14 Tradingsünden, erkennen Sie sich wieder?

04.05.2016 - 11 Minuten Lesezeit

Tradingsünden sind beim Ausschöpfen des täglichen Potenzials an den Märkten hinderlich. Neben den ganz groben Schnitzern, die möglich sind, müssen Trader auch scheinbare Nebensächlichkeiten im Blick behalten. Nur wer an seinen Fehlern arbeitet, kann an der Börse dauerhaft erfolgreich sein.

Auch noch so schmerzhafte Erinnerungen an einige meiner größten Tradingsünden bewahrten mich nicht davor, mehr als einmal in die gleichen Fettnäpfchen zu treten. Selbst heute, nach vierzehn Jahren im täglichen Börsengeschäft, entdecke ich beim Schreiben und Auswerten der Tagebücher noch das eine oder andere faule Ei: Mal konnte ich die Finger nicht davon lassen das Kursziel manuell zu ändern. Eine Woche darauf schlägt ein Langeweiletrade zu Buche, der eindeutig noch vor Verlassen der Seitwärtszone eingegangen wurde. Oder ein klares Shortsignal einer Aktie wurde von mir ignoriert, nur weil ich Recht haben wollte mit meiner bullischen Einschätzung des Gesamtmarktes.

Solange die Performance stimmt, widmet man seinen Schwächen meist nicht genügend Aufmerksamkeit. Bis die Schwächen einen letztendlich aber einholen – und das tun sie immer.

MPokerir ist keine andere Beschäftigung außer Poker bekannt, bei der täglich, stündlich oder sogar im Minutentakt Freud und Leid so eng beisammen liegen. Und wie beim Pokerspiel werden sich am Ende nur diejenigen durchsetzen, die mit offenen Augen durch die harte Schule der Niederlagen und Demoralisierungen gehen.

Nur wer seine Mängel aufdeckt, akzeptiert und mit Disziplin und Beharrlichkeit an ihnen arbeitet, hat eine Chance auf dauerhaften Erfolg an der Börse. So selbstverständlich wie das klingen mag:

Die Schar derer, die aus ihren Fehlern tatsächlich lernen und Kapital schlagen, ist erstaunlich gering.

Mir hilft es hin und wieder, die nachfolgende Liste zu betrachten und kurz darüber nachzudenken, welche Sünden ich immer noch begehe. Die Auflistung erfolgt der Einfachheit halber in alphabetischer Abfolge. Zwar lassen sich die bekannten „Big 5“ – Einstieg, Ausstieg, Risiko- und Moneymanagement und die Traderpsyche – durchaus als Eckpfeiler verstehen. Aber nur ein solides Gesamtkonzept sorgt letztendlich für den Erfolg; man kann sich nicht nur einzelne Bausteine rauspicken.

Und hier kommt die gute Nachricht: An allen nachfolgend genannten potenziellen Schwachpunkten lässt sich gezielt ansetzen. Entweder durch Systematik und Methode, oder durch Ehrgeiz und Disziplin.

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1. Abhängigkeit

Mentoren und Börsenbriefe sind ein gängiger Weg, um Fuß zu fassen im anfänglich oft einschüchternden Börsengeschäft. Daran ist auch gar nichts auszusetzen. Allerdings kann dies nur eine Zwischenstufe sein für ehrgeizige Trader. Ziel muss immer sein, selbst fundierte Entscheidungen treffen zu können. Ohne abhängig zu sein von einem Guru, der einen jederzeit im Stich lassen kann, oder dessen bis dahin so tolles System plötzlich versagt. An dieser Stelle sei der Hinweis erlaubt: Sinnvolle Dienstleister, die ihr Geld wert sind, bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Der Kunde muss bei ihnen auch tatsächlich etwas lernen können, ohne sich blindlings in eine Black Box zu begeben.

