Sind gute Pokerspieler auch gute Trader?

06.02.2017 - 9 Minuten Lesezeit

Ein guter Kartenspieler verliert mit einer schlechten Hand wenig und gewinnt mit einer guten Hand viel. Dieses frei wiedergegebene Zitat des Altmeisters Andre Kostolany sollte Poker doch eigentlich eine Wesensverwandtschaft zum Trading bescheinigen, oder nicht? Wir haben beide Disziplinen miteinander verglichen. Sind gute Pokerspieler auch gute Trader? Können Trader ihre Fähigkeiten durch Poker ausbauen?

Strategische Überlegungen von Pokerspielern überlagern sich schon allein deshalb mit denen von Tradern, weil in beiden Fällen unter Unsicherheit, nicht aber in einem völlig zufälligen Ereignisraum, agiert wird. Sowohl beim Poker als auch beim Handel an den Finanzmärkten kommt es immer wieder aufs Neue darauf an, plötzlich eintretende Situationen möglichst emotionslos zu bewerten und bestmöglich zu nutzen.

Den Markt und die Karten einschätzen

Gemeinsamkeit zwischen Poker und Trading: Schlechte Karten werden nicht gespielt

Diskretionäre Trader schätzen vor der Eröffnung einer Position zunächst den Markt ein. Wie ist der generelle Trend? Wurden bei stark korrelierten Märkten wichtige Marken durchbrochen? Gibt es auffällige Signale im Chart wie z. B. Kurslücken? Wie weit ist der nächste signifikante Widerstand entfernt? Spielt die Entwicklung des Volumens mit? Mit diesen Inputs wird abgeschätzt, ob es sich lohnt, einen bestimmten Markt an einem bestimmten Tag weiterzuverfolgen. Liefert der Markt keine klaren Signale, unterbleibt der Einstieg.

Beim Poker verhält es sich relativ ähnlich. Nachdem die Hand ausgeteilt wurde, können Spieler aussteigen oder im Spiel verbleiben. Erfolgreiche Spieler schätzen anhand ihrer frühen Karten ab, welches Potenzial in einem Spiel stecken könnte – und steigen bei schlechten Karten frühzeitig und mit einem geringen Verlust (z. B. dem Mindesteinsatz) aus.

Den Spielverlauf und die Marktentwicklung beobachten

Sind die Karten hinreichend gut und der Chart aussagekräftig genug, setzen Pokerspieler und Trader ihre Bemühungen fort. Beide können im weiteren Spielverlauf mit neuen Informationen konfrontiert werden und müssen diese in ihre Bewertung der Situation einfließen lassen.

Beim Poker können neue Informationen einerseits durch die Mitspieler kommuniziert werden, gewollt oder ungewollt. Gute Spieler erkennen an kleinen Details im Verhalten ihrer Kontrahenten deren ungefähre Situation.

Das Pendant zu anderen Mitspielern sind im Börsenhandel andere Marktteilnehmer. Kostolany erkannte bereits den Unterschied zwischen den „starken“ und den „zittrigen“ Händen. Steht echte Finanzkraft oder gewissermaßen „gebluffte“ Finanzkraft hinter einem Trend, erkennbar durch Priceaction, Orderbuch, Volumen?

Auch die River Karte kann den bisherigen Spielverlauf auf den Kopf stellen. Das gilt insbesondere, wenn ein Mitspieler auf eine bestimmte Karte gewartet hat – er wird nach deren Auftreten seine Strategie verändern.

Das Pendant zur River Karte sind im Börsenhandel neue Informationen. Diese können eine gewaltige Änderung der Marktrichtung nach sich ziehen – erinnert sei an den Franken-Schock, Abgasskandal u.v.m. Sowohl Pokerspieler als auch Trader müssen nach dem Auftreten einer Situation grundlegend neu entscheiden, ob das Spiel fortgesetzt oder beendet werden soll.

Risikobegrenzung sind bei Poker und Trading existenziell

Sowohl Trader als auch Pokerspieler müssen ihre Verluste begrenzen. Hier gibt es einige Unterschiede zwischen beiden Disziplinen. Pokerspieler verlassen ein Spiel i.d.R. nur mit einem Gewinn, wenn sie das gesamte Spiel für sich entscheiden. In allen anderen Fällen kommt es dagegen zu einem Verlust, der umso höher ausfällt, je mehr Einsätze zuvor getätigt wurden.

