Kann man vom Trading leben? Eine Kalkulation

02.12.2016 - 6 Minuten Lesezeit

Mit 1-2 Stunden täglicher Arbeit vom heimischen PC aus genug Geld für ein komfortables Leben verdienen - die Idealvorstellung vom Leben als Trader im Hauptberuf klingt so ähnlich wie die substanzlosen Verheißungen einiger Spam Mails. Ist Trading im Hauptberuf wirklich möglich? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit man vom Trading leben kann? Eine Kalkulation.

Hypothese

Es ist möglich, mit der Spekulation auf Marktbewegungen systematisch und dauerhaft Gewinne zu erzielen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass es den rentablen Lebensentwurf vom Trading als Hauptberuf überhaupt geben kann. Wenn das grundsätzliche Geschäftsmodell funktioniert, braucht es auf „betrieblicher“ Ebene die richtigen Inputs.

Neben Ausbildung und technischem Equipment handelt es sich dabei insbesondere um Startkapital und eine geeignete Handelsstrategie.


Kalkulation des benötigten Einkommens

Ob sich vom Trading leben lässt, hängt maßgeblich davon ab, was „leben“ kostet. Eine allgemeingültige Kalkulation kann es hier nicht geben. Einige mögen argumentieren, dass die vollständige selbstbestimmte Lebensführung eines professionellen Traders der Entlohnung genug sei und deshalb ein vergleichsweise bescheidenes jährliches Einkommen in Höhe von 25.000 EUR vor Steuern ausreichend sei.

Andere könnten anbringen, dass damit nicht einmal der Preis für die in diesem Beruf zu erleidende Unsicherheit und den Einsatz von „Haus und Hof“ eingespielt sei.

Da eine Zielgröße für das zu erzielende Einkommen jedoch unerlässlich für die Kalkulation ist, sei für diesen Beitrag ein jährliches Einkommen in Höhe von 50.000 EUR vor Steuern als (willkürliches und damit austauchbares) Ziel definiert.


Kalkulation des realistischen Gewinns

Der Reingewinn versteht sich als Gewinn nach Abzug von Transaktionskosten.

Ausgehend von 250 Handelstagen pro Jahr entspricht ein jährlicher Vorsteuergewinn in Höhe von 50.000 EUR einem Reingewinn in Höhe von 200 EUR pro Tag.

Zusätzlich müssen Ausgaben für technisches Equipment, Software und Kursdatenversorgung erwirtschaftet werden. Dafür sollen in dieser Kalkulation zehn Euro pro Handelstag bzw. 2500 EUR pro Jahr angesetzt werden. Pro Handelstag müssen demnach durchschnittlich 210 EUR Gewinn erzielt werden.

Neben dem erforderlichen, durchschnittlichen Gewinn pro Tag kann auch der durchschnittliche Gewinn pro Transaktion als Maßstab dienen. Anders als die Anzahl der Arbeitstage steht die Anzahl der Transaktionen pro Jahr allerdings nicht fest.

Ausgehend von (wiederum willkürlich angesetzten) zehn Round turn Trades pro Tag ergibt sich ein notwendiger Gewinn in Höhe von 21 EUR pro Round Turn Trade.


Ermittlung des benötigten Startkapitals

Professionelle Trader setzen strenge Maßstäbe im Hinblick auf Risiko- und Money Management an. Es soll davon ausgegangen werden, dass pro Trade nicht mehr als 10 % des Kontoguthabens investiert und nicht mehr als 1 % des Kontoguthabens riskiert werden. Das Risiko wird durch die Platzierung von Stopp Loss Orders kontrolliert.

Reichen 100.000 EUR aus, um vom Trading zu leben? Dies entspräche unter Berücksichtigung der obigen Vorgaben einem Einsatz in Höhe von 1.000 EUR. Bei zehn Transaktionen am Tag und einem notwendigen durchschnittlichen Gewinn in Höhe von 21 EUR pro Round Turn Trade entspricht dies einem notwendigen durchschnittlichen Gewinn in Höhe von 2,1 % pro Position. Das erscheint unerreichbar. Aber ist es das? Wenn Sie tatsächlich ungehebelt handeln und eine Aktie im Wert von 50 EUR erwerben, dann können Sie sich um 1.000 EUR 20 Stück leisten. Die Aktie muss von 50 auf 51,05 EUR zulegen um vor Kosten 21 EUR Gewinn zu bringen. Auf Sicht von mehreren Tagen durchaus realistisch, im Intradayhandel ist das aber schon eine Frucht die hoch hängt.