2. Aktionismus/Overtrading

Auch als Langeweiletrading bezeichnet. Ist für Daytrader, die ständig vor dem Schirm sitzen, naturgemäß ein viel größeres Problem als für Gelegenheits- oder Swingtrader. Es erfordert einfach Selbstbeherrschung und Disziplin, wirklich nur in Aktion zu treten, wenn das Setup auch klar erfüllt wurde. Hin und wieder ertappe ich mich immer noch dabei, dass ich z.B. in einem sehr bullischen Gesamtmarkt nicht mehr ganz objektiv nach frischen Kaufsignalen in Aktien suche. Sondern dann auch noch in jene einsteige, deren Initialzündung eigentlich schon einen oder gar zwei Handelstage zurückliegt. Overtrading kann die Performance extrem schmälern, wer diese Schwäche an sich erkennt, muss unbedingt daran arbeiten!

3. Ausreden / Schuldzuweisungen

Der Ölpreis ist schuld, der Broker hat komisch getaxt, der Börsenbrief ist Schrott, oder meine Kinder haben mich abgelenkt. Schuld an einem unglücklichen Fehltrade oder dem Versenken des ganzen Depots sind immer externe Einflüsse. Wer so denkt, hat die Spitze der Pyramide noch nicht erreicht. Fehlerquelle Nr. 1 ist ganz klar der Trader! Nur wer Verantwortung für seine Aktionen übernimmt, Schwächen und Stärken genau kennt und an ihnen arbeitet, kann am Ende ganz oben stehen.

4. Ausrüstung

Ohne Werkzeug kein Handwerk! Ich muss oft richtig anstrengende Überzeugungsarbeit leisten, bis ich einen Klienten mit zigtausenden Euro Umsatz im Monat dazu bringen kann, 49 Euro für eine halbwegs brauchbare Chartsoftware auszugeben. Trading muss man sich als Ein-Mann-Unternehmen vorstellen. Und dazu sind ein paar lächerlich geringe Investitionen eben Voraussetzung. Neben der Chartsoftware bedarf es dann nur noch eines geeigneten Brokers für seine Bedürfnisse, und schon kann's losgehen. Siehe unseren Brokervergleich, über den sogar günstiger gehandelt werden kann als bei einer direkten Kontoeröffnung.

5. Einkommensdruck

Erschreckenderweise treffe ich immer noch auf Einsteiger, die ihre Ausbildung vernachlässigen oder gar ihren Beruf gekündigt haben, in der Hoffnung an der Börse dauerhaft erfolgreich sein zu können. Natürlich ist das möglich, keine Frage. Aber mit so einem Sprung ins oft kalte Wasser baut man sich einen enormen emotionalen und realen Druck auf. Der kann nur kontraproduktiv sein, soviel ist klar.

Wer gerade einmal Rücklagen für sechs Monate hat, wird nicht die Ruhe weg haben, wenn nach drei Monaten der Rubel immer noch nicht rollt. Stattdessen besteht die Gefahr, unter Druck noch schlechtere Performance zu erzielen. Als eine Faustregel gilt: Wer sich nicht mindestens ein ganzes Jahr in Ruhe ohne Druck dem Trading widmen kann, für den ist Daytrading als Vollzeitjob absolut nicht ratsam. Dagegen sollte man sich einfach mit lockerem End-of-Day-Trading die Kenntnisse, Routine und hoffentlich ein finanzielles Polster aufbauen.

6. Martingale

Dieser Aspekt gehört zum „Moneymanagement“. Die Gefahren einer Positionsaufstockung im Verlust sind nicht unerheblich. Meistens geht so eine „Strategie" ja noch dazu Hand in Hand mit dem Verzicht auf einen Stopp Loss. 99 mal geht so eine Vorgehensweise vielleicht gut aus, beim 100. Mal kickt man sich damit aber selbst aus dem Geschäft. Die meisten Martingale-Strategien verstoßen klar gegen das wichtigste Prinzip eines ernsthaften Traders: Kapitalerhalt!

7. Planlosigkeit

Oberste Direktive im Tradingalltag: Plane deinen Trade, trade deinen Plan! Ziel muss sein, schon VOR dem Einstieg zu wissen, wo man den Stopp setzt, welche Stückzahl vernünftig ist, und wo und wie der Ausstieg erfolgen soll. Ganz abgesehen davon braucht man natürlich auch ein solides Regelwerk für den Einstieg selbst. Eine der ersten Fragen in meinen Coachings an die Klienten lautet: „Wie gelangst du zu deinen Ein- und Ausstiegsentscheidungen?". Und das wird nur selten konkret beantwortet. Kein Wunder, dass sich daraus Probleme ergeben. Nur wer einen Plan hat, und diesen auch diszipliniert umsetzt, hat eine langfristige Chance im Haifischbecken Börse.

