MACD

Der MACD zählt mindestens gemessen an seiner Präsenz in der einschlägigen Literatur zu den am häufigsten verwendeten Indikatoren. Grund genug, die Konstruktion aus mehreren gleitenden Durchschnitten mitsamt ihren Erfolgsaussichten einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Befürworter sehen in Indikatoren ein handliches Praxiswerkzeug mit solidem theoretischen Fundament.

Ein Indikator trifft als aus dem Kursverlauf abgeleitete Information eine klare Aussage und dient vielen Tradern deshalb als Grundlage für Handelsentscheidungen.

Allgemein betrachtet können Indikatoren aufgrund der eigenen Objektivität (und ihrer einfachen Integration in automatisierte Handelssysteme und andere softwaregestützte gestützte Prozesse wie z. B. Screenings) einen entscheidenden Beitrag zum Handelserfolg leisten. Um „Gelddruckmaschinen“ handelt es sich aber ausdrücklich nicht:

Indikatoren sollten lediglich als Indiz für den möglichen weiteren Marktverlauf verstanden werden.

Indikatoren dienen damit zur Bewertung von empirischen Eintrittswahrscheinlichkeiten vor und nach (!) dem Einstieg in den Markt. Diesem Anspruch werden MACD, CCI, RSI und Co. umso stärker gerecht, je weniger Beachtung Anwender den Standardparametern- und -interpretationen schenken.

An dieser Stelle soll der MACD – Moving Average Convergence/Divergence – genauer betrachtet werden. Wie der Name bereits vermuten lässt, basiert der Indikator (der prinzipiell auch als vollständiges Handelssystem verstanden werden kann) auf gleitenden Durchschnitten.


Was steckt hinter „MACD“?

Der Indikator wurde in den 1970er Jahren durch Gerald Appel entwickelt und ist heute Bestandteil jedes Charttools.

In der ursprünglichen Variante basierte der MACD auf zwei exponentiell gewichteten gleitenden Durchschnitten (exp MA). Bei diesen Durchschnitten werden jüngere Kurse stärker gewichtet als länger zurückliegende Kurse.

In den Standardeinstellungen der meisten Programme werden ein 26-Perioden-Durchschnitt und ein 12-Perioden-Durchschnitt verwendet.

Die so bezeichnete MACD-Linie ergibt sich aus der Subtraktion des längeren Durchschnitts vom kürzeren Durchschnitt. (Hinweis: Viele Leser mit Vorkenntnissen erwarten eine weitere Linie – diese Signallinie ist je nach gewählter Konstruktion des Indikators nicht zwingend, wird aber später thematisiert).

Abbildung 1 zeigt den Kursverlauf des Deutschen Aktienindex DAX zusammen mit der MACD Linie auf Basis von MACD = exp MA12 – exp MA26. Der MACD wird unterhalb des Kursverlaufs angezeigt.

DAX Kursverlauf MACD-Linie

Abbildung 1

Der DAX notiert in der obigen Abbildung bei 9.610,13 Punkten. Die MA12-Linie (also der exponentiell gewichtete gleitende Durchschnitt des Kursverlaufs der letzten zwölf Handelstage) notiert bei 9.438,20 Punkten, die MA26-Linie bei 9.243,95 Punkten. Für den MACD ergibt sich daraus ein aktuelle Wert von 194,25 Punkten.

Ein Hinweis aus der Praxis:
In der obigen Abbildung ist der letzte Handelstag noch nicht vollendet. Wird der MACD auf Tagesbasis verwendet, sollten jedoch ausschließlich seine Werte auf Schlusskursbasis berücksichtigt werden. Wird z. B. an einem Freitagnachmittag ein Kaufsignal umgesetzt, das der Markt in den letzten Handelsstunden noch revidiert, wurde eine Position in einem vermeintlich bullishen Markt eröffnet, der sich „kurz vor Toresschluss“ doch noch ängstlich gezeigt hat – eine denkbar ungünstige Ausgangsposition.


Wie wird der MACD interpretiert?

Der MACD wird gemeinhin als trendfolgender Indikator interpretiert:

Gleitende Durchschnitte folgen dem Markt und signalisieren durch einen Anstieg, dass sich eine richtungslose Marktbewegung zu einem Trend entwickeln könnte bzw. bereits entwickelt hat.

