Von Clowns lernen

09.06.2015 - 5 Minuten Lesezeit

Um Clown zu werden, muss man sich nur alberne Schuhe anziehen. Um ein guter Clown zu werden aber, braucht es Jahre der Ausbildung. Was wir beim Trading von Clowns lernen können.

Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Clown! Wenn da mal jemand seine Arbeit nicht grob überbewertet, dachte ich, als ich das zum ersten Mal hörte. Wie schwer kann es schon sein, sich dämliche Schuhe anzuziehen und mit Spritzblumen zu hantieren?!

In Wahrheit kann man sich an der Präzision eines guten Clowns einiges abgucken. Vom Detail, wie da mit geringsten, pointierten Handbewegungen eine Szene umrissen und ein Dilemma in sie hineingespielt wird – sei es das erfolglose Besteigen eines Trapez. Vermeintliches Ungeschick, das Leute zum Lachen bringt, ist pointierte Choreographie.

Und im Großen, wie Disziplin, Methode und Planung zu diesem Effekt führen. Und ihn darüber hinaus so leichtfüßig aussehen lassen, als sähen wir wirklich den kläglichen Versuch eines Dilettanten in unpassenden Schuhen, dem misslingt, was jedes Kind kann.

Wie schwer kann es sein?

Was hat das mit Trading zu tun, mit Daytradern oder Aktienanlegern? Da trifft man zuweilen eine ähnliche Wie-schwer-kann-es-sein-Einstellung. Freilich hat jeder erlebt, dass es nicht ganz so einfach ist, der mal in einen erfolgversprechenden Trade eingestiegen ist und dann einen Verlust erlitt. Aber Publikum eines Clowns lacht ja auch nicht bei jeder Vorstellung gleich.

Deswegen eine Wissenschaft draus zu machen, Trading zu üben und wieder zu üben und Hausaufgaben zu machen oder Demotraden – das erscheint vielen übertrieben. Genau wie das Hantieren mit Spritzblumen wird man es mit wachsender Erfahrung irgendwann doch drauf haben?

Über Clowns, die ihr Handwerk nicht beherrschen, lacht aber niemand. Wer genau hinsieht, merkt rasch, dass Clowns mehr können als alberne Schuhe tragen und Spritzblumen bedienen: Pantomime, Improvisation, Körperausdruck. Nicht von ungefähr haben viele vorab gar eine Schauspiel-Ausbildung absolviert.

Wer sich als Trader etwas abgucken, sich ein wenig Clownschule auferlegen möchte, sehe sich im Methodentraining, bei Planung und Disziplin sowie in Routinen oder Psychologie um.

Was ist Ihre Methode?

„Methode? Na, ich drück halt Buy wenn es sich richtig anfühlt.“ So ähnlich klingen wohl zahllose Geschichten gescheiterter Trader: fehlende Methodik.

Methodik, oft etwas irreführend ‚System‘ genannt, sind nicht nur computerprogrammierte Routinen. Was ist Ihre Methode, mit der Sie Kauf- oder Verkaufsentscheidungen treffen oder entscheiden, nicht aktiv zu werden? Wer Computer-Tradingsysteme schreibt, muss diese Entscheidungskriterien in explizite Formeln fassen. Wer von Hand tradet, sollte sich aber ebenso klar sein, was einen Trade auslöst. Gefühl allein reicht nicht.

Indikatoren helfen bei der Entscheidungsfindung, aber sie sind nur das: Indikatoren, Anzeiger, Hinweise. Sie können ein Gefühl bestätigen oder zum Umdenken anregen, wenn sie gegenläufig anzeigen. So wenig wie einem Gefühl sollten Sie aber indikatorengemachten Buy- oder Sell-Signalen blind vertrauen. Eine gute Methode, auf der Sie Ihre Tradingentscheidungen basieren, verbindet beides, und noch einige weitere Kriterien:

Wie wichtig ist Psychologie?

Warum lachen wir über Clowns? Weil wir uns am Scheitern eines andern freuen? Denken Sie mal drüber nach. Welche Erkenntnisse tun sich auf, über Sie und über die andern?

