Simples Trading mit Zeitfenstern

19.08.2014 - 4 Minuten Lesezeit

Man sieht ja oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Oder anders gesagt: Trader verlieren sich gerne in neuen scheinbaren Raffinessen für ihr Trading. Und laufen dabei Gefahr, den Blick für das Wesentliche zu verlieren. Deshalb werfe ich heute einen Blick zurück in die Vergangenheit, auf einen Handelsstil, der es wert ist wieder ernster genommen zu werden von mir.

Zielsetzung

Meine damalige Intention war es, von Indikatoren völlig los zu kommen. Und da klare Trendfortsetzungssignale immer am einfachsten erschienen sind und zu erkennen waren, sollten diese meine Einstiegssignale sein.  Enge Stopps waren schon damals das Um und Auf für mich. Denn wenn sich ein Trade nicht von Anfang an in die gewünschte Richtung entwickelte, dann tat er das in der Regel überhaupt nicht mehr.

Gewinne sollte an vorigen Hochs bzw. Tiefs realisiert werden. Oder, wenn diese nicht in der Nähe waren, zog ich die Stopps auf lokale Extrempunkte nach. Das war übrigens das letzte Mal, dass ich Trailling Stopps verwendete, und ist schon eine gefühlte Ewigkeit her.

Ich wollte nicht ständig vor dem Monitor sitzen müssen. Mein maximaler Kompromiss bestand im kleinsten Zeitfenster aus dem 60min-Chart. Dort würde ich über den Einstieg und Ausstieg entscheiden, auf Schlusskursbasis. D.h. ich müsste nur jede volle Stunde die Charts checken.

Methodik

Ich habe mich in vielen Backtestings an zahlreichen verschiedenen Kombinationen von Zeitfenstern und Märkten versucht. Kurze Zeit war ich Fan vom 15min-Chart als Entry- und Exitgeber, ich nenne das jetzt einfach Aktivfenster. Den Trend ließ ich dabei vom 60min-Chart vorgeben, dem Trendfenster.

Das führte letzten Endes aber zum Overtrading, da man viele Signale auch in Seitwärtsphasen bzw. fehleranfälligen Zeiten wie zu Mittag oder nach 17:30 erhält.

Am besten hat sich der Stundenchart als Aktivfenster, mit dem Tages- UND dem Wochenchart als Trendfenster. Die Hinzunahme des Wochencharts hat eine große bereinigende Wirkung, wenn man Aktien handelt so wie ich. Denn ein rascher Blick auf den Wochenchart schließt sofort einen Großteil der in Frage kommenden Basiswerte aus. Weil wir nur in klaren Trends aktiv werden.

Haben wir so einen eindeutigen Verlauf im Wochenchart, und das wird jedes Wochenende überprüft, erstelle ich eine Long- und Shortliste für die kommenden 5 Handelstage. Sodann muss der Tageschart ebenfalls einen Trend aufweisen. Hierbei bin ich nicht mehr ganz so streng wie im Wochenchart, aber Seitwärtsphasen oder gerade auftretende Trendwendemuster disqualifizieren einen Wert für die aktuelle Handelswoche, bis sich der ursprüngliche Trend wieder durchsetzt.

Und im Aktivfenster, unserem Stundenchart, halte ich dann Ausschau nach einwandfreien Fortsetzungsmustern. Das Stundenhoch wird zum Stop-Buy Trigger im Falle von Longsignalen, umgekehrt wird das Stundentief zum Stop-Sell Trigger.

Beispiele

Für die Handelswoche vom 18.-22. August stechen mir beim scannen des Wochencharts folgende Shortkandidaten ins Auge im Dax30:

  • Adidas
  • Beiersdorf
  • Daimler
  • Dt. Post
  • Dt. Bank
  • Heidelbergcement
  • Lufthansa
  • Volkswagen

Während auf der Longseite nur E.ON, Infineon und RWE in Frage kommen.

Zoome ich in den Tageschart, fallen noch Dt. Post und Dt. Bank raus bei den Shortkandidaten. Und bei den Longs wird es ohnehin ganz knifflig: sämtliche Tagescharts sehen eigentlich bearisch aus aufgrund der jüngsten Korrekturen. Kommen die dann überhaupt für Longsignale in Frage im Stundenchart, nur weil im Wochenchart ein Upswing möglich scheint?

Für mich ja, denn: ich weiß sowieso nie, wohin die Richtung an der Börse nächste Woche, morgen oder gar nächste Minute geht. Ich handle was ich sehe. Und wenn sich im Stundenchart ein Aufwärtstrend etabliert und mir ein Fortsetzungssignal liefert, dann handle ich dieses auch in den drei genannten Aktien. Manchmal bin ich dann sogar in Long- und Shortpositionen gleichzeitig, wodurch man sich sozusagen hedgt und das Risiko mindert, komplett auf dem falschen Fuß erwischt zu werden.