Der MACD trifft zum einen eine Aussage über die Trendrichtung, zum anderen über die Trendstärke.

Generell verläuft die Grenze zwischen verschiedenen Indikator-Gattungen mitunter fließend. So kann z. B. ein Overbought-indikator für einen sehr langen Zeitraum im überkauften Bereich verweilen.


1. Der MACD mit Nulllinie

Wie in der Abbildung oben zu sehen, kann der MACD sowohl positive als auch negative Werte annehmen (zumindest theoretisch sind diese in beiden Richtungen unendlich). Wie bei den meisten Indikatoren mit Nulllinie ist diese auch für die Interpretation des MACD von Bedeutung.

Notiert der Indikator oberhalb der Nulllinie, indiziert dies ein aufwärts gerichtetes Marktumfeld, negative Werte deuten dagegen auf einen Bärenmarkt hin.

Ein Anstieg der MACD-Linie oberhalb der Nulllinie ist gleichbedeutend mit einer Verstärkung des Aufwärtstrends, ein Absinken unterhalb der Linie dagegen mit einer Beschleunigung des Abwärtstrends. Eine fallende Linie im positiven Bereich indiziert eine nachlassende Dynamik der (dennoch weiter bestehenden) Aufwärtsbewegung et vice versa.

Sowohl der Interpretation im Hinblick auf die Trendrichtung als auch jene zur Trendstärke sind ein Resultat der Berechnung des MACD mittels zweiter exponentiell gewichteter gleitender Durchschnitte.

Zur Erinnerung: Die MACD-Linie ist die Differenz zweier Durchschnitte. Diese Differenz ist exakt null, wenn die beiden Durchschnitte gleich groß sind und entspricht einem Wert auf der Nulllinie. Grafisch betrachtet liegen dann ein Schnittpunkt bzw. eine Überkreuzung der Nulllinie vor.

Unterschreitet der MACD die Linie von oben nach unten, wird dies als Verkaufssignal interpretiert: Der Wert des längeren Durchschnitts übersteigt dann jenen des kürzeren Durchschnitts. Ein Anstieg der MACD-Linie aus dem negativen in den positiven Bereich wird dagegen als Kaufsignal verstanden. Solche Kreuzungen sind in der nachfolgenden Abbildung 2 zu sehen:

Abbildung 2 Kreuzung

Abbildung 2 Kreuzung

Die Abbildung zeigt ein Überkreuzen der Nulllinie aus dem negativen in den positiven Bereich im Frühherbst und ein Absinken in den negativen Bereich im Winter. Achtung: Relevant ist der MACD-Verlauf unter dem DAX-Chart; dass in diesem auch ein 12- und ein 26-Tage-Durchschnitt zu sehen sind, ist für diese Betrachtung unerheblich.


Backtest: Welche Renditen sind mit MACD-Strategien möglich?

Wird der MACD als vollständiges Handelssystem herangezogen und im Rahmen eines Backtests untersucht, ergibt sich für die Anwendung auf den DAX ein Gewinn von ca. 5.940 Punkten, wie in der nachfolgenden Abbildung 3 zu sehen ist. Dabei wurde der Zeitraum von Juli 1996 bis März 2014 untersucht und pro Trade ein Transaktionsverlust von 2,0 Punkten unterstellt. Jede Long- und Shortposition wurde mit jeweils 1,0 CFDs abgebildet.

Abbildung 3 MACD Renditen

Abbildung 3 MACD Renditen

Das Resultat ist dennoch durchwachsen und nur auf den ersten Blick eine Bestätigung für den Betrieb eines MACD-Handelssystems mit Standardparametern.

Mit einer simplen Buy & Hold-Strategie ließ sich im Beobachtungszeitraum ein Gewinn in Höhe von 7.100 Punkten erzielen. Außerdem zeigen sich in der Auswertung relativ lange Verlustperioden, die für trendfolgende Strategien in seitwärts verlaufenen Märkten nicht unüblich sind.

Die nachfolgende Abbildung 4 zeigt den Performancereport des Backtests.