Erkenntnisse über Sie und die andern sind auch fürs Trading unerlässlich. Erkenntnisse über die andern ist Marktpsychologie, und bekanntlich werden Märkte von Menschen gemacht. Daher verhalten sich Kurse öfter emotional als rational. Sonst entstünden weder Blasen, in denen jeder ungeachtet realer Unternehmenswerte kauft. Noch Krisenstimmung, in denen sich Investoren aus Angst vor Verlusten vom Markt zurückziehen und Aktien unterbewertet bleiben.

Erkenntnisse über Sie selbst sind noch eminenter, bei jedem einzelnen Trade. Ist es eine gesunde, reflektierte und erprobte Methode, die Sie da zu einem Einstieg bewog, oder aufflammende Gier angesichts schneller Preisbewegungen? Und folgen Sie Ihrer Methodik und nehmen einen moderaten Verlust hin, wenn ein Trade gegen Sie läuft, oder lassen Sie den Verlust größer und größer werden in der emotional gesteuerten Erwartung, der Trend möge sich doch noch wenden?

Was ist eigentlich Disziplin?

Kein Performer geht unvorbereitet auf die Bühne. Kein Schauspieler, kein Sänger, kein Clown. Viele verbringen Stunden mit Lockerungsübungen, Zentrierung und mentaler Einstimmung auf das, was sie erwartet.

Schneiden Sie sich eine Scheibe ab. Mental braucht es keine Zentrieriung, um die Buy- und Sell-Buttons zu finden, und physisch keine gedehnten Glieder, um drauf zu drücken. Aber probieren Sie mal, was ein wenig Lockerung morgens vorm Trading aus Ihrer Verfassung und Konzentration macht. Zwanzig Minuten einer Mischung aus Yoga, Gymnastik, Singen, lockerndem Hüpfen oder was immer Sie gerne tun, werden den ganzen Tag beeinflussen.

Wie viel Planung braucht ein Trade?

In einer Performance ist jeder Schritt durchgeplant und geprobt. Kein Clown, kein Performer würde rausgehen und irgendwas aus dem Stegreif darbieten. Wer vorm Trading ebenfalls all seine Schritte plant und probt – via Gedankenübung, Strukturierung, Demokonto, Papiertrading oder mit Kleinstbeträgen – schafft Bewusstheit für alles, was besondere Aufmerksamkeit braucht. Und mentale Sicherheit, in der Probe erlebt zu haben, was funktioniert. Er hat ein Programm, eine Serie von Schritten, auf das er zurückgreifen kann, und die Erfahrung, wie es umzusetzen sei.

Wenn dann doch mal was schiefgeht, unerwartet die Spritzblume oder der Aktienkurs fällt, hat ein guter Performer Routinen zum Improvisieren (was darüber gar nicht mehr so improvisiert daherkommt). Ein guter Clown überspielt, macht Fehler zum Teil der Performance und gibt ihr so den Reiz, dass man nie genau weiß, was absichtlich und was wirklich schief ging.

Ein guter Trader weiß, dass Überspielen nicht funktioniert. Die Kontohistorie und das Daily Statement, jenes fiese E-Mail um Mitternacht, das uns gemachte Fehler reinwürgt und ihren Preis in Form gemachter Verluste, verzeiht nicht.

Ein guter Trader wird daher vorher überlegt haben und beim Proben ausprobiert haben, was in jeder Situation zu tun sei. Via Stop-Loss-Order schon beim Einstieg das Verlustpotenzial begrenzen etwa. Oder den Kurs ständig verfolgen, solange ein Trade offen ist, sodass er jederzeit reagieren und die Position glattstellen, verringern oder auch aufstocken kann.

Und wenn gar nichts passiert?

Wenn das Publikum nicht lacht, der Preis sich nicht bewegt? Wer Proben und Routinen im Gepäck hat, wird leicht entscheiden können, ob es lohnt, die Situation auszusitzen, vielleicht mit Stop-Loss- und Take-Profit-Order abgesichert für spätere Preisbewegungen. Oder die Performance abzubrechen, auszusteigen und am nächsten Tag, vor anderem Publikum, erneut zu spielen.

Ihr Christian Schnalzger

Über den Autor

Team BrokerDeal

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