Was ist eigentlich aus „Behavioral Finance“ geworden?

06.07.2017 - 6 Minuten Lesezeit

Behavioral Finance untersucht die Auswirkungen menschlicher Verhaltensmuster auf Anlageentscheidungen. Die Disziplin scheint im Zeitalter des algorithmischen Tradings etwas in den Hintergrund zu geraten. Doch der Schein trügt: Die Erkenntnisse der Behavioral Finance sind unverändert wertvoll.

Behavioral Finance ergänzt „effiziente Märkte“ um den Faktor Mensch

Behavioral Finance ergänzt die Theorie „effizienter Märkte“ um den Faktor Mensch. Wären Märkte zu 100 % effizient, müssten sich Kurse bei einer relevanten Änderung der Informationslage momentan, d.h. innerhalb von Sekunden ändern.

Die Munich Business School konstatiert in einem Arbeitspapier aus 2009:
„Die Normalreaktion im Zusammenhang mit effizienten Märkten und rationalem Verhalten ist gekennzeichnet durch die unmittelbare Preisanpassung an einen neuen Fundamentalwert. Bei quasirationalem Verhalten können sowohl Unter- als auch Überreaktionen eintreten. Damit ist zum einen die Reaktion auf irrelevante Informationen (Noise) und zum anderen die abnormale Reaktion auf bewertungsrelevante Informationen gemeint. Diese Über- bzw. Unterreaktion führt also zu Abweichungen des Preises von seinem Fundamentalwert. Der rational handelnde Investor scheint nicht der Regelfall zu sein.“

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Quelle: http://www.munich-business-school.de/fileadmin/mbs_daten/dateien/working_papers/mbs-wp-2009-04.pdf

Die Beobachtung einer nicht im Sinne der Effizenztheorie “angemessenen” Bewertung der Märkte durch Marktteilnehmer ist auch in der Abbildung oben erkennbar, die ebenfalls dem durch Matthias Lamberti verfassten Arbeitspapier der Munich Business School entnommen wurde. Behavioral Finance geht davon aus, dass Marktteilnehmer „in der Erwartungsbildung und im Entscheidungsverhalten“ eingeschränkt sind.


Schädliche Verhaltensweisen, die Behavioral Finance erkannt hat

Die Verhaltensweisen, die zu diesen Einschränkungen führen, werden auch als Verhaltensanomalien bezeichnet. Diese Anomalien werden in der Wissenschaft in zwei Kategorien unterteilt. Die erste Kategorie betrifft die Informationsverarbeitung durch das menschliche Gehirn, die zweite die Einstellung von Marktteilnehmern. Es lassen sich einige typische Verhaltensweisen oder auch „Todsünden“ herauskristallisieren, die bei einer sehr großen Zahl von Marktteilnehmern anzutreffen sind.

Verhaltensanomalien in der Behavioral Finance

Quelle: http://www.munich-business-school.de/fileadmin/mbs_daten/dateien/working_papers/mbs-wp-2009-04.pdf

Selektive Wahrnehmung

Selektive Wahrnehmung liegt vor, wenn Anleger nur noch Informationen, Meinungen und Entwicklungen zur Kenntnis nehmen, die zur eigenen Überzeugung passen. Dieses Phänomen ist im Zeitalter der sozialen Netzwerke so relevant wie nie zuvor. Ein selektiv wahrnehmender Anleger ignoriert vielleicht deutliche Warnsignale, weil er von einer bestimmten Aktie überzeugt ist. Besonders groß ist dieses Risiko bei Aktien, mit deren „Story“ sich der Anleger persönlich (z. B. über sein Weltbild) identifiziert. Selektive Wahrnehmung kann aber auch die eigene Trader-Historie betreffen: Wer misslungene Trades ausblendet, überschätzt sich womöglich.

Fiktive Konten

Anleger neigen dazu, ihr eigenes Geld nicht immer „gleich“ zu behandeln. 1.000 EUR können in Situation A anders bewertet werden als in Situation B.

Ein Beispiel: Ein Trader könnte nach einem größeren Gewinn ein höheres Risiko eingehen, weil der Einsatz ja gerade „gewonnen“ wurde. Dabei macht es keinen Unterschied, woher der Einsatz stammt. Fiktive Konten lassen sich auch bei der „Einstandsverbilligung“ beobachten: Sitzt ein Anleger auf einem Verlust, könnte er in derselben Aktie weitere Käufe tätigen und damit den durchschnittlichen Einstandskurs reduzieren. Mental mag es angenehmer sein, die Gewinnschwelle durch eine solche Maßnahme näher an den aktuellen Kurs heranzurücken – allein damit eine Investitionsentscheidung zu begründen ist jedoch offensichtlich fatal.