RWE Longsignal 18.08. 12 Uhr

rweUnd jetzt wird es ernst: RWE zeigt im Stundenchart tatsächlich einen Aufwärtstrend. Gefolgt von kräftigen Einbußen Freitagabend. Der Montag beginnt freundlich, und liefert mit der Mittagskerze eine günstige Einstiegschance: kleine bullische Tageskerze (ich kaufe nur bullische Kerzen, und shorte nur bearische Kerzen) auf im Vergleich zum Hoch zuvor wieder deutlich günstigerem Niveau. Es folgt eine Stop-Buy Order knapp über dem Stundenhoch, welche rasch ausgelöst wurde. Beim Verfassen dieses Artikels hat sich noch nicht viel getan. Der Stopp liegt eng auf 29,05€, bei 29,6€ werde ich aussteigen. Ergibt ein Chance-Risiko-Verhältnis von 2,6 bei einem Einstiegskurs von 29,2€.

VW Shortsignal 18.08. 11 Uhr

vwWitzigerweise ergibt sich gleich am Vorführtag eben jene oben besprochene Situation einer Gegenposition. Denn Volkswagen hat heute mit einem schönen Upgap eröffnet, formte dann kleine bearische Stundenkerzen, kurz nach 11 Uhr wurde das Stundentief unterschritten und harrt nun dem Exit. Entry fand zu 167,3€ statt, der Stopp liegt auf 168,2€ und glattstellen möchte ich zu 165€. Ergibt ein CRV von 2,5.

Bei den Exitmarken habe ich keine starren Regeln, hier kann man Kreativität und Intuition noch freien Lauf lassen. Genauso handhabe ich es mit den Zeitstopps: bin ich so früh wie heute in frischen Positionen, kommt kurz vor Handelsschluss ein manueller Exit in Frage. Wenn denn das Kursziel schon deutlich näher gekommen ist, und sich kein engerer sinnvoller Stopp finden lässt charttechnisch. Am besten gehe ich darauf in einem Folgeartkel noch einmal im Detail ein, bis dahin viel Erfolg beim Trading!

Über den Autor

Michael Hinterleitner

Michael Hinterleitner

Bereits mit 16 der Faszination Börse erlegen, wurde Trading neben dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu seiner Hauptbeschäftigung, seit 2006 ist er auch Redakteur und Trader bei GodmodeTrader.de tätig. Sein Fokus: Swing- und News-Trading mit Aktien. Neben der täglichen spannenden Jagd an den Börsen kam 2011 die Idee zu einem neuen Brokervergleich, der nicht nur einen detaillierten Blick hinter die Kulissen erlaubt, sondern auch handfeste Vorteile für Mitglieder bringt. Als Mitbegründer der Vergleichsplattform BrokerDeal.de hat sich Michael Hinterleitner zum Ziel gesetzt, Licht in den Brokerdschungel zu bringen. Er erklärt, worauf es bei der Brokerwahl ankommt, welcher Anbieter für welche Bedürfnisse Sinn macht, und auf welche Unterschiede man bei den Produkten und der Ausführungsqualität achten sollte.

Kommentare

  • kbtrade kommentierte am 01.04.2015 um 10:49 Uhr

    Hallo Herr Hinterleitner,
    der Beitrag ist zwar schon etwas älter, aber für mich immer noch interessant.
    Die Handelsmethode ist ja schön einfach und griffig! Haben Sie evtl. Zahlen über die Rendite dieser Methode? Interessant wären die Anzahl der gewonnenen und der verlorenen Trades. Vielen Dank für Ihre Mühe!

    Gruß und gute Geschäfte!

  • Michael Hinterleitner kommentierte am 01.04.2015 um 11:00 Uhr

    Hallo, und danke für das Feedback. Aussagekräftige Zahlen wage ich noch nicht zu nennen, da die Anzahl getätigter Trades dafür noch zu gering ist. Aktuell ca. fifty fifty, da die Gewinner größer ausfallen als die Verlierer, rechnet es sich also über das Gewinn/Verlust-Verhältnis.

  • Michael Hinterleitner kommentierte am 22.10.2014 um 16:29 Uhr

    Guten Abend,
    vielen Dank für Ihr Feedback. Die Bollinger waren mir früher auch mal das einzige sympathische Hilfsmittel. Sie suchen ein Tool zur Positionsgrößenbestimmung? Für mich reicht da eine ganz simple Excelformel aus, ich kann mich aber für Sie umhören wenn Sie etwas spezielles suchen?
    Viel Erfolg beim Trading,
    Michael Hinterleitner

  • boersenfan kommentierte am 21.10.2014 um 16:34 Uhr

    Hallo Hr. Hinterleitner, die Aktien auf diese Art zu traden gefällt mir sehr und ich verfolge ihre Kolumne auch. Ich verfahre ähnlich, nehme jedoch noch das BollingerBand zur Hilfe. Was ich jedoch allgemein dazu suche ist eine systematische Positionsgrössen Bestimmung. m.freundlichen Grüssen + Gutestraden

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