Tradegate: Was steckt hinter der ersten neuen Börse seit 1861?

tradegate LogoTradegate bezeichnet sich gerne als die neue Hauptbörse für Privatanleger und bewirbt den Handel in Berlin diesen gegenüber mit dem Verzicht auf jegliche Börsengebühren.

Doch handeln Trader über Tradegate wirklich günstiger? Eine Betrachtung der „ersten neuen Börse seit 1861“ und ihrem Geschäftsmodell.


Was ist Tradegate?

Die Tradegate Exchange Wertpapierbörse mit Sitz in Berlin ist eine teilrechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts gemäß § 2 Börsengesetz und damit eine regulierte Börse. Trägerin der Börse ist die Tradegate Exchange GmbH mit Sitz in Berlin. 75,01 % der Anteile an dem Unternehmen hält die Deutsche Börse AG, 24,99 % werden durch die Tradegate AG Wertpapierhandelsbank gehalten.

Der Börsenbetrieb läuft seit Januar 2010. Seit November 2007 handelte Tradegate zuvor im rechtlichen Mantel eines MTFs (Multilateral Trading Facility). Das Handelssystem wurde bereits im Mai 2001 durch die Tradegate Handelsbank AG in Betrieb genommen und war damals das erste deutsche elektronische Handelssystem mit außerbörslichem Betrieb und sofortiger Auftragsausführung.


Wie funktioniert der Handel?

Der Fokus der Börse richtet sich auf Privatanleger. Unter Ausklammerung des (ungleich größeren, aber stark durch professionelle Marktteilnehmer geprägten) Xetra-Handels erreichte Tradegate im Jahr 2013 einen Marktanteil von 58 % und lag damit deutlich vor allen anderen Regionalbörsen.

Im Jahr 2015 wurde ein Orderbuchumsatz in Höhe von ca. 75 Mrd. EUR erreicht – ein Zuwachs von fast 50 % im Vergleich zum Vorjahr.

Screenshot: Die ausgeführten Orders über Tradegate

Screenshot: Die ausgeführten Orders über Tradegate

Ebenso wie an anderen Börsenplätzen spielen „Spezialisten“, d.h. Market Maker, eine wichtige Rolle für den Handel: Sie stellen fortlaufend Kurse und sichern dadurch die ständige Liquidität des Marktplatzes. Handelbar sind etwa 6.000 Aktien und ETPs, 1.500 Anleihen und 1.500 Investmentfonds.


Welche Orderarten sind zugelassen?

Tradegate wirbt mit diversen intelligenten Ordertypen- und Zusätzen, die an anderen regulierten Börsenplätzen nicht verfügbar sind. Allerdings haben diverse Broker in den vergangenen Jahren Lösungen zur Erweiterung der börslichen Ordertypen entwickelt und bedingte und verkettete Aufträge durch Zwischenspeicherungen auf ihren eigenen Servern ermöglicht.

Bei Tradegate sind neben Market- und Limit Orders auch Stop Orders, OCO Orders, Trailing Stop Orders, FOK Orders, IOC Orders und All-or-None Orders möglich.


Welche Banken haben Tradegate integriert?

Nach Angaben der für die Aufsicht zuständigen Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung befinden sich unter den Handelsteilnehmern 36 Kreditinstitute und drei Spezialisten. Die Spezialisten sind nach Angaben der Homepage des Senats „verpflichtet, sofern notwendig, in für Privatanleger ausreichendem Maße für angemessene Liquidität zu sorgen“.

Unter den durch das Unternehmen aufgelisteten mehr als 40 Partnern sind diverse Banken und Broker, darunter neben Postbank, flatex und ING-DiBa auch die DeutscheWertpapierService AG, die Transaktionen für viele Sparkassen und Genossenschaftsbanken abwickelt.


Welche Handelszeiten gelten bei Tradegate?

Die Handelszeiten gehen deutlich über jene anderer Börsen hinaus und werden allenfalls durch einzelne Angebote im außerbörslichen Handel erreicht.

Aktien und ETPs (ETP= Exchange Produkts, darunter ETFs, ETCs und ETNs) können von 8-22 Uhr gehandelt werden, Investmentfonds von 8-20 Uhr und Anleihen von 8-17:30 Uhr.