Nutzt man hingegen einen Hebel, etwa über den CFD-Handel, dann kann man für 1.000 EUR Margin mindestens die fünffache Stückzahl erwerben. Und schon sinkt der benötigte durchschnittliche Gewinn pro Trade auf 0,42%. Natürlich wirkt der Hebel in beide Richtungen.

Bei der Kalkulation gilt es zu berücksichtigen, dass mit den Gewinnen aus profitablen Trades neben den Transaktionskosten auch die Verluste in defizitären Trades finanziert werden müssen.

Auch mit 100.000 EUR Startkapital sind die Anforderungen an den Handelserfolg hoch, wie eine Beispielrechnung beweist.

Die Annahme:

  • zehn Trades pro Tag
  • Einsatz pro Trade: 1.000 EUR
  • Verlust in defizitären Trades: 100 EUR/Trade
  • Trefferquote: 70 %

Wie sich unschwer aus den Annahmen ermitteln lässt, summieren sich die Kosten defizitärer Trades sowie der notwendige durchschnittliche Tagesgewinn auf 510 EUR pro Handelstag. Dieser Betrag muss mit sieben profitablen Transaktionen erwirtschaftet werden.

Bezogen auf einen Einsatz in Höhe von 1.000 EUR pro Trade ergibt sich daraus ein Gewinn in Höhe von 0,73 % für jeden profitablen Trade. Dieser Wert muss erreicht werden, um die Kosten zu decken und das gewünschte Einkommen zu erzielen.

Das ist natürlich eine große Vereinfachung, durch weitere Faktoren wie der Anzahl der täglichen Trades können Sie diese Rechnung entsprechend beeinflussen.

50% Performance im Jahr auf ein Startkapital von 100.000 EUR gesehen sind nicht unerreichbar.


Die Rolle des Brokers bei der Kalkulation

Der Broker spielt in der Kalkulation eine wichtige Rolle. Für 2500 Round Turn Trades pro Jahr sind 5.000 Transaktionen erforderlich. Bereits eine Differenz in Höhe von lediglich 1,00 EUR im Transaktionsentgelt entsprechen auf ein Jahr hochgerechnet 10 % des Zieleinkommens vor Steuern.

Professionelle Trader müssen deshalb nicht nur nach Brokern mit günstigen Preisen suchen, sondern zusätzlich individuelle Vereinbarungen anstreben. Das ist durchaus möglich, wie ein Blick in die Preisverzeichnisse verschiedener Anbieter zeigt.


Typische Fehler bei dem Einstieg ins Trading als Hauptberuf

Berufsanfänger machen Fehler – das gilt auch für professionelle Trader. Die wichtigsten Fehler beim Einstieg und der Zeit danach betreffen neben dem Startkapital insbesondere mentale bzw. psychologische Aspekte.

Zu wenig Startkapital

Trader arbeiten nicht nur mit ihrem Wissen und ihrem Instinkt, sondern auch mit ihrem Geld. Um von den Erträgen des eigenen Vermögens leben zu können, brauchen auch professionelle Daytrader genug davon. Es ist eine Illusion, mit 10.000 EUR Startkapital ausschließlich vom Handel leben zu können. Die Untergrenze liegt eher bei 100.000 EUR, darunter sollte niemand voreilig seine Arbeitsstelle aufgeben und erst beginnen nebenbei zu traden.

Überschätzte Gewinnerwartungen

Überzogene Gewinnerwartungen sind die kleine Schwester von zu wenig Startkapital. Wer nicht genügend Finanzmittel mitbringt und trotzdem im Hauptberuf Trader sein möchte, setzt den durchschnittlichen Gewinn in der Kalkulation und/oder die Trefferquote womöglich utopisch hoch an. Das führt nicht nur zu Enttäuschungen, sondern auch zum Scheitern des Projektes.

Unterschätzter mentaler Druck

Trading im Haupterwerb ist kein Börsenspiel. Rechnungen müssen auch dann bezahlt werden, wenn eine Verlustserie angelaufen ist. Das kann, vor allem wenn es der Kalkulation an Spielraum mangelt, schnell zu einer mentalen Drucksituation führen. Diese ist bekanntlich alles andere als hilfreich.

Mangelnde Disziplin

Professionelle Trader brauchen einen Leitfaden, der den wesentlichen Teil der Entscheidungen im Handel objektiv definiert: Das ist die Strategie. Zu den schwerwiegendsten Fehlern gehört ein planloses Abweichen von der Strategie.

Kontrollillusion nach ersten Erfolgen

Hochmut kommt vor dem Fall. Nach einigen erfolgreichen Monaten glauben (nicht nur) Einsteiger, den Markt „im Griff zu haben“ und geben sich einer Kontrollillusion hin. Das führt allzu oft zur Vernachlässigung von Strategie und Risikomanagement und damit nahezu zwangsläufig zu einem herben Rücksetzer.


