Daytrading-Strategien im Einsatz Teil 3/3

16.02.2016 - 9 Minuten Lesezeit

Im ersten Teil unserer Serie „Daytrading“ wurden die Grundlagen für den kurzfristigen Handel erläutert, im zweiten Teil ging es um Leistungsmerkmale und Entwicklungsmöglichkeiten von Handelsstrategien. Im dritten und letzten Teil sollen nun verschiedene Typen von Strategien anhand konkreter Beispiele erläutert werden. Dabei geht es nicht zuletzt um die spezifischen Stärken und Schwächen von Trendfolgestrategien, antizyklischen Ansätzen und Co.

Trendfolgestrategien

Trendfolgestrategien spielen auch im Daytrading eine bedeutende Rolle und folgen hier denselben Regeln wie auch auf anderen zeitlichen Ebenen:
Im Kern geht es darum, existierende Trends zu identifizieren und sie in Trendrichtung zu handeln.

Die Grundüberzeugung: Ein einmal bestehender Trend setzt sich mit einer signifikanten Wahrscheinlichkeit eine Weile fort.

Daytrader nutzen dazu Indikatoren wie den ADX oder RSI. Auch gleitende Durchschnitte und – in der visuellen Chartanalyse – Trendlinien können zur Analyse herangezogen werden. Ein entscheidendes Erfolgskriterium ist die Güte der gehandelten Trends. Diese sollten möglichst stabil sein. Nachfolgend zwei einfache Anwendungsbeispiele für Trendfolgesysteme im Daytrading.

RSI mit Gesamtmarkt als Filter

Jeden Morgen um zehn Uhr wird die Trendrichtung des Gesamtmarktes überprüft. Weist diese klar nach oben, werden Longpositionen in den Aktien eröffnet, die zu diesem Zeitpunkt den höchsten RSI aufweisen. Es wird ein Stop-Loss sehr nahe unterhalb des Entry-Kurses platziert und laufend nachgezogen. Kommt es nicht zur Aktivierung der SL´s, erfolgt die Schließung der Position vor Handelsschluss.

In einem insgesamt freundlich tendierenden Markt ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktien mit der größten Trendstärke an diesem Tag Gewinne einfahren, hoch. Dieselbe Strategie kann spiegelbildlich in fallenden Märkten angewandt werden.

Zwei gewichtete gleitende Durchschnitte

Ein weiteres Anwendungsbeispiel: Long-Entry-Signale werden erzeugt, wenn ein exponentiell gewichteter gleitender Durchschnitt (MA) mit 10 Perioden (z. B. jeweils 5 Minuten) einen solchen mit 30 Perioden von unten nach oben überkreuzt. Ein Stop-Loss wird sehr nach unterhalb des Einstiegskurses platziert. Unabhängig davon wird ein Long-Exit-Signal ausgelöst, wenn der schnellere MA sich in drei aufeinanderfolgenden Perioden dem langsameren SMA nähert.

Um Verluste zu vermeiden, sollte man beim Scanning der Märkte nicht nur auf Ranglisten, sondern auf die tatsächliche Trendstärke achten.

Trendfolgestrategien liefern in trendstarken Märkten gute Ergebnisse, produzieren jedoch mitunter lange Verlustserien, wenn sich der Markt ohne erkennbare Richtung hin und her bewegt. Es ist deshalb ausgesprochen wichtig, beim Scanning der Märkte nicht nur auf Ranglisten, sondern auf die tatsächliche Trendstärke zu achten.

1-2-3-4-Korrektur innerhalb eines Trends

Was tun, wenn ein starker Trend den Markt bereits weit nach oben getrieben hat? Trader warten in diesem Fall am besten eine Korrektur ab und steigen zu niedrigeren Kursen ein.

Die 1-2-3-4-Strategie wurde u.a. 1999 durch Jeff Cooper im Titel „Hit and Run Strategien“ (Finanzbuchverlag) veröffentlicht – damals mit Parametern für Positionstrader. Das Konzept lässt sich jedoch auch im Daytrading anwenden.