Beim Poker werden Verluste deshalb durch die Definition von Maximaleinsätzen begrenzt. Oder indem der Spieler festlegt, welche Summe er an einem Abend oder in einem Spiel bereit ist zu verlieren.

Trader können zum Zeitpunkt ihres Einstiegs lediglich den möglichen Verlust planen. Indem ein Stopp Loss in einer Entfernung zum Einstandskurs platziert wird. Dieser Kurs kann jedoch speziell im Falle von Kurslücken nicht garantiert werden, insofern steht der maximale Verlust nicht von Vornherein fest. Außerdem kann im Future- und CFD-Handel der Verlust sogar die Einlage übersteigen im Falle eines Worst Case, dann tritt die sogenannte Nachschusspflicht in Kraft. Immer mehr Broker verzichten allerdings auf die Nachschusspflicht.

Tradertypen und Pokertypen

Pokerspieler und Trader beobachten das Spiel bzw. den Marktverlauf genau und begrenzen beide bestmöglich Risiko - jedenfalls, wenn sich dauerhafter Erfolg einstellen soll. Bekanntermaßen sind weder alle Trader noch alle Pokerspieler erfolgreich. Was aber unterscheidet erfolgreiche von erfolglosen Akteuren?

Im Bereich Poker werden vier „Pokertypen“ definiert, deren Eigenschaften sich durchaus auf den Handel übertragen lassen.

  • Loose passive
  • Loose aggressive
  • Tight passive
  • Tight aggressive

Unterschieden werden die beiden Grundtypen „Loose“ und „Tight“, die jeweils aggressiv oder passiv vorgehen können.

Loose passive

Der Spielertyp „Loose passive“ spielt fast jede Hand und unterscheidet, wenn überhaupt dann nur marginal zwischen guten und schlechten Ausgangspositionen. Die Konsequenz: Bei jeweils mittleren Einsätzen werden zwangsläufig mehr schlechte als gute Hände gespielt. Gerät dieser Typ in eine aussichtsreiche Lage mit viel Potenzial, ist er nicht zu deutlich erhöhten Einsätzen bereit. Dieser Spielertyp muss auf Dauer verlieren.

Im Trading führt diese Herangehensweise zu einer relativ großen Anzahl von eröffneten Positionen mit jeweils mittelmäßigen Erfolgsaussichten und moderaten Einsätzen. Trader dieses Typs verlieren anders als im Poker nicht zwingend, da die Verluste anders als beim Kartenspiel eng begrenzt werden können und die Gewinne die anfallenden Defizite ausgleichen. Allzu erfolgreich ist dieser Tradertyp allerdings auch nicht.

Loose aggressive

Der Spielertyp „Loose aggressive“ spielt ebenfalls fast jede Hand – verhält sich dabei aber sehr viel offensiver als sein passiver Gegenpart. Dieser Typ geht häufig mit oder erhöht selbst. Da das große „Engagement“ nicht auf aussichtsreiche Konstellationen begrenzt wird, verliert dieser Spielertyp in aller Regel besonders schnell sein Geld. Ausnahmen bestätigen die Regel: Mit einer „Glückssträhne“ kann ausgerechnet dieser Typ große (aber i.d.R. einmalige) Gewinne erzielen.

Trader mit diesem Profil setzen ohne besonderen Grund hohe Einsätze und hoffen, dass dies zu Gewinnen führt. Im Resultat wird eine geringe Trade Ratio („Trefferquote“) und eine ungünstige Payoff Ration und damit ein hoher Verlust realisiert. Dieser Typ kann im Glücksfall mit einem einzigen „Trade des Lebens“ erfolgreich sein – keinesfalls aber dauerhaft.

Tight passive

Der Spielertyp „Tight passive“ zeigt sich wählerisch und spielt nur wenige, dafür aber gute Hände. Er ist allerdings auch dann nicht zu einer signifikanten Erhöhung der Einsätze bereit, wenn sich seine Karten sehr gut entwickeln.

Im Trading führt dieser Ansatz zu einer überschaubaren Anzahl Trades, die jedoch mit einer hohen Trefferquote abgeschlossen werden. Da dieser Typ Positionen im Zweifelsfall früh schließt um Gewinne mitzunehmen, stellt sich kein allzu großer Erfolg ein – sehr wohl aber eine ansehnliche Trefferquote und ein profitables Ergebnis.

Tight aggressive

Der Spielertyp „Tight aggressive“ selektiert Hände sehr genau und spielt nur jene, die festgelegten Kriterien genügen. Bei diesen ist er im Zweifelsfall jedoch zu einer deutlichen Erhöhung der Einsätze bis hin zur persönlichen Schmerzgrenze bereit. Diesem Typus werden die höchsten Erfolgswahrscheinlichkeiten zugeschrieben.

