CFD-Trading: die Situation 4 Monate nach den Hebelbeschränkungen

10.12.2018 - 9 Minuten Lesezeit

Von "das wird CFDs killen" bis hin zu "alles halb so wild" gingen die Meinungen bezüglich der seit 1. August geltenden ESMA-Restriktionen weit auseinander. Knapp vier Monate nach Einführung lassen sich die ersten Daten langsam zu einem Bild zusammenfügen. Die Umsatzrückgänge sind bei manchen Brokern tatsächlich enorm. Andere wiederum profitieren sogar von höheren Einlagen der Kunden. Der befürchtete Ansturm auf Broker außerhalb der EU scheint sich zwar in Grenzen zu halten. Aber dem großen Ziel des Anlegerschutzes kam die ESMA bisher nicht näher, denn die Profitabilität der Kunden ist im Jahresvergleich sogar gesunken.

Das musste die Behörde kürzlich selbst eingestehen, wie in diesem versteckten Bericht im Absatz 5 zu lesen ist:

(5) Die nationalen zuständigen Behörden berichteten von einem Gesamtrückgang der Zahl der CFD-Kleinanlegerkonten, des Handelsvolumens und des in CFD investierten Gesamtkapitals von Kleinanlegern im Laufe des Monats August 2018 im Vergleich zu August 2017. Der Anteil der rentablen Kleinanlegerkonten ging leicht zurück; dies dürfte jedoch im Wesentlichen auf die im August 2017 signifikant gestiegenen Preise von Kryptowährungen zurückzuführen zu sein. Der Vergleich der Kundenergebnisse im Laufe der Zeit wird nicht nur durch die Produktinterventionsmaßnahmen, sondern beispielsweise auch durch die Marktbedingungen beeinflusst. Im Vergleich zu den Marktbedingungen im August 2018 war im August 2017 eine Markthausse zu verzeichnen.

Der Kern der ESMA-Restriktionen

Nichts desto trotz wurden die Restriktionen um mindestens drei weitere Monate verlängert. Ein kurzer Überblick was die wichtigsten dieser viel diskutierten Einschränkungen im Detail zu bedeuten haben:

  1. Verbot Binärer Optionen --> großartig, wurde auch Zeit
  2. Abschaffung der Nachschusspflicht --> für deutsche Trader nichts Neues, und prinzipiell eine tolle Sache und tatsächlicher Anlegerschutz. Die spürbarste Folge davon war, dass die meisten Broker freiwillig den Hebel gesenkt haben auf 1:50 bis 1:100. Und diesen vor News und Wochenende nochmal deutlich nach unten angepasst haben. Weil die Broker nun ja aus Eigeninteresse dafür sorgen mussten, dass keine Kundenkonten im Minus landen, da sie diese sonst aus der eigenen Tasche ausgleichen müssten. Diverse exotische Broker haben dennoch weiterhin Hebel von bis zu 1:400 angeboten. Und wären im Fall eines Black Swans wohl in den Konkurs geschlittert anstatt frisches Kapital aufzutreiben.
    Eine vorgeschriebene Hebel-Obergrenze war daher ohnehin erwartet worden. Aber wie diese dann am Ende aussah, ließ Trader und Broker die Haare zu Berge stehen:
  3. Hebelbeschränkung auf 1:2  bei Kryptos über 1:5 bei Aktien-CFDs, 1:20 bei Indizes bis maximal 1:30 für FX-Majors --> laut übereinstimmender Meinung aller Marktakteure überzogen. Mit 1:50 hätten alle Broker und die meisten Anleger leben können in Kombination mit der Abschaffung der Nachschusspflicht. Speziell die Reduzierung des Hebels auf 1:20 für Indizes und FX-Minors rief aber eine Welle der Empörung hervor. Die ESMA erhielt so viele Einsprüche und Stellungnahmen wie noch in ihrer Geschichte. Die Behörde ging darüber hinweg.
    Zur Veranschaulichung: 1 CFD auf den DAX30 verlangte bisher bei einem Hebel von in der Regel 1:100 nach einer Margin von 120 EUR (bei einem Dax-Kurs von 12.000 Punkten).Nun allerdings muss man für die gleiche Position 600 EUR Margin hinterlegen. Das ist mehr als man für den Mini-Future-Dax hinterlegen muss hochgerechnet auf 5 CFDs = 5 Euro pro Punkt wie der Future-Kontrakt. Bei dem man aber sehr wohl noch in der Nachschusspflicht steht im Fall der Fälle.
  4. Risiko-Hinweis mit der Anzahl der Kundenkonten, die in den letzten 12 Monaten Verlust erzielt haben --> wiewohl jedem unklar ist, warum dies nicht für andere Finanzinstrumente ebenfalls verlangt wird, ist dies tatsächlich eine nicht unsympathische Maßnahme. Da man sich so rasch einen Eindruck von der Konkurrenzfähigkeit des in Frage kommenden Brokers verschaffen kann. Zudem mit dem Märchen aufgeräumt wird, dass 9 von 10 Trader verlieren. Denn tatsächlich liegt die Bandbreite zwischen 60 und 89%.

