Analyse: Ist Trading erlernbar?

02.05.2017 - 6 Minuten Lesezeit

Darf diese Frage überhaupt gestellt werden? Schließlich leben wir in einer Zeit, deren Narrativ verspricht, dass jeder alles erreichen kann, wenn nur genügend Einsatz geleistet wird. Dennoch soll diese für viele Angebote rund um Trading geradezu konstituierende Frage hier einmal beleuchtet werden.

Was wäre, lautete die Antwort „Nein“? Deshalb wird jeder zumeist selbst ernannte Anwärter auf den Beruf des Traders instinktiv „Ja“ für die richtige Antwort halten. Schon allein deshalb muss die Frage umso konsequenter gestellt werden. Schließlich geht ein allzu breiter Konsens allzu oft mit einer (Selbst-) Lüge einher.


Die Frage nach der Erlernbarkeit des Tradings ist nicht neu

Neu ist die grundsätzliche Fragestellung nach der Erlernbarkeit des Tradings allerdings nicht. Erinnert sei an Richard Dennis und William Eckhardt. Dennis hielt es für möglich, aus prinzipiell jedem einen erfolgreichen Trader zu machen.

Ein überliefertes Zitat lautet:

Man kann Trader züchten wie Schildkröten in Singapur.

Den Beweis für diese These zu erbringen versuchte Dennis gegenüber dem Mathematiker Eckhardt in einem Experiment, das auch als „Turtle Trader“ bekannt wurde. Im Rahmen des Experiments wurden 1983 aus 1.000 Bewerbern zehn Freiwillige ausgewählt, die innerhalb von zwei Wochen zu Börsenspekulanten ausgebildet wurden. Diese wurden mit jeweils 1 Million USD (realem) Startkapital aufs Parkett geschickt und erzielten einen durchschnittlichen Gewinn in Höhe von 80 %.

Schon allein dieses in der Finanzwelt legendäre Experiment sollte Legitimation genug sein, die Frage nach der Erlernbarkeit des Börsenhandels überhaupt zu stellen. Auch wenn die schließlich ausgewählten Probanden durchweg erfolgreich waren, bleiben Fragen offen.

So wurden 99 % der Bewerber nicht ausgewählt. Verfehlten diese möglicherweise eine notwendige Vorbedingung für erfolgreichen Handel? Nur, wer sich der Fragestellung offen ausliefert, erhält aussagekräftige (aber nicht zwingend angenehme) Antworten.


Trading ist mehr als das Erlernen einer Strategie

Die zentrale Fragestellung erfordert zunächst ein Blick auf die Qualitäten, die erfolgreiche Trader mutmaßlich auszeichnen. Bereits hier ergibt sich eine wesentliche Schwierigkeit. Gilt auch derjenige als Trader, der sämtliche Handelsentscheidungen einem Algorithmus überlässt und diesen nicht einmal selbst entwickelt hat? Oder setzt der Status „Trader“ eine direkte Beziehung zum Marktgeschehen voraus?

Falls jeder als Trader gilt, über dessen Depots und Handelskonten Positionen eröffnet werden, fallen in diese Kategorie notwendigerweise auch Programmierer, Entwickler und Anwender. Wer ein mechanisches Handelssystem entwickelt und in Programmiersprache umsetzt, mag noch einen gewissen Bezug zum realen Börsenhandel besitzen. Wer jedoch lediglich fertige Skripte kauft und für sich entscheiden lässt, ist kein Trader im engeren Sinne.

Stellen Sie diese Definition gedanklich auf die Probe. Angenommen, es existiert ein Zertifikat, mit dem ein mechanisches Handelssystem umgesetzt wird.

Ist ein Anleger, der dieses Zertifikat im Depot hält, ein Trader? Wahrscheinlich nicht.

Die meisten erfolgreichen Trader verdanken ihren Erfolg nicht der simplen Umsetzung von mechanischen Handelssystemen. Diese werden zwar sehr häufig verwendet, dienen jedoch nur der Vorbereitung von Handelsentscheidungen. Das Handelssystem weist auf eine interessante Konstellation hin, der Trader entscheidet nach manueller Sichtung des Signals selbst, ob und wie es umgesetzt wird.


Automatisierter Handelssignale werden manuell geprüft

Dieser verbleibende Entscheidungsspielraum ist oft genug maßgeblich für den Erfolg. In Anspielung auf andere Branchen könnte eine „handverlesene Auslese von automatisch generierten Handelssignalen“ der Schlüssel zum Erfolg sein.

Das lässt sich in der Praxis immer wieder beobachten:

Erfolgreiche Trader können mit mechanischen Handelssystemen vor großem Publikum Erfolge erzielen, die das Publikum - auf sich gestellt - nicht in diesem Umfang wiederholen kann.

Der Grund liegt in der manuellen Auslese der Handelssignale.

Automatisierte Handelssignale werden generiert, wenn festgelegte, klar definierte Bedingungen vorliegen. Dabei kann es sich zum Beispiel um ein neues 4-Wochen-Hoch bei gleichzeitiger Ausweitung der Spanne und des Handelsvolumens handeln. Werden die Signale ohne Betrachtung des sonstigen Kontextes „blind“ gehandelt, geht jedoch viel Potenzial verloren. So bringt es zum Beispiel wenig, auf einen größeren Ausbruch zu spekulieren, wenn kurz über dem vermeintlichen Ausbruchspunkt ein signifikanter charttechnischer Widerstand im Raum steht.