Im Trading findet sich bei diesem Profil in der Praxis eine große Nähe zwischen diskretionärem und automatisiertem Handel. Der Einstieg in den Markt setzt dann in der Regel das simultane Auftreten mehrerer Ereignisse (z. B. Ausbruch mit steigender Handelsspanne und steigendem Volumen) voraus. Die gemessen an der Zahl der betrachteten Märkte wenigen Trades werden mit einer gewissen Risikoaffinität gehandelt.


Erfolgreiche Pokerspieler und Trader warten ab

Geduld ist beim Poker und im Handel eine Tugend

Die Klassifizierung der vier Typen zeigt, dass erfolgreiche Pokerspieler und Trader nicht „auf die Suche gehen“, sondern abwarten, bis sich eine Konstellation mit hinreichenden Erfolgsaussichten ergibt. Das Nichtanwenden dieser Verhaltensregel zeigt sich bei Tradern am „Overtrading“: Anstatt auf Einstiegssignale zu warten, wird schlicht eine Position eröffnet, weil „das Wochensoll noch nicht erfüllt ist“. Pokerspieler setzen sich an einem Abend möglicherweise ein Gewinnziel und sind auch dann nicht zum Abrücken davon bereit, wenn die Karten an diesem Tag schlecht fallen.


Kann Poker beim Trading helfen?

Problem: Das Verlustrisiko muss vergleichbar sein

Die Verbindung zwischen Poker und Trading wurde in den letzten Jahren mehrfach u.a. im Rahmen von Vorträgen und Buchveröffentlichungen thematisiert. Der Tenor: Trader können beim Pokern etwas über ihren eigenen Stil und ihren Umgang mit Chancen und Risiken lernen. Deshalb wird – ggf. durch einen professionellen Coach betreutes – Pokern grundsätzlich als hilfreich eingestuft.

Die gut gemeinten Ratschläge lassen allerdings Fragen offen. Das Verhalten im Umgang mit Risiken wird maßgeblich durch die Beträge bestimmt, die auf dem Spiel stehen. Ein professioneller Trader setzt pro Position möglicherweise 5.000 EUR und mehr ein. Diese Größenordnung wird erreicht, wenn bei einem Kontovolumen von 250.000 EUR ein Verlust von 2 % pro Position zugelassen wird.

Um dieselbe psychologische Drucksituation in einem Pokerspiel zu simulieren, müssten auch dort Einsätze in einer vergleichbaren Größenordnung geleistet werden. Ansonsten besteht die Gefahr des „Demokonto-Effekts“: In entscheidenden Situationen unterscheidet sich das Verhalten auf dem Papier maßgeblich von der Praxis.

Abgesehen davon kann „Poker aus Trader-Perspektive“ tatsächlich ein Gewinn sein. Es bietet die Möglichkeit, die Routine des Tradings in einem anderen, aber eng verwandten Kontext zu erleben. Im besten Fall werden dadurch Rückschlüsse auf mögliches Fehlverhalten gewonnen, die ansonsten im Verborgenen geblieben wären – Stichwort: Betriebsblindheit.

Die Übereinstimmungen zwischen beiden Disziplinen könnten auch zu einem gefährlichen Trugschluss führen: Wer als erfolgreicher Pokerspieler im Vertrauen auf seine Fähigkeiten ohne weiteren Erfahrungs- und Wissenszugewinn an der Börse spekuliert, kann herbe Verluste erleiden. Charts sind weniger eindeutig als Karten.


Fazit

Über die Verwandtschaft von Kartenspiel und Börse wusste schon Altmeister Kostolany zu berichten, auch wir sind bereits früher auf dieses Thema eingegangen mit dem Artikel Trading vs Poker. In der Tat ergeben sich große Überschneidungen zwischen beiden Disziplinen, wenn Trader und Spieler in bestimmte Kategorien eingeordnet werden. Erfolgreich sind sowohl beim Poker als auch beim Trading jene Herangehensweisen, die auf eine strikte und möglichst regelbasierte Vorselektion setzen, und nur diese Konstellationen handeln bzw. spielen. Gleichzeitig sollte in einer erfolgversprechenden Situation eine gewisse Risikobereitschaft bestehen, ohne dass elementare Grundregeln der Verlustbegrenzung dadurch ihre Gültigkeit verlören.

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Team BrokerDeal

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