Auswirkungen für Trader

Nach der enormen Aufregung der Wochen vor und nach dem 1. August hat sich das Gros der CFD-Trader mit der neuen Lage arrangiert. Die meisten alteingesessenen Trader wissen ohnehin um ihr Risk- und Moneymanagement, und haben schon bisher den maximalen Hebel nicht ausgereizt. Andere haben ihre bisher gewohnten Positionsgrößen verkleinert. Oder, und das scheint der häufigere Fall zu sein, es wurde mehr Kapital eingezahlt, um die üblichen Stückzahlen bei reduziertem Hebel stemmen zu können. Das ist natürlich der Idealfall für die Broker, aber in Sachen Anlegerschutz eigentlich ein Schildbürgerstreich: ist bei größeren Konten schließlich auch der maximale Verlust größer.

Für wen wurde die neue Situation nun tatsächlich zum Problem:
- Trader mit kleinen Konten
- Scalper mit engem Stopp Loss, welcher hohe Stückzahlen erlaubt
- Trader die viele Positionen parallel offen haben oder etappenweise aufbauen sowie
- viele Nutzer automatisierter Handelssysteme, die üblicherweise mehr und schneller handeln als diskretionäre Trader

Beinahe jeder Broker hat schon im Vorfeld des 1. August für die Möglichkeit geworben sich als professioneller Trader einstufen zu lassen. Um auf diese Weise wieder mit hohem Hebel handeln zu können. Allerdings mit dem Nachteil verbunden, dass die Nachschusspflicht in der Regel wieder akzeptiert werden muss, und dass man sich rechtlich außerhalb des Schutzes für Privatanleger bewegt.

Details zu den Anforderungen finden Sie bei Interesse in diesem Artikel.

Hier möchte ich nur kurz den aktuellen Stand wiedergeben: je nachdem wie vorsichtig die Rechtsabteilung des Brokers ist, kann die Einstufung als prof. Trader eher einfach bis fast unmöglich sein. Es ist umstritten, wie intensiv der Broker die Angaben des Antragstellers tatsächlich prüfen muss.

Fakt ist jedenfalls, dass bei nicht gerade wenigen Brokern der Anteil der professionellen Trader rasant gewachsen ist. Das birgt eine Gefahr die man nicht ignorieren sollte: die Aufsichtsbehörden werden wohl kaum glücklich sein, wenn ihre Maßnahmen mit dem vermeintlichen Ziel des Anlegerschutzes dazu führen, dass Anleger massenweise als professionelle Trader enden, und damit um den Schutz für Privatanleger umfallen.