Fazit

Wer ausschließlich vom Trading Leben möchte, sollte mindestens 100.000 EUR Startkapital mitbringen. Außerdem braucht es einen möglichst günstigen Broker: Im Idealfall werden hohe Rabatte gewährt oder individuelle Vereinbarungen getroffen, und natürlich helfen die Gutschriften von BrokerDeal enorm dabei.

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Team BrokerDeal

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BrokerDeal kümmert sich neben den Brokervergleichen und den Vorteilen für Mitglieder auch um die Aus- und Weiterbildung der Mitglieder und Leser. Dafür mitverantwortlich sind eine Handvoll talentierter und erfahrener Trader, die Ihr Wissen gerne weitergeben. Wer ebenfalls Interesse daran hätte für BrokerDeal zu schreiben, kann jederzeit Kontakt mit uns aufnehmen.

Kommentare

  • Vinzenz kommentierte am 05.01.2017 um 18:21 Uhr

    Die wichtigste Regel fehlt, denn wer nicht rechnen kann, sollte gar nicht daran denken vom Trading leben zu können.

    So schreibt der Autor Zitat:" Es soll davon ausgegangen werden, dass pro Trade nicht mehr als 10 % des Kontoguthabens investiert und nicht mehr als 1 % des Kontoguthabens riskiert werden. " Und geht dann von einem Startkapital von 100.000 aus, wobei er dann aber von einem Einsatz von nur 1.000 Euro pro Transaktion und einem max Risiko von 100 Euro ausgeht. Darauf aufbauend kommt dann eine Kalkulation mit dem Ziel einen Gewinn von 210 Euro pro Handelstag bzw. 510 Euro aufgrund von zu erwartenden Verlusten zu erzielen, damit auf das Jahr gerechnet 50.000 Euro rauskommen. Selbst wenn man unterstellt, dass 10 Positionen a 1000 € parallel laufen, würde das bedeuten das 90.000 € des Kapitals ungenutzt bleiben würden, was absurd wäre. Ironischer ist, dass der Autor unten im Text auf ein empfohlenes Startkapital von 100.000 Euro hinweist, während seine Rechnung aber zeigt, dass es ja auch mit 10.000 € Startkapital gehen kann.

    Insofern aber, wie es im Zitat Eingangs hieß max. 10% also 10.000 € pro Trade eingesetzt werden, benötigt es dann auch nicht 2,1% Gewinn um 21 Euro mit einer Transaktion zu erzielen, sondern nur 0,21%, was man durchaus ohne gehebelte Produkte mit Aktien und ETFs realisieren könnte. Es sei denn, man macht täglich 100 Positionen a 1000 Euro auf, um auf Basis der einfachen Rechnung des Autors schlicht da 10 Fache also 2.100 Euro pro Tag bzw. 500.000 Euro pro Jahr mit dem Trading verdienen zu wollen...

    Gänzlich unklar bei den Mathekünsten des Autors ist mir seine CFD Aussage, dass man beim Handel mit CFD´s für die Erzielung von 21 Euro aus 1.000 € nur 0,42% als durchschnittlichen Gewinn pro Trade erzielen müsse.

    Nein, lieber Autor bei dem angenommen Hebel von 5 muss sich lediglich der zugrunde liegende Wert weniger stark bewegen, um das Gewinnziel zu erreichen, aber die 2,1% Gewinn pro Trade, die Sie vorher aufgezeigt haben, wären weiter bei 1000 Euro nötig um auf 21 Euro zu kommen.

    Zudem wird, glaube ich, kein noch so guter Trader selbst bei der unterstellten Wahrscheinlichkeit von 70% Erfolgsquote dauerhaft 500% Gewinn des eingesetzten Kapitals p. a. erzielen können. Das sind eher Glückstreffer, zudem würde auch kein erfahrener Trader ausschließlich in CFDs, bzw. gehebelte Produkte oder generell in nur eine Assetklasse investieren.

    Erfolgreiche Trader haben in der Regel diversifizierte Portfolios und in diesen ist nur ein Teil sehr spekulativ, damit eben der Fall des ungeplanten Totalverlustes gar nicht erst eintreten kann. Gerade klassische Portfolios bestehen überwiegend aus Bonds und dividendenstarken Titeln, was im erst Blick auf die Rendite langweilig aussieht, aber diese Zahlungen kommen regelmäßig und können hochspekulativ z.Bsp. in Optionen angelegt werden ohne das Vermögen zu beschädigen.

  • Helmes kommentierte am 05.01.2017 um 07:05 Uhr

    Sehr guter Beitrag,toll!

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