Automatische Chartmustererkennung: Software, Kosten und Potenzial

20.03.2017 - 8 Minuten Lesezeit

Wozu mit viel Mühe nach Chartmustern suchen, wenn es eine automatische Chartmustererkennung gibt? Diese Frage haben wir uns gestellt und untersucht, welche Software es gibt und welche Ergebnisse zu erwarten sind. Kann Software das geübte Auge eines Chartisten wirklich ersetzen?

Was ist der Unterschied zwischen einem Marktscanner und Chartmusterkennung?

Der Unterschied zwischen einem Marktscanner und einer Software zur automatischen Chartmustererkennung ist letztlich eine Frage der Definition. Hier sei unter einer Chartmustererkennung ein Tool verstanden, das auf die automatisierte Erkennung von Formationen abzielt, die ansonsten Gegenstand der visuellen Chartanalyse sind.

Eine absolut scharfe Trennung zwischen Scanner und Mustererkennung lässt sich nicht ziehen, da auch Chartmuster in ihrer Beschaffenheit quantifizierbaren (und damit in Programmiersprache definierbaren) Regeln unterworfen sind.

Die Unterscheidung hier orientiert sich an der Researcharbeit, die durch die Software (im besten Fall) geleistet wird: Ersetzt diese Arbeit formales Suchen und Sortieren (Scanner) oder visuelle Analysen (Mustererkennung)?


Welche Programme zur Chartmustererkennung gibt es?

Es gibt zahlreiche Programme, die „automatische Chartmustererkennung“ zu ihrem Funktionsumfang zählen. Nicht immer aber erfüllen die Anwendungen auch die damit verbundenen Erwartungen. Mitunter beschränkt sich die Chartmustererkennung auf Candlestick Formationen und Trendlinien.

So z. B. bei der sehr bekannten (kostenpflichtigen) Software TraderFox. Diese ist eher den Marktscannern zuzuordnen und dient nicht primär der automatischen Chartmustererkennung. Traderfox ermöglicht z. B. die automatisierte Suche nach bestimmten Kerzenformationen wie Gravestone Doji, Evening Star u.v.m.

Screenshot: TraderFox zeigt einen Gravestone Doji an

Screenshot: TraderFox zeigt einen Gravestone Doji an

Chartformationen im engeren Sinne finden sich bei den Scan-Optionen aber nicht. Diese ermöglichen die gezielte Suche nach einer Vielzahl von Signalen, darunter neue Hochs und Tiefs, Ausbrüche, Turtle Signale u.v.m. Widerstand und Unterstützung, Flaggen, Keile, Wimpel und Dreiecke sind jedoch nicht Gegenstand der Scans.

Eine weitere recht bekannte Anwendung ist der Patternscout von Guidants. Die Anwendung wurde durch die Börse Go AG entwickelt. Ein Bestandteil der Software ist die Chartmustererkennung. Diese umfasst Trendmuster, Trendkanäle, kursspezifische Muster, Strategiemuster, Kerzenmuster und Chartmuster. Die Basisversion von Guidants ist kostenlos, für erweiterte Leistungen fallen Gebühren an. Sehr gut gefällt in diesem Tool etwa die automatische Berechnung von charttechnisch sinnvollen Ausstiegsmarken:

patternscout


Welche Broker bieten Software kostenlos an?

Chartanalyse stellt für viele Trader einen wichtigen Aspekt bei der Beurteilung der Märkte dar und dient Brokern als Verkaufsargument. Zahlreiche Handelshäuser stellen ihren Kunden deshalb kostenlose Software zur Verfügung. Die größte Reichweite besitzt die Anwendung Autochartist. Unter den in Deutschland sehr bekannten Brokern wird diese Software u.a. durch ActivTrades, Admiral Markets, Forex.com, FXPro, GKFX, IG, Markets.com, Oanda und xTrade angeboten.

Vor allem größere Broker haben eigene Lösungen für die Chartmustererkennung entwickelt. So z. B. CMC Markets, wo die sehr einfache Handhabung der Anwendung in den Vordergrund gerückt wird:

Unsere Chartmuster-Erkennung scannt für Sie alle geöffnete Charts über Laufzeiten hinweg nach beliebten technischen Mustern wie beispielsweise Kopf und Schulter-, Dreieck- und Keil-Formationen. Sobald ein Muster vollständig ist, können Sie einen Live-Chart öffnen, der für einen schnellen Überblick das Muster und die Preisprognose anzeigt.“

Screenshot: Automatische Chartmustererkennung bei CMC Markets

Screenshot: Automatische Chartmustererkennung bei CMC Markets

Die Produktbeschreibung durch CMC Markets macht deutlich, worum es Kunden aus Sicht der Broker geht: Relevante Formationen sollen automatisch erkannt, angezeigt und eingeordnet werden. Handelssignale per Autopilot, die allerdings manuell umgesetzt werden  - bislang gibt es keinen Anbieter, bei dem automatisch alle Formationen eines bestimmten Typs gehandelt werden können.