Erfahrung, Wissen und Intuition des Traders sind ein Filter

Hier kommt der menschliche Trader ins Spiel: Er muss automatisch generierte Handelssignale im Kontext der gesamten Marktsituation interpretieren. Seine Auswahl bzw. Auslese ist die Quintessenz von Erfahrung, Fachwissen und Intuition. Diese wiederum stellt nichts weiter dar als einen weiteren Filter. Qualitativ hochwertige Filter eignen sich bekanntlich zu einer signifikanten Erhöhung der Trefferquote.

Nicht nur das: mitunter kommt es zu Marktsituationen, die großes Potenzial besitzen, auf dem Radar von Algorithmen aber aufgrund von Details nicht auftauchen.

Ein Beispiel: der Bruch von Trendlinien muss nach Auffassung vieler Regelwerke auf Wochenbasis bestätigt werden. Erfahrene Trader wissen aber, dass ein mit viel Dynamik einhergehender Bruch am Freitagnachmittag nach einer mit Spannung erwarteten Notenbanksitzung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Bestätigung in der Folgewoche vorausgeht investieren kurz vor Börsenschluss mit Stopp Loss.


Entscheidungsspielraum = Potenzial zum Scheitern

Wo es einen Entscheidungsspielraum gibt, dessen produktives Potenzial durch Erfahrung, Wissen und Intuition zur Entfaltung gebracht werden kann, existiert notwendigerweise auch Potenzial zum Scheitern. Das gilt für einzelne Handelsentscheidungen ebenso wie für Traderkarrieren an sich.

Natürlich lässt sich Trading bis zu einem gewissen Grad lernen. Fachwissen lässt sich aneignen, Erfahrung gewinnen. Auch Intuition (die nichts Anderes als unterbewusste Logik darstellt) lässt sich bis zu einem gewissen Grad entwickeln. Das bedeutet, dass von hypothetischen 100 Personen relativ viele zu Tradern mit respektablen Handelsergebnissen werden können, wenn genügend Aufwand in Form von Lernarbeit, Lehrgeld und Stress in Kauf genommen wird.

Das gilt so oder so ähnlich für fast alle Berufe. Wie bei fast allen Berufen gilt auch für Trading, dass ein Teil der Interessenten den Sprung ins Lager der erfolgreichen verfehlen wird. Da ein erheblicher Teil der Interessenten in Vollzeit erwerbstätig und wirtschaftlich einigermaßen situiert ist, könnte der Anteil der Misserfolge sogar relativ hoch ausfallen. Ursächlich für den Misserfolg sind dann jedoch vorwiegend ein Mangel an Übung, Geduld, Disziplin und Selbstkontrolle.

Eine besondere Bedeutung kommt hier dem Risiko- und Money Management zu. Vertrauen (in Erfahrung und Intuition) ist gut, Kontrolle ist besser: Wer den maximalen Verlust pro Position nicht auf einen kleinen Prozentsatz des Kontos begrenzt, riskiert ein frühes Aus. Die meisten Trader mit langjährigem Erfahrungshorizont hätten diesen niemals erreicht, ohne konsequent ihre Verluste zu begrenzen.


Erfahrung durch Algorithmen ersetzen zu lassen erfordert Disziplin

Eine gewisse Disziplin ist deswegen erforderlich, wenn alle Handelsentscheidungen durch Algorithmen getroffen werden. Hier ist es erforderlich, sich tatsächlich ganz auf den Algorithmus einzulassen. Allzu oft scheitern solche Vorhaben an manuellen Interventionen, die besonders nach längeren Verlustserien dazu dienen, das eigene Unbehagen zu besänftigen. Der Lernprozess im vollautomatisierten Handel besteht darin, es auch bei der vollautomatisierten Variante zu belassen.


Fazit

Trading ist grundsätzlich erlernbar. Erfahrung, Fachwissen und Intuition entscheiden auch dann maßgeblich über den Erfolg, wenn Handelssignale durch Algorithmen erkannt werden – der Trader fungiert als eine Art menschlicher Filter. Nicht jeder, der mit dem Lernen beginnt, wird auch zum Erfolg kommen. Dazu braucht es Disziplin, Ausdauer und anhaltende Lernbereitschaft.

Tipps für erfolgreiches Trading

Über den Autor

Rene Berteit

Rene Berteit

Rene Berteit beschäftigt sich seit 1999 intensiv mit den Finanzmärkten und dem Trading von Aktien, Währungen, Rohstoffen und den wichtigsten Indizes. Während der Riesenhausse bis ins Jahr 2000 stand für die meisten Trader Verlieren nicht auf der Agenda. Egal was man kaufte, es stieg. Dies lockte auch den BWL-Studenten Rene Berteit an die Märkte. Er platzierte die ersten Orders – mit Erfolg . Doch mit Ende des Hypes im Neuen Markt kam auch für ihn die Zeit der Qualen. Dennoch beschäftigte er sich neben dem Studium und während der späteren Tätigkeit als Logistikleiter jede freie Minute mit Märkten und Strategien und sammelte so ein breites Know-how. Sein Spezialgebiet: der kurzfristige Handel – das so genannte Daytrading – von Dow Jones, DAX und dem Währungspaar Euro/US-Dollar. Seine Erfahrung kommt auch den Teilnehmern des von ihm seit 2007 bei GodmodeTrader betreuten Ausbildungs-Services zugute. Folgen Sie Rene Bereit auf Guidants.

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