Für ein Long-Entry-Signal muss demnach ein Markt mit einem 14-Perioden-ADX mit einem Wert größer 30 oder einem RSI größer 95 gefunden werden. Der DI+Wert des ADX muss den DI-Wert übersteigen. Im Anschluss daran gilt es eine durch Cooper so bezeichnete „1-2-3-Korektur“ abzuwarten.

Dabei muss der Markt (z. B. im Stundenchart) entweder drei aufeinanderfolgende, niedrigere Tiefs erreichen oder zwei niedrigere Tiefs und einen Inside Day (egal in welcher Kombination). In der vierten Periode wird knapp oberhalb des Hochs der dritten Periode eine Longposition (Market) eröffnet und mit einem Stop-Loss auf dem Niveau des Tiefs der dritten Periode abgesichert und bei steigenden Kursen nachgezogen.


Antizyklische Strategien

Antizyklische Daytrading Strategien zielen auf kurzfristige Über- und Unterbewertungen des Marktes ab. Es gibt einige hauptsächlich angewandte Ansätze.

Widerstand und Unterstützung

Daytrader können kurz oberhalb einer Unterstützung kaufen und kurz unterhalb eines Widerstands verkaufen. Es empfiehlt sich allerdings, nur signifikante Widerstands- und Unterstützungsniveaus zu handeln und nicht jedes vorangegangene Hoch automatisch als Widerstand einzustufen. Gut geeignet sind Niveaus, auf denen der Markt mehrfach eine Kehrtwende bzw. Korrektur eingeschlagen hat.

Ein generelles Problem stellt bei diesen Ansätzen die Platzierung der Stop-Loss-Orders dar – jedenfalls fernab der Bilderbuch-Charttechnik. In der Praxis erstreckt sich fast jeder Widerstand über einen etwas breiteren Kursbereich, so dass eine Platzierung darüber (auf einem Kursniveau, dessen Erreichen einen Ausbruch markieren würde) zu große Spielräume für Verluste einräumt. Eine Möglichkeit besteht darin, die Stop-Marken eng zu setzen und ggf. mehrfach in den Markt ein-und wieder auszusteigen.

Auch für den Handel von Widerstand und Unterstützung empfehlen sich Filter über die Qualifikation der Widerstände an sich hinaus.

In Betracht kommt z. B. das Handelsvolumen: Läuft der Markt auf einen Widerstand zu, sollte dieses in Richtung des Widerstands abnehmen. Dasselbe gilt für die Volatilität. Nehmen Umsatz und Volatilität dagegen zu, spricht dies tendenziell für einen Ausbruch.

Oszillatoren

Oszillatoren basieren auf der Idee des Momentums:

Zumeist wird ein kurzfristiger durch einen längerfristigen gleitenden Durchschnitt dividiert.

Der Quotient schwankt je nach Ausgestaltung des Oszillators um eine Nulllinie oder eine 100-Prozent-Linie o. ä. Ein zentraler Bestandteil der Indikatoren sind Extremzonen, die auf Basis von Erfahrungswerten überkaufte bzw. überverkaufte Kursbereiche markieren sollen.

Es empfiehlt sich allerdings keinesfalls mit einem Scanner nach den Märkten zu suchen, die sich am weitesten im überkauften Bereich befinden und den Wert des Oszillators als Short-Entry-Signal zu betrachten: Dann wird ausgerechnet gegen die stärksten Trends gehandelt, was fast zwangsläufig mit Verlusten einhergeht. Overbought und Oversold-Indikatoren sind vielmehr in Kombination mit einem Filter einzusetzen, der eine niedrige Trendstärke indizieren sollte – z. B. ADX.

Retracements

Der Handel von Retracements bedeutet NICHT, ins sprichwörtliche fallende Messer zu greifen. Bei diesen Ansätzen erfolgt der Einstieg nach Kursbewegungen entgegen der übergeordneten Trendrichtung. Longpositionen werden somit nach einer Korrektur und Shortpositionen nach einer „Bärenmarktrallye“ eröffnet. Notwendige Bedingung ist stets, dass der übergeordnete Trend noch intakt ist.

Die Put-Call-Ratio gibt das Verhältnis von Put- zu Call-Optionen an.