Erwähnenswert an dieser Stelle: Guidants wurde mittlerweile zur Multifunktionsplattform, an die auch Broker angeschlossen sind. D.h. es können direkt aus der Analyse heraus entsprechende Orders aufgegeben werden. Aktuell interessante angebundene Broker sind JFD Brokers, FXCM, flatex, Consorsbank, ViTrade.


Ein Selbstversuch mit Autochartist

Theorie und Praxis sind bekanntlich Zweierlei. Deshalb haben wir die Software Autochartist getestet. Welche Formationen werden angezeigt? Ist die Darstellung korrekt und verständlich? Wie viele Signale werden erzeugt und wie werden Trader über das Auftreten eines Signals informiert?

Wer ist Autochartist?

Autochartist zählt zu den bekanntesten Anwendungen der automatischen Chartmustererkennung und wurde im Jahr 2004 durch das gleichnamige Unternehmen ursprünglich für US-Aktien auf Intraday-Basis entwickelt worden war.

Die Software ist heute nach Angaben des Unternehmens bei 45 großen Onlinebrokern im Einsatz, die ihren Kunden die Nutzung zumeist entgeltfrei gestatten. Demnach werden 50.000 Endkunden in 80 Ländern monatlich über 400.000 potenzielle Trading-Gelegenheiten informiert.

Autochartist erzielt Umsätze durch die Lizenzgebühren der Broker, die die Software nutzen. Die Software ist auch als Plugin für MetaTrader erhältlich.

Welche Chartformationen erkennt die Software?

Autochartist erkennt Chartformationen, Fibonacci Formationen und „Key Levels“, also wichtige Kursniveaus. Zum Zeitpunkt unserer Stichprobe waren die folgenden Formationen in der Liste der aktuellen Handelssignale enthalten:

  • Widerstand und Unterstützung
  • Dreiecke (symmetrisch, steigend, fallend)
  • Rechtecke
  • Kopf-Schulter-Formationen
  • Trendkanal/Kurskanal (alle Richtungen)
  • Keile
  • Flaggen
  • Wimpel
  • ABCD-Formation
  • 3drive

Die Abbildung unten zeigt eine durch Autochartist erkannte Unterstützung. Der graue Pfeil rechts im Chart deutet an, wohin sich die Kurse entwickeln, wenn der Markt Anlauf auf die Unterstützung nimmt. Die Identifikation des sehr markanten Tiefs als Unterstützung allein bietet Nutzern jedoch kaum einen Mehrwert, der nicht in der bloßen Information über das Auftreten der Unterstützung besteht. Wünschenswert wären weitere Linien, die die weniger signifikanten Unterstützungslevel auf dem Weg zur „großen“ Unterstützung markieren.

Screenshot: IG Markets Demokonto - Unterstützung durch AutoChartist erkannt

Screenshot: IG Markets Demokonto - Unterstützung durch AutoChartist erkannt

Die Schulter-Kopf-Schulter-Formation in der Abbildung unten hat wenig mit der Formation laut Lehrbuch gemein, erfüllt aber die formalen Kriterien.

Screenshot: Schulter Kopf Schulter Formation bei Autochartist

Screenshot: Schulter Kopf Schulter Formation bei Autochartist (Quelle: IG Demokonto)

Die Abbildung unten zeigt eine ABCD Formation. Rechts vom Chart findet sich ein Fenster mit weiteren Informationen, die die Software dem Anwender über die Formation anzeigt.

Screenshot: ABCD Formation bei Autochartist

Screenshot: ABCD Formation bei Autochartist (Quelle: IG Demokonto)

Die Abbildung unten zeigt einen fallenden Keil, dem ein Ausbruch nach oben bevorsteht. Es handelt sich um eine Fortsetzungsformation – fallende Keile entstehen im Laufe einer Korrektur gegen den vorherrschenden Trend.

Screenshot: Fallender Keil bei Autochartist

Screenshot: Fallender Keil bei Autochartist (Quelle: IG Demokonto)

Autochartist identifiziert auch einfache Trendkanäle – in der Abbildung unten ist ein abwärts gerichteter Kanal zu sehen. Die Suche nach signifikanten Trendkanälen (also solchen, deren Linien immer wieder durch den Markt getestet werden) ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit mit Trendfolgestrategien.

Screenshot: Abwärtstrendkanal bei Autochartist (Quelle: IG Markets)

Screenshot: Abwärtstrendkanal bei Autochartist (Quelle: IG Markets)

Die Abbildung unten zeigt eine Flagge.

Screenshot: Flagge bei Autochartist

Screenshot: Flagge bei Autochartist (Quelle: IG Markets)

Hier ist eine 3drive Formation mit 44 Kerzen und sieben Kurszielen zu sehen.

Screenshot: 3drive bei Autochartist (Quelle: IG Demokonto)

Screenshot: 3drive bei Autochartist (Quelle: IG Demokonto)

Die nachfolgende Abbildung zeigt eine Rechteckformation. Diese wird durch Autochartist als ausschließliche Fortsetzungsformation interpretiert. Dabei könnte sie bei einem Ausbruch nach unten auch eine Umkehrformation darstellen.