Die britische Regulierungsbehörde FCA hat bereits damit begonnen den Brokern umfangreiche Fragebögen zu senden. Unter anderem zur Erhebung der Quote der professionellen Trader.

Wie man die ESMA mittlerweile kennt, wird der Fehler dann nicht bei den eigenen Vorgaben gesucht. Folgen in Form von teuren Strafzahlungen für einzelne Broker bis hin zu Verschärfungen der Restriktionen für alle kann man nicht auszuschließen.

Aber ja, die Einstufung als professioneller Trader ist eine Möglichkeit, den geringen Hebel für Privatanleger zu umgehen.

Ebenso wie die Abwanderung zu Brokern außerhalb der EU, den sogenannten Offshore-Brokern. Ich kann mich nur wiederholen: die ESMA-Restriktionen sollen laut deren Argumentation dem Anlegerschutz dienen. Da sie übers Ziel hinaus geschossen sind, flüchten nun aber sogar nicht wenige Trader ganz aus dem EU-Raum. Wichtige Aspekte bei der Brokerwahl wie Regulierung, Einlagenschutz und Sicherheit der Kundengelder werden hintangestellt, wenn ein höherer Hebel essentiell für den Trader ist.
Und nicht wenige haben uns auch wütend angeschrieben, dass sie diese Bevormundung durch die Behörde satt haben und sich einen Broker außerhalb des EU-Raums suchen.

Die ESMA reagiert störrisch-allergisch auf diese Kapitalflucht (die ja eine völlige Überraschung ist...), und will der EU-Kommission sogar nahelegen, wie man den Gang zu einem Broker außerhalb der EU verhindern könnte.

Die befürchtete Abkehr vieler Kleinanleger von den transparenten CFDs hin zu Optionsscheinen und Zertifikaten scheint sich hingegen nicht zu bestätigen. Zu nachteilig sind diese Derivate in Hinblick auf Kostenstruktur und schwer nachvollziehbarer Kursstellung.
Sehr wohl hingegen steigt das Interesse am Futures-Trading, insbesondere am Mini-Dax-Future mit dem 5€-Kontrakt.

Auswirkungen für Broker

Umsatzeinbrüche waren die logische Folge ab dem 1. August, verstärkt durch die sehr schläfrigen Märkte im August und September. Besonders erwischt hat es dabei jene Broker, die von ständigem Neukundengeschäft abhängig sind. Diese Konten sind in der Regel nicht zu üppig kapitalisiert und waren vom höheren Hebel abhängig, um signifikante Volumina bewegen zu können.

Von börsennotierten CFD-Brokern sind Rückgänge im Ertrag von bis zu 76% in Erfahrung zu bringen, bei Umsatzrückgängen von 20-40%.

Besser verkraftet haben es Broker mit einer erfahrenen und kapitalkräftigen Klientel.

Und jene, die bereits eine Niederlassung außerhalb der EU hatten bzw. sich rasch eine derartige Lizenz gegriffen haben.

Eine wahre Bieterschlacht tobt aktuell speziell um australische Brokerlizenzen, der Preis soll bereits 4 Millionen USD betragen. Ist es doch sehr verlockend Kunden, die sich nicht als prof. Trader einstufen lassen können, oder dies gar nicht wollen, eine hauseigene Alternative in Form einer Niederlassung außerhalb der EU anbieten zu können zum gewohnten Hebel. Einen interessanten Artikel dazu gibt es auch auf FinanceMagnates.

Und Broker die bisher nur eine UK-Lizenz haben suchen händeringend nach EU-Lizenzen, denn niemand weiß derzeit ob reine UK-Broker nach dem Brexit überhaupt noch europäische Kunden annehmen dürfen. Geschweige denn in der EU werben können.

Ausblick

Für Otto-Normaltrader ist auch der stark reduzierte Hebel kein Beinbruch, erlauben vernünftiges Risiko- und Moneymanagement doch ohnehin keine Überstrapazierung des vorhandenen Kapitals durch zu viele gleichzeitige oder zu große Positionen.