Einen „Königsweg“ für die Definition von Entry-Signalen gibt es unter Berücksichtigung der genannten Vorbedingung nicht. Es kann sich allerdings lohnen, einen Blick auf die Entwicklung der Put-Call-Ratio zu werfen, sofern für den betreffenden Markt Intraday-Daten verfügbar sind.

Niedrige Werte sprechen für eine bullishe Stimmung, hohe Werte für viel Pessimismus im Markt. Häufig trifft das Ende einer Korrektur mit einer stark gegen den Trend ausgeprägten Stimmung zusammen.

Ausbruchstrategien

Ausbruchstrategien zielen darauf an, in einem frühen Stadium einer erwarteten, stärkeren Marktbewegung in den Markt einzusteigen. Ein Ausbruch lässt sich als Kursereignis definieren, das die unmittelbar vorangegangenen Kursbewegungen in irgendeiner Form überragt und/oder eine neue charttechnische Situation schafft.

Expansion Breakout

Die Expansion Breakout-Handelsstrategie wurde durch Jeff Cooper entwickelt und u.a. im Buchtitel „Hit and Run Strategien“ (1999, Finanzbuchverlag) vorgestellt. Die damals vorgestellte Strategie bezog sich auf Positionstrading, lässt sich aber auch im Daytrading anwenden.

Cooper beschreibt seine Beobachtung, nach der der simple Kauf jedes neuen Hochs nicht zu erfolgreichen Ergebnissen führt. Damit beschreibt Cooper die wesentliche Aufgabenstellung für jede Ausbruchstrategie:

Es geht darum, durch geeignete Filter Ausbruchsszenarien mit hoher von solcher mit geringer Vollendungswahrscheinlichkeit zu unterscheiden.

Die Definition eines Long-Entry-Signals in der Expansion Breakout-Strategie lautet, übertragen auf Daytrading:

  • Die aktuelle Periode (t) muss ein 40-Perioden-Hoch sein
  • Die Handelsspanne der aktuellen Periode muss mindestens so groß sein wie die größte Handelsspanne der zurückliegenden neun Perioden
  • Die Eröffnung einer Position erfolgt in Periode t+1 knapp über dem Hoch der Periode t
  • Das initiale Stop-Loss wird knapp unterhalb des Tiefs der Periode t-1 platziert

Die Strategie kann bei neuen Tiefs spiegelbildlich für Short-Entry-Signale eingesetzt werden. Cooper bezeichnet den Ansatz in diesem Fall als Expansion Breakdown.

Der Filter besteht hier in der Beschränkung auf 40-Perioden-Hochs und die Erfordernis der Handelsspanne. Dadurch werden klassische „Bullenfallen“ – also neue Hochs, denen keine Aufwärtsbewegung folgt – zum größten Teil umgangen.

Inside Days

Die Bezeichnung Inside Days geht auf Beobachtungen in Tagescharts zurück:

Die Kerzen der Handelstage t+1 und t+2 befinden sich beide vollständig innerhalb der Bandbreite der Kerze des Handelstags t. Anstelle eines Tages kann es sich bei t selbstredend auch um eine Stunde oder eine andere Periodenlänge handeln.

Die Inside Days Strategie setzt darauf, dass in einer auf t+2 folgenden Periode ein Ausbruch des Marktes aus dem Schatten der t-Kerze erfolgt.

Eine genaue Vorstellung im Hinblick auf die Richtung des Ausbruchs ist nicht notwendig. Zur Umsetzung der Strategie wird eine Stop-Buy-Order am Hoch von t+1 und eine Stop-Sell-Order am Tief von t+1 platziert.

Kommt es zur Bewegung in Richtung eines Ausbruchs, wird eine der beiden Orders automatisch aktiviert und eröffnet. Inside Days sollten mit einem eng gesetzten Stop Loss bzw. Trailing Stop gehandelt werden. Besonders groß ist das Potenzial der Ausbrüche, wenn diese im Kontext mit weiteren charttechnisch relevanten Indizien wie z. B. Dreiecksformationen auftreten.