Screenshot: Rechteck bei Autochartist (Quelle: IG Demokonto)

Screenshot: Rechteck bei Autochartist (Quelle: IG Demokonto)

Die Abbildung zeigt ein Dreieck. John J. Murphy definierte in „Technische Analyse der Finanzmärkte“ eine allgemeine Regel für die Auflösung von Dreiecken. Diese Regel besagt, „dass die Kurse in Richtung des vorherigen Trends zwischen zwei Drittel und drei Viertel der horizontalen Breite des Dreiecks ausbrechen sollten“. Ansonsten verliere das Dreieck an Aussagekraft. Das Zeitlimit findet bei Autochartist keine Berücksichtigung.

Screenshot: Dreieck bei Autochartist (Quelle: IG Demokonto)

Screenshot: Dreieck bei Autochartist (Quelle: IG Demokonto)


Dass Software wie Autochartist Kursformationen erkennen kann, ließ sich an den Beispielen oben zeigen. Nicht ohne Weiteres messen lässt sich derweil, ob die Software tatsächlich alle wichtigen Formationen erkennt – dieser Versuch soll hier nicht unternommen werden.

Stattdessen erscheint ein Blick auf die Performance Statistiken von Autochartist sinnvoll. Diese listen die Trefferquoten für alle auftretenden Formationen auf und sind damit für alle an Charttechnik und ihren Möglichkeiten Interessierte eine regelrechte Fundgrube.

Die Tabelle unten ist der Software entnommen und bezieht sich auf an der Amex gehandelte Titel und den Zeitraum vom 06.09.16 bis zum 03.03.17. In diesem Zeitraum wurden 39.712 Formationen erkannt. 16.813 davon folgte eine Kursbewegung in die vorhergesagte Richtung. Ungeachtet einer genaueren Definition dieser Kursbewegung entspricht das einer Trefferquote von 42 %.

Screenshot: Die „Trefferquoten“ verschiedener Formationen bei Autochartist

Screenshot: Die „Trefferquoten“ verschiedener Formationen bei Autochartist (Quelle: IG Demokonto)

Auffallend groß sind die Unterschiede zwischen den Quoten der einzelnen Formationen. Kopf-Schulter-Formationen wiesen mit 69 % die mit Abstand höchste Trefferquote auf – und zwar unabhängig davon, ob die Formation einen Aufwärts- oder einen Abwärtstrend beendete. Relativ hoch fielen die Trefferquoten auch bei Doppelböden- und Tops und Trendkanälen aus.


Macht Software den menschlichen Chartisten überflüssig?

Autochartist empfiehlt die eigenständige Beobachtung der Märkte, um die Trefferquoten zu erhöhen. Der Entwickler selbst sieht in der Software damit weniger ein Tool zur automatisierten Entscheidungsfindung als einen Scanner, der auf potenzielle Gelegenheiten hinweist und Tradern damit viel Sucharbeit abnimmt.

Es spricht vieles für diese Einstufung. Software kann den geübten Blick eines Chartisten nicht ersetzen, sondern den menschlichen Anwender lediglich auf das Auftreten von Formationen hinweisen. Ob eine Formation aussagekräftig ist, müssen weiterhin die Nutzer entscheiden und dabei weitere Informationen und ihre Erfahrung einfließen lassen.

Diese Erfahrungen sind auch bei der konkreten Umsetzung von Handelssignalen aus Chartformationen notwendig. Ein Beispiel: Wann genau wird eine Position eröffnet, wenn der Markt einen Doppelboden unterschreitet? Sofort und mit dem Risiko einer Bärenfalle? Oder erst, wenn ein weiteres Indiz (ansteigendes Volumen und sich ausweitende Handelsspanne) hinzukommt?

Es ist ohnehin fragwürdig, die Chartanalyse auf das bloße Auftreten bestimmter Kursabfolgen zu reduzieren. Dabei droht auf Dauer das grundlegende Verständnis für die Marktkräfte abhanden zu kommen.

Die Märkte bewegen sich nicht, weil bestimmte Kursmuster auftreten, sondern weil Angebot und Nachfrage im ständigen Ausgleichsprozess bestimmte Stadien durchlaufen. Diese Stadien zeichnen sich in Formationen ab und ermöglichen Prognosen.

Es steht zu befürchten, dass Software sich auf Signale mit kurzem Zeithorizont fokussiert und dabei die Betrachtung der übergeordneten charttechnischen Situation ins Hintertreffen gerät. Gerade diese „Großwetterlage“ eröffnet aber häufig genug erst den Blick auf die wesentlichen Indizien.


Fazit

Software zur Chartmustererkennung weist Benutzer auf das Auftreten von Kursmustern wie z. B. Schulter-Kopf-Schulter-Formationen, Widerständen, Trendkanälen u.v.m. hin. Werden die Signale ohne weitere Prüfung umgesetzt, fällt die Trefferquote bei fast allen Formationstypen zu gering aus, um Gewinne zu erzielen. Die Einordnung des Marktes durch einen menschlichen Chartisten lässt sich durch Software deshalb nicht ersetzen, was von den Entwicklern auch nicht bestritten wird. Zu den bekanntesten Anwendungen zählt Autochartist, das bei vielen Brokern kostenlos erhältlich ist.

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Team BrokerDeal

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