Für die Broker gab es mit Sicherheit schon amüsantere Zeiten. Aber wenn die gesamte Branche am Ende dadurch noch seriöser und anerkannter wird, haben die nützlichen CFDs langfristig viel gewonnen.

Die Broker sollten dieses Ziel allerdings nicht selbst in Gefahr bringen durch zu lasche Auslegung bei der Einstufung als professioneller Trader. Die ESMA-Maßnahmen sind eigentlich auf 3 Monate begrenzt, müssen laufend evaluiert und dann entsprechend verlängert oder zurückgenommen werden. Stoßen die Behörden hierbei auf Ungereimtheiten, werden sie "not amused" sein.

Werden die Restriktionen irgendwann doch wieder abgesetzt, obliegt es wieder den Regulierungsbehörden der jeweiligen EU-Länder ihr Regelwerk selbst zu gestalten.

Die bisherigen Maßnahmen und Aussagen der BaFin könnte man dahingehend interpretieren, dass mit dem Verzicht auf die Nachschusspflicht und einem Hebel von 1:50 alle gut leben könnten.

Eben erst ist allerdings die britische Finanzaufsichtsbehörde FCA vorgeprescht und wird wohl in Bälde die temporären Restriktionen als dauerhaft festschreiben. Soviel also dazu, dass UK nach dem Brexit wieder zu höheren Hebeln zurückkehren könnte. Erwähnenswert in dieser Meldung ist übrigens auch die Berücksichtigung von "turbo certificates". Ist doch die Ungleichbehandlung von CFDs etwa im Vergleich mit im Hebel unbeschränkten Optionsscheinen und Zertifikaten wohl ein zentraler Ansatz potentieller Klagen gegen diese ESMA-Restriktionen.

Die Klageschrift gegen die ESMA eingebracht hat mittlerweile bereits ein privater Anleger, der aber einen anderen Weg als die Ungleichbehandlung geht. Fortgang und Erfolgswahrscheinlichkeit noch länger ungewiss. Wir bleiben am Ball.

Update 20.12.18: mit neuer Realität abfinden

Da war ich wohl mal wieder zu optimistisch anzunehmen, dass die BaFin nach einem Auslaufen der Restriktionen zu etwas höherem Hebel zurückkehren könnte. Eher im Gegenteil, wie diese heutige Allgemeinverfügung unterstreicht, will sich die BaFin doch vollumfänglich und dauerhaft den ESMA-Restriktionen anschließen.

Bis zum 10. Januar kann jeder schriftlich dazu Stellung nehmen. Wie und wo wird nicht näher erläutert. Und was der Rekord an Stellungnahmen bei der ESMA bewirkt hat, wissen wir ja alle....trotzdem werde ich mit Sicherheit davon Gebrauch machen, meine Meinung zu dem Ganzen auszudrücken.

Über den Autor

Michael Hinterleitner

Michael Hinterleitner

Bereits mit 16 der Faszination Börse erlegen, wurde Trading neben dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu seiner Hauptbeschäftigung, seit 2006 ist er auch Redakteur und Trader bei GodmodeTrader.de tätig. Sein Fokus: Swing- und News-Trading mit Aktien. Neben der täglichen spannenden Jagd an den Börsen kam 2011 die Idee zu einem neuen Brokervergleich, der nicht nur einen detaillierten Blick hinter die Kulissen erlaubt, sondern auch handfeste Vorteile für Mitglieder bringt. Als Mitbegründer der Vergleichsplattform BrokerDeal.de hat sich Michael Hinterleitner zum Ziel gesetzt, Licht in den Brokerdschungel zu bringen. Er erklärt, worauf es bei der Brokerwahl ankommt, welcher Anbieter für welche Bedürfnisse Sinn macht, und auf welche Unterschiede man bei den Produkten und der Ausführungsqualität achten sollte.