8. Rechthaberei

Erwischt sogar die Besten hin und wieder. Dazu gehört das Ignorieren eines mental gesetzten Stopp Loss, weil man glaubt den Markt vorhersagen zu können. Oder das Aufstocken im Verlust, wiederholte Re-Entrys in die ursprüngliche Traderichtung nachdem man ausgestoppt worden ist etc. Der Markt hat immer Recht, dieser Tatsache sollte man sich keine Sekunde verschließen.

9. Selbstüberschätzung

Vor allem wenn man gerade einen tollen Lauf erlebt, neigt man zu falschen Entscheidungen. Man fühlt sich unbesiegbar und will dem Markt seinen Stempel aufdrücken. Nur lässt dieser sich das nicht gefallen, und wirft einen sehr rasch wieder auf den Boden der Realität zurück. Selbst für die erfahrensten Profis ist das hin und wieder ein Problem, wir sind nun mal Menschen und keine Roboter.

10. Sprunghaftigkeit / Psychische Instabilität

Natürlich sind Drawdownphasen hart und unbarmherzig, und objektive Überwachung und Feintuning des Setups sind jederzeit erlaubt und gutzuheißen. Aber nach jeder kurzfristig etwas schlechteren Phase sofort am ganzen Setup zu zweifeln,alles über Bord zu werfen und neue aufgeschnappte Ideen in der Praxis zu testen – das sind keine guten Voraussetzungen. Aus einem Trendfolger wird so über Nacht ein antizyklischer Trader. Und nächste Woche ist er dann ein Ross-Anhänger, alles schon erlebt. Man sollte zuerst die Schwächen eingrenzen, akzeptieren und an ihnen arbeiten, bevor man sich einem ganz neuen Konzept zuwendet.

Auch die beschriebene Tradingsünde Aktionismus/Overtrading geht zum Teil mit dieser psychischen Instabilität Hand in Hand. Von einem Trade in den anderen zu hüpfen, weil man ständig seine Entscheidungen revidiert, das freut nur den Broker. Unter diesen Begriff passt auch die Panik, die viele ergreift, wenn gerade Fehltrade auf Fehltrade auf einen einprasseln. Dann ignoriert man aus Angst vor weiteren Verlusten häufig viele Signale; dadurch verpasste Gewinne verstärken diesen Teufelskreis nur noch. Das Gegenteil von Overtrading sozusagen. Da hilft am besten eine Auszeit, Setup festigen, kurzes Papertrading bis der Ablauf wieder eingespielt ist und sich die Erfolge einstellen. Und dann wieder ins Wasser stürzen.

11. Überoptimierung

Backtestings und Optimierungen mittels Software sind ein hervorragendes Hilfsmittel zur Ausmerzung von Schwächen und der Ausformung des persönlichen Setups. Allerdings betrügen sich viele Anfänger auf diesem Gebiet meist selbst in Form des Curve Fittings, auch Überoptimierung genannt. Das bedeutet, dass für viel zu viele Freiheitsgrade, basierend auf der Vergangenheit, der exakt optimale Wert ermittelt wird. Ohne diesem einen vernünftigen Spielraum zu geben, oder auf sich verändernde Märkte und damit Stabilität zu achten. Ging mir selbst auch so in den lange zurückliegenden Anfängen einer Systemsuche. 3 bis 4 Indikatoren mit verschiedenen Parametern für Long- und Shorttrades, unterschiedliche Stopps und Kursziele je nach Positionierung, einfach alles exakt auf die bis dahin bekannte Vergangenheit abgestimmt. In Summe gab es so weit über zehn Freiheitsgrade, die optimiert werden konnten. Ein Albtraum für die Stabilität des Setups. Keep it simple, stupid! Umso weniger externe Hilfsmittel und Parameter, desto größer die Überlebens- und Erfolgswahrscheinlichkeit.

