jedes Button schließt sich Stock-FS. , eine Orderausführung am nächsten Tag erfolgt nicht. Und entgegen Ihrer Darstellung in einem Video gibt es keine Eingabemöglichkeit für Einstieg,SL oder TP., übernimmt er das vom Orderfenster dees MT4 ? Das wird aber geschlossen, da der Markt ja geschlossen ist.
    Eine konkrete Anleitung wäre für viele Trader sehr wertvoll !
    Vielen Dank

    Dichter

  • Michael Hinterleitner kommentierte am 20.04.2016 um 11:10 Uhr

    Hi,
    da hilft wohl wirklich nur endlich ein Tutorial-Video zu drehen mit konkreter Schritt für Schritt-Anleitung. Ist auf der To-Do Liste für nächste Woche! Versuche gleichzeitig den EA noch zu optimieren mit Hilfe anderer User.
    Vielen Dank für das Feedback,
    Michael

  • Siltrader kommentierte am 28.12.2015 um 16:15 Uhr

    Danke, sehr gute Infos, habe das Buch gelesen.

    Habe das Setup in US-Aktien probiert. Gleich beim 1. Trade ein GAP länger als die Tageskerze, bin dadurch ungünstig eingestoppt worden.
    Risiko mit Originalstopp hatte sich durch das GAP gleich mal verdoppelt.
    Habe deswegen den Stopp so nachgezogen, dass das Risiko wieder stimmte.

    Aber dann gleich intraday ausgestoppt...

    Lässt du den Stopp stehen, auch bei GAPS, auch wenn sich dein Risiko dadurch verdoppelt?
    Oder eignen sich US-Aktien nicht?
    Beste Grüße
    Siltrader

  • Michael Hinterleitner kommentierte am 28.12.2015 um 17:37 Uhr

    Servus.
    In der Tat weise ich bei der Auswahl meiner europäischen Märkte oft darauf hin, dass ich die US-Aktien mit dieser Strategie genau wegen dieser häufigen Gaps. Und die Exitmarken passe ich im Laufe des Tages an den tatsächlichen Einstiegskurs an, das CRV muss stimmen. Dazu muss man aber nicht zwingend gleich nach 9 Uhr reinsehen, das reicht oft irgendwann im Laufe des Tages oder sogar am nächsten Abend.
    good trades
    Michael

  • Yannick (Herbert Scharner) kommentierte am 12.01.2015 um 19:45 Uhr

    Danke für diese Information, haben Sie auch Rückmeldungen über die Ergebnisse Ihrer Foren-Teilnehmer. Verstehen Sie mich richtig ich träume nicht vom großen (schnellen Gewinn) will aber natürlich auch nicht zu den vielen Verlierern an der Börse gehören. mfg Yannick

  • Michael Hinterleitner kommentierte am 20.01.2015 um 15:11 Uhr

    Hallo Yannick,

    schau am besten einfach mal im Forum vorbei, die Methode wird von jedem etwas anders ausgelegt, genauso wie es gedacht war:

    http://www.candletalk.de/thread/2835-swingtrading-fuer-berufstaetige/

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