Herdentrieb

Der Herdentrieb wird durch die sozialen Netzwerke verstärkt. Taucht eine bestimmte Aktie sehr oft in Magazinen, im TV, an Pinnwänden usw. auf, weckt sie das Interesse von immer mehr Anlegern – darunter auch solchen, die nur investieren, um „dabei“ zu sein. Hier greift die Angst, nicht Teil einer als Erfolgsstory wahrgenommenen Entwicklung zu sein. Umgekehrt erfolgt nach einem Rücksetzer möglicherweise der Ausstieg, obwohl der Markt zum neuen Niveau günstig bewertet ist.


Morningstar Studie bestätigt Renditelücke

Der Fonds-Rating Dienst Morningstar veröffentlichte im Juni 2017 eine Studie zum Anlageverhalten von Fondsanlegern. Untersucht wurde die „geldgewichtete Rendite“ von Fonds – also die Rendite, die Anleger tatsächlich erzielten. Diese lässt sich mit dem Wissen um Mittelzuflüsse und Mittelabflüsse in Investmentfonds recht einfach ermitteln.

In dem Beitrag zur Studie heißt es:
„Man muss wissen, dass der Investor Return historisch gesehen recht stark abweicht vom so genannten Total Return, der zeitgewichteten Rendite, welche die typische Darstellung der Fonds-Renditen ist, die man auf den Fact Sheets oder in den Jahresberichten der Fondsanbieter vorfindet.“

Die Studie untersuchte die Renditelücke zwischen Total Return und Investor Return und kam zu dem Ergebnis, dass Anleger in Europa in den letzten fünf Jahren pro Jahr 0,60 % weniger Rendite erzielten, als der Total Return ihrer Fonds es vermuten ließe. In einer zehnjährigen Perspektive fiel diese Lücke mit 0,74 % sogar noch etwas größer aus.

In den USA schlugen sich die Anleger besser. Auf Zehnjahressicht wurde hier die Renditelücke von 54 auf 37 Basispunkte reduziert. Zwischen 2012 und 2016 lag der Investor Return sogar durchgängig über dem Total Return – um immerhin 31 Basispunkte pro Jahr. In Kanada und Singapur fiel die Lücke dagegen noch größer aus als in Europa.

Die Renditelücke in Europa lässt sich möglicherweise mit psychologischen Aspekten erklären. Womöglich kaufen viele Anleger erst zu einem zu späten Zeitpunkt und damit zu hohen Kursen, während Verkäufe zu ungünstigen Zeitpunkten etwa am Ende einer Korrektur getätigt werden – womöglich, weil die Korrektur in Panik als Vorzeichen eines Crashs interpretiert wurde.


Behavioral Finance als Investmentprodukt?

Die Überlegungen hinter Behavioral Finance wurden bereits zur Konstruktion von Finanzprodukten verwendet. So etwa im Fall des sentix Risk Return A Fonds (ISIN: DE000A2AMPE9). Dieser Fonds wird laut Kurzbeschreibung „auf Basis eines Behavioral Finance Ansatzes“ verwaltet. Dabei sollen „durch eine Analyse des Anlegerverhaltens günstige Gelegenheiten an den Kapitalmärkten identifiziert und genutzt“ werden.

Solche günstigen Konstellationen treten demnach z. B. „in extremen Sentimentwerten“ auf, die durch eine „besonders einseitige Markterwartung“ gekennzeichnet ist. Ziel des Fonds ist das Erzielen aktienähnlicher Erträge, ohne das Vermögen dauerhaft dem Aktienmarktrisiko auszusetzen.

Der Fonds wird – neben anderen Anlagen mit Bezug zu Behavioral Finance – durch die sentix Asset Management GmbH betrieben. Die Geschäfte führen dort Manfred Hübner und Patrick Hussy, die auch die Sentix GmbH führen. Letztere analysiert mit wöchentlichen Umfragen die Stimmung unter den Marktteilnehmern. Teilnehmer der Umfrage haben Zugriff auf Analysen und können sich einen Eindruck von Behavioral Finance als Anlagestrategie verschaffen.


Ausblick: Algorithmen und der Mensch

Auch die Disziplin der Behavioral Finance wird sich in den kommenden Jahren mit der wachsenden Bedeutung von Algorithmen für den Börsenhandel auseinandersetzen müssen. Was bedeutet es für die Psychologie, wenn bei Erreichen einer bestimmten Verlustschwelle automatisch unzählige Glattstellungsaufträge ausgelöst werden? Muss eine Stop Loss Order dann enger platziert oder stattdessen mit einem Limit versehen werden? In Zukunft gilt es, die in Algorithmen enthaltenen Verlustängste und sonstigen Verhaltensanomalien bei Entscheidungen zu berücksichtigen.

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Team BrokerDeal

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