Inside Days-Strategien können für den Einsatz bestimmter Optionsstrategien geeignet sein. Insbesondere Long Strangle-Strategien kommen in Betracht. Dabei werden jeweils eine Call- und eine Put-Option auf denselben Basiswert erworben – allerdings im Unterschied zum verwandten Long Straddle nicht mit identischem Basispreis. Kommt es zu einem Ausbruch in eine Richtung, ist ein Gewinn recht wahrscheinlich, weil sich die Optionswerte bezogen auf die Variable „Basiswertkurs“ zwar zunächst gegenläufig entwickeln, durch den Anstieg der Volatilität im Umfeld des Ausbruchs aber ein zusätzlicher Kursgewinn anfällt.

Newstrading

Newstrading-Strategien zielen darauf ab, Gewinne mit Marktbewegungen infolge von Nachrichten zu erzielen. Im Fokus stehen dabei terminierte News wie z. B. EZB-Ratssitzungen. Bilanzpressekonferenzen oder die Veröffentlichung wichtiger Konjunkturdaten.

Trader können zum einen versuchen, die Konsensmeinung der Marktteilnehmer im Hinblick auf den Ausgang eines vom Markt beachteten Ereignisses zu antizipieren und gegen die Mehrheit richtig zu liegen. Zum anderen kann auf einen deutlichen Anstieg der Volatilität im direkten zeitlichen Kontext mit dem Ereignis spekuliert werden.

Newstrading ist bei Einsteigern durchaus populär, da der Ansatz den Eindruck vermittelt, „am Puls der Märkte“ zu handeln.

Die Verfahrensweise entspricht hier der beim Handel von Inside Days: Die Kombination einer Stop-Buy-Order mit einer Stop-Sell-Order ist ebenso möglich wie der Einsatz von Optionskombinationen.

Die Risiken sind bei einer engen Verlustbegrenzung überschaubar. Daytrader sollten allerdings berücksichtigen, dass es pro Handelstag selten mehr als eine Nachricht gibt, die größeren Einfluss auf die Kursentwicklung an diesem Tag nimmt. Welche Nachrichten den Markt bewegen und in welche Richtung dies erfolgt, hängt von sehr vielen Umständen ab – die Ankündigung einer Leitzinssenkung durch die EZB hat schon zu steigenden („mehr Liquidität im Markt“) und zu fallenden Kursen („wachsende Rezessionsgefahr“) geführt.

Orderbuch-Scalping

Zu den schnellsten Daytrading-Strategien zählt Orderbuch-Scalping, das auch als Level-II-Scalping bezeichnet wird und für Privatanleger nur mit relativ großen Hürden zugänglich ist. Die Bezeichnung „Level-II“ bezieht sich auf die Markttiefe im Orderbuch. Scalper nutzen in der Regel unter Zuhilfenahme von Algorithmen kleinste Kursdifferenzen zu Arbitrage-Geschäften aus. Positionen werden dabei oft nur für Sekunden gehalten.


Fazit Daytrading

Mit Daytrading lassen sich Gewinne erzielen, auch wenn schnelle Reichtümer nicht zu erwarten sind. Entscheidend für den Erfolg ist die konsequente Umsetzung einer Strategie. Diese sollte relativ einfach strukturierte Ein- und Ausstiegssignale definieren und mit einer konsequenten Regel zur Verlustbegrenzung kombiniert werden. Gute Daytrading-Strategien schneiden in Backtests nicht nur punktuell, sondern auch bei einer Variation der Parameter erfolgreich ab. Sowohl Trendfolge- und Ausbruchstrategien als auch weitere Ansätze können erfolgreich sein.

Über den Autor

Team BrokerDeal

Team BrokerDeal

BrokerDeal kümmert sich neben den Brokervergleichen und den Vorteilen für Mitglieder auch um die Aus- und Weiterbildung der Mitglieder und Leser. Dafür mitverantwortlich sind eine Handvoll talentierter und erfahrener Trader, die Ihr Wissen gerne weitergeben. Wer ebenfalls Interesse daran hätte für BrokerDeal zu schreiben, kann jederzeit Kontakt mit uns aufnehmen.

Kommentieren

(wird nicht angezeigt, Sie erhalten aber eine Bestätigungsmail auf diese E-Mail-Adresse, welche Voraussetzung für eine Freischaltung ist)

Anhang (max. 5 MB): (Dateiendungen: jpg, png, gif, pdf)
Wird geladen...