12. Ungeduld / Gier

Seminare, Mentoren, Coachings und sogar gut geführte Börsenbriefe können die Lehrzeit eines angehenden Traders sicher verkürzen. Aber von nichts kommt nichts, wie in jede Ausbildung muss man viel Zeit und Geduld investieren. Ich bekomme ständig Mails à la „...versuche nun schon seit drei Monaten ganz nach Ross mein Glück, und mache nur Verluste. Trading ist nichts für mich." Oder noch besser sind Helden wie „Werde nächsten Monat den Job kündigen, welches Buch und welcher Indikator machen mich zum Gewinner?" Alleine schon bei der mentalen Einstellung trennt sich hier die Spreu vom Weizen. Erinnern Sie sich zurück wie lange Ihre Berufsausbildung gedauert hat. Drei Jahre, fünf Jahre oder noch länger? Und lernen Sie nicht täglich dazu? Mit dem Trading ist es nicht anders, sogar extremer. Wer glaubt Börse wird einem als lockere Nebenbeschäftigung die finanzielle Freiheit ermöglichen, auf den wartet ein böses Erwachen.

13. Zweckoptimismus

Viele Trader ignorieren bewusst oder unbewusst ein Chartbild, welches klar empfiehlt laufende Trades glatt zu stellen. Egal ob im Minus oder nicht, wenn es einem nicht passt, sieht man den Tatsachen einfach nicht ins Auge. Eine Kategorie darüber stehen Trader, die einem Setup immer noch blind vertrauen, obwohl es ständig nur Verluste produziert. Diese Augenwischerei alá „das wird schon, hat ja auch in der Demo geklappt" kann und wird zu einem sehr schmerzhaften Ende führen.

An all diesen Punkten kann gezielt gearbeitet werden, Voraussetzung dafür ist neben dem unbedingten Willen ein ordentlich geführtes Journal. Fehlt dieses vollkommen oder wird nur unregelmäßig herangezogen, begeht man eine weitere Tradingsünde. Nur ein ausführliches Journal, welches sowohl die nackten Zahlen, als auch die Gefühle und Gedanken bei Ein- und Ausstieg festhält, hilft einem die Selbsterkenntnis, Selbstkontrolle und Disziplin im Hinblick auf das Trading zu verbessern.

14. Der falsche Broker

Es ist schon ein kleines nationales Phänomen, dass der Deutsche ungern seine Bank bzw. den Broker wechselt. Hat man einmal den Aufwand einer Kontoeröffnung betrieben und das Geld überwiesen, bleiben die meisten sehr lange oder für immer treue Kunden. Ohne das zu verurteilen, verweise ich an dieser Stelle auf unseren Brokervergleich. Stellen Sie darin Ihren aktuellen Broker einfach mal anderen gegenüber. Sowohl was wichtige Eigenschaften betrifft, aber vor allem auch die Kosten pro Trade. Denn diese ergeben über die Zeit gesehen eine stattliche Summe, die unbedingt mit einkalkuliert werden muss beim Vermögensaufbau. Und nur mit dem passenden Broker ist langfristiger Erfolg an der Börse überhaupt möglich.

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Über den Autor

Michael Hinterleitner

Michael Hinterleitner

Bereits mit 16 der Faszination Börse erlegen, wurde Trading neben dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu seiner Hauptbeschäftigung, seit 2006 ist er auch Redakteur und Trader bei GodmodeTrader.de tätig. Sein Fokus: Swing- und News-Trading mit Aktien. Neben der täglichen spannenden Jagd an den Börsen kam 2011 die Idee zu einem neuen Brokervergleich, der nicht nur einen detaillierten Blick hinter die Kulissen erlaubt, sondern auch handfeste Vorteile für Mitglieder bringt. Als Mitbegründer der Vergleichsplattform BrokerDeal.de hat sich Michael Hinterleitner zum Ziel gesetzt, Licht in den Brokerdschungel zu bringen. Er erklärt, worauf es bei der Brokerwahl ankommt, welcher Anbieter für welche Bedürfnisse Sinn macht, und auf welche Unterschiede man bei den Produkten und der Ausführungsqualität achten sollte.

Kommentare

  • NG kommentierte am 17.02.2016 um 15:12 Uhr

    Stilistisch und inhaltlich gut gelungener Artikel lesenswert.

  • Trocki kommentierte am 03.08.2014 um 17:08 Uhr

    Sehr gut geschrieben.sehr hilfreicher Artikel

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