Backtest Performancereport

Abbildung 4 Tradesignal Performancereport

 

Die Trefferquote lag für alle Trades mit 29,10 % recht niedrig. Auffällig ist der signifikante Unterschied der Trefferquote bei Long- und Shortpositionen (35,82 % zu 22,29 %). Dieser scheint die Annahme zu bestätigen, dass trendfolgende Strategien in Aufwärtstrends besser funktionieren, da aufwärts gerichtete Marktbewegungen sich über einen längeren Zeitraum ausbilden und für die Logik von Indikatoren wie dem MACD damit besser sichtbar sind.

Die größte Schwäche von trendfolgenden Indikatoren tritt bekanntlich in seitwärts verlaufenden Märkten bzw. bei einem Marktverlauf ohne echte Trendmuster zutage. Im Fall des MACD kommt es in einem solchen Umfeld zu einer großen Zahl von Handelssignalen mit sehr niedriger Trefferquote, weil der Indikator sich um seine eigene Nulllinie bewegt.

Das scheint die Anwendung des Indikators auf die Adidas-Aktie zu bestätigen: Selbst, wenn im Backtest Handel ohne jegliche Transaktionskosten unterstellt wird, produziert der MACD hier ausschließlich Verluste. Der Kursverlauf der Aktie mitsamt den ausgelösten Handelssignalen (dargestellt durch grüne bzw. rote Pfeile im Chart) ist in der nachfolgenden Abbildung 5 zu sehen: Der Kursverlauf weist sehr viele Seitwärtsbewegungen auf, wodurch es zu einer großen Zahl von Fehlsignalen kommt.

Abbildung 5 Adidas Aktie Kursverlauf

Abbildung 5 Adidas Aktie Kursverlauf

Die Sensitivität des MACD lässt sich über die Parametereinstellungen steuern.

Je mehr Perioden ein Durchschnitt umfasst, desto „träger“ verhält er sich.

Längere Durchschnitte führen deshalb zu später auftretenden Handelssignalen und einer geringeren Anzahl an Transaktionen. Die Optimierung der Parameter kommt damit der Optimierung eines altbekannten Zielkonflikts gleich: Ein späteres Signal verringert das Risiko von Fehlsignalen, schmälert aber zugleich das verbleibende Trendpotenzial.

2. MACD mit Signallinie

Eine weit verbreitete Variante des MACD sieht eine weitere Linie vor, die als Signallinie genutzt wird. Die Signallinie ist ein exponentiell gewichteter gleitender Durchschnitt der MACD-Linie mit einer Länge von neun Perioden (Standardeinstellungen). Viele Charttools, darunter z. B. jenes der Guidants App, verwenden diese Variante. In der nachfolgenden Abbildung 6 sind die drei Periodenlängen 12, 26, und neun oben links im Chart des MACD zu sehen.

Abbildung 6 MACD mit Signallinie

Abbildung 6 MACD mit Signallinie

Die Verwendung einer Signallinie ändert nichts an den Regeln für Ein- und Ausstiegssignale. Anstelle der Nulllinie rückt in dieser Version aber die Signallinie in den Mittelpunkt. Wird diese durch die MACD-Linie von unten nach oben durchkreuzt, liegt ein Kaufsignal vor et vice versa.

In der obigen Grafik lassen sich die beiden Varianten des MACD vergleichen. Die Signallinie löst insbesondere im Zeitraum von Ende 2012 und Mitte 2013 sehr viel mehr Signale aus als die Nulllinie. Während des gesamten Zeitraum wird kein einziges Verkaufssignal durch ein Unterschreiten der Nulllinie generiert. Der DAX selbst entwickelte sich dagegen in einem relativ stabilen Aufwärtstrend.


MACD Histogramm

Die Resultate des MACD fallen gemessen an den vorgenannten Beispielen bescheiden aus. Der Einsatz von zusätzlichen Filtern drängt sich damit förmlich auf: Lässt sich zumindest ein Teil der Fehlsignale eliminieren, können Trade Ratio und Profitfaktor steigen.