Damit ist Tradegate insbesondere in den frühen Abendstunden einer der wenigen geöffneten Handelsplätze. Trader kennen das Phänomen aus dem außerbörslichen Handel (der neben den Abendstunden mitunter auch das Wochenende umfasst und damit ebenso wie Tradegate gezielt das Verhalten von Privatanlegern anspricht):
Nach dem Ende der Xetra-Öffnungszeiten weiten sich die Spreads signifikant aus.


Welche Gebühren fallen an?

Bei der zuständigen Verwaltung heißt es: „Börsenplatzabhängige Entgelte wie z. B. eine Maklercourtage fallen nicht an“. Das kann die Transaktionskosten für Privatanleger tatsächlich reduzieren.

Grundsätzlich stellen Broker ihren Kunden ein Entgelt für jeden gewählten Handelsplatz und die tatsächlichen Transaktionsentgelte der Börsen in Rechnung. Bei Orders über Tradegate entfällt bei einigen Brokern beides – die Kosten reduzieren sich auf die eigentlichen Orderentgelte des Brokers.


Womit verdient Tradegate Geld?

Diese Frage drängt sich auf. Die „Wirtschaftswoche“ mutmaßte im Jahr 2014 in einem recht kritischen Artikel zu Tradegate, das Geschäftsmodell beruhe auf einer Lücke in der EU-Regulierung. Sie verlange eine EU-Richtlinie, „dass Makler die Preise publizieren, zu denen sie bereit sind, zu handeln“.

Händler „veröffentlichten auch die Zahl der Aktien, die sie handeln würden“, so dass Anleger vor dem Abschluss eines Geschäfts einen Eindruck von den Kursen erhalten.

Die EU schreibe aber nicht vor, wie lange diese Preise angezeigt werden müssten, sondern belasse es lediglich bei der schwammigen Vorgabe zu „angemessenen“ Bedingungen.

Bei Tradegate werden Kurse durch die elektronische Plattform ggf. sofort ausgeführt und die Kurse durch das elektronische Handelssystem ermittelt. Das kann dazu führen, dass Anleger sich zu einem Kurs für den Handel entscheiden, der zum Zeitpunkt der Orderausführung gar nicht mehr gilt: Nach der Preisänderung wird die Order innerhalb einer Sekunde ausgeführt.

Die Berliner Aufsicht toleriert dies. In Hessen sehen die Vorschriften vor, dass Anleger auf geänderte Preise reagieren können müssen und dass Händler nach einer Preisänderung 5-10 Sekunden warten müssen. In München wird eine „angemessene“ Zeit auf ca. 30 Sekunden taxiert.

Über die Handelsplattform Tradegate handelt auch die Tradegate AG Wertpapierhandelsbank. Die „Wirtschaftswoche“ schätzte in besagtem Beitrag, dass diese 80 % der Orders selbst handele statt Kundenorders zusammenzuführen. Dann sind Einnahmen durch den Spread möglich. Zugleich läge aber ein Interessenkonflikt vor.

Screenshot: Wirtschaftswoche

Screenshot: Wirtschaftswoche

Die „WiWo“ berichtet von einem „mysteriösen Kursverfall“ im Jahr 2013 (siehe Abbildung oben). Demnach kam es am 23.05.2013 kurz vor der Öffnung des Xetra-Marktes zu einem starken Kursverfall in der Daimler-Aktie.

Mehr als 60.000 Aktien wurden gehandelt, bis unmittelbar nach der Xetra-Öffnung der Kurs wieder deutlich angehoben wurde. Der zwischenzeitliche Kursverfall trat im Xetra-Handel nicht ein.

Allerdings können Anleger derartige Risiken durch die Eingabe von Limits vollständig ausschließen. Limits sind für vorsichtige Anleger geradezu obligatorisch – und zwar unabhängig vom gewählten Handelsplatz. Insbesondere im außerbörslichen Handel ist der Verzicht auf eine Limitierung geradezu fahrlässig.


Fazit

Tradegate ist ein Börsenplatz mit Berliner Regulierungsumfeld und spricht gezielt Privatanleger an. Diese werden durch den Verzicht auf börsenplatzabhängige Entgelte, lange Handelszeiten und zusätzliche Ordertypen gelockt.

Wo keine expliziten Gebühren verlangt werden, gibt es meistens versteckte Kosten – diese wie die „Wirtschaftswoche“ in den Spreads zu vermuten, liegt deshalb nahe.

Für Anleger gilt: Wenn schon außerhalb der Xetra-Öffnungszeiten gehandelt werden soll, dann nur mit Limit. Dann spricht auch nichts gegen Tradegate als Handelsplatz.