Ein Ansatz dazu ist das MACD Histogramm. Dieses versteht sich als Differenz zwischen MACD-Linie und Signallinie. In Charttools wird diese Differenz als farblich markierte Fläche dargestellt. An der grundlegenden Logik des Indikators ändert sich nichts. Das MACD Histogramm ist in der nachfolgenden Abbildung 7 zu sehen:

Abbildung 7 MACD Histogramm

Abbildung 7 MACD Histogramm

3. Divergenzen

Das Prognosepotenzial des MACD erschöpft sich nicht in den Kreuzungspunkten. In der einschlägigen Literatur werden zusätzlich Divergenzen – auseinanderdriftende Bewegungen von Kurs und MACD – thematisiert und mitunter sogar als der Hauptnutzen des Indikators eingeschätzt.

Eine bullishe Divergenz liegt nach dieser Interpretation vor, wenn der Markt fällt und das MACD Histogramm steigt. Dies wird als Indiz für ein Nachlassen der Abwärtsbewegung und eine möglicherweise bevorstehende Trendwende gedeutet. Spiegelbildlich verhält es sich mit bearishen Divergenzen, bei denen definitionsgemäß der Kurs steigt und das MACD Histogramm fällt.

Divergenzen können im Chartbild des Indikators auch für jede einzelne Linie (im Verhältnis zu einer anderen) gesucht werden. Entfernen sich der 12-Perioden-Durchschnitt und der 26-Perioden-Durchschnitt plötzlich deutlich voneinander, kann dies ein Hinweis auf eine Änderung der Kräfteverhältnisse am Markt sein.

Auch wenn in der einschlägigen Literatur die Bedeutung von Divergenzen mitunter hervorgehoben wird, sollten diese für sich allein genommen kein Entry- oder Exit-Signal begründen.

In der nachfolgenden Abbildung 8 sind bullishe und bearishe Divergenzen im Verhältnis zwischen DAX und MACD zu sehen.

Insbesondere die bearische Divergenz verdeutlicht die Problematik eines allein auf Divergenzen begrenzten Handelssystems: Vom Auftreten der Divergenz bis zur tatsächlichen Trendwende vergehen Monate, in denen die Kurse weiter steigen und eine gegen den Trend gerichtete Shortposition empfindliche Verluste erlitten hätte.

Abbildung 8 bärische Divergenz im Histogramm

Abbildung 8 bärische Divergenz im Histogramm


Kombination und Optimierung

Der MACD bietet bereits im Rahmen der Standardeinstellungen diverse Einsatzmöglichkeiten und erzeugt konkrete Aussagen, die allerdings nicht zwingend zu einem profitablen Handelssystem führen müssen. Trader können weitere Details der im Indikator enthaltenen Daten auswerten und z. B. die Lage eines Balkens im Histogramm mit der Position der letzten Kerze im Chart vergleichen.

Großes Potenzial verspricht die Optimierung des Indikators über Veränderungen in der Periodenlänge und/oder über Änderungen an der Art der verwendeten Durchschnitte: Neben exponentiell gewichteten Durchschnitten kommen auch solche ohne oder mit linearer Gewichtung in Betracht. Es sei daran erinnert, dass beim Variieren der Parameter im Rahmen von Backtests die latente Gefahr der Überoptimierung besteht.


Fazit

Das grundsätzliche Prinzip des MACD leuchtet intuitiv ein: Aus der Differenz von zwei gleitenden Durchschnitten lassen sich Rückschlüsse im Hinblick auf die vorherrschende Trendrichtung- und stärke ziehen. Ein absolut zuverlässiger Indikator für die kommende Marktentwicklung ist der MACD (wenig überraschend) jedoch nicht, wie langfristige Backtests u.a. im DAX belegen. Daran ändern weder der Einsatz einer Signallinie noch die Histogramm-Methode viel.

Neben den Überkreuzungssignalen bieten die Divergenzen interessante Interpretationsansätze. In beiden Fällen erscheint der Einsatz des MACD als alleinige Entscheidungsgrundlage zumindest mit den Standardparametern jedoch nicht empfehlenswert. Stattdessen drängt sich der Einsatz zusätzlicher Filter auf, die insbesondere die langen Serien von Fehlsignalen in Märkten mit geringer Trendstärke reduzieren könnten.