Spannendes Insiderwissen zu wikifolio

09.01.2015 - 10 Minuten Lesezeit

Was Social Trading angeht ist wikifolio in aller Munde. Die Besonderheit dieses österreichischen Unternehmens, Trader in Form von an der Börse handelbaren Zertifikaten nachzubilden, kommt gut an. Ich habe mich mit dem Geschäftsführer Andreas Kern etwas unterhalten um ein tieferes Gefühl für die Funktionsweise, die Vor- und Nachteile zu bekommen.

Herr Kern, wenn Sie auf die noch junge Geschichte von wikifolio zurück blicken: sind Sie überrascht von der großen Resonanz, oder verläuft alles genau nach Plan?

Wir haben zwar engagiert geplant, sind aber tatsächlich selbst überrascht von der großen Resonanz. Wir haben eine sehr zufriedenstellende Planerreichungsquote, und haben sogar überlegt künftig um etwas weniger Aufmerksamkeit zu buhlen, damit die Qualität so gehalten werden kann wie derzeit.

Laut neusten Zahlen schlagen 73% der Zertifikaten den Dax, speziell die Zugpferde mit mehr als 1 Million Anlagekapital outperformen. Ist es für Lang & Schwarz ein Problem, ob einem Trader nur 10.000€ Kapital folgt, oder 10 Millionen?

Nein, denn es werden auch kleinere Trades genettet (Anm. d. Redaktion: es wird versucht eine Position zuerst intern zu matchen, also Verkäufer und Käufer zusammen zu bringen). Es ist ja etwa gar nicht möglich für L&S 50 Aktien direkt zu kaufen, wenn ein Investor dem entsprechenden Portfolio mit gerade einmal 100 Euro folgen möchte. L&S versucht also zeitnah Orders aus- oder zumindest zusammen zu führen, oder Kauf und Verkauf zu matchen. Diese Umschichtungen in den Portfolios haben dann eben den Vorteil, dass wir dafür keinerlei Gebühren verrechnen müssen.
Das ist für uns Fairness, niemand profitiert von dem Tradeflow. Wikifolio erhält nichts für den Tradeflow, und der Trader selbst auch nicht. Es hat also für den Trader im Gegensatz zu anderen Social Trading Plattformen keinen Sinn, eine Position 10x im Kreis zu drehen.

Herr Kern, was wird unternommen, um, ich nenne es mal Rohrkrepierern, vorzubeugen. Aktuell etwa wird gerne das wikifolio „Dax-en mit Tagesausblick“ diskutiert in diversen Foren. Das hatte ja erst eine geniale Performance von fast 3.000%, wurde dann zum Kurs von 2.650 emittiert und knickt seitdem nur in Richtung Süden ab. Ab wann würde wikifolio hier eingreifen, und ist es wirklich gewünscht solche Hochrisiko-Zertifikate zu emittieren, die an die Gier appellieren?

Also vorausschicken möchte ich, dass wir alles transparent anzeigen, man kann auch im Nachhinein nichts löschen. Wir sind eine neutrale Plattform, wenn wir merken, dass ein Trader versucht illegal vorzugehen oder zu schummeln, dann würden wir natürlich einschreiten. Bei dem erwähnten Zertifikat ist mir jetzt nicht bekannt, dass der Trader gegen Richtlinien verstoßen hätte. Er hat sich halt mit viel Risiko nach oben getradet vor dem Niedergang. Solange er nichts Verbotenes tut, sehen wir keinen Grund hier einzugreifen.

Ist denn auch geplant, zum Schutz der Investoren, den Investitionsgrad zu beschränken? Aktuell kann der Trader ja 100% seines Kapitals in ein einziges hochriskantes Hebelprodukt stecken, wodurch bei einem einzigen Trade dann natürlich gewaltige Schwankungen im Ertrag auftreten.

Wir haben Trader die sich selbst Richtwerte auflegen, und sich daran auch diszipliniert halten. Wir kontrollieren das dann auch, exekutieren das aber nicht sofort scharf wenn einmal statt 10% dann 11% Risiko eingegangen werden. Wenn in unserem System eine Warnlampe hochgeht, dann fragen wir den Trader was sein aktueller Plan ist, und wie er weiter vorzugehen wird.

Wenn aber jemand 100% in einen einzigen Trade stecken möchte, dann ist das seine Sache.
Wir überlegen uns aber vermehrt Features für Anleger, die hier einen gewissen Schutz haben möchten. Es ist aber ohnehin ja jederzeit möglich, für sein Zertifikat beim Broker einen Stop-Loss zu hinterlegen, der die persönliche Schmerzgrenze festlegt.

Wir sehen das ja auch, wenn ein Trader bisher etwa maximal 10% Drawdown hatte, dann aber plötzlich einen 15%igen Einbruch verzeichnet, dann fließt da massiv Geld ab, weil hier Stopps in Aktion treten.
So werden vernünftige Trader ja auch motiviert, Drawdowns möglichst gering zu halten. Und diese soliden Zertifikate sind weitaus in der Überzahl, auch wenn diese extremen Zocker natürlich Aufmerksamkeit erregen.

Wenn ein wikifolio tatsächlich zu Grabe getragen werden sollte. Können die Daten dazu dann noch weiterhin eingesehen werden in einer Art Archiv, oder wird die Erinnerung daran sozusagen gänzlich ausgelöscht? Ich habe gestern etwa vergeblich nach dem Zertifikat von Markus Strauch gesucht, das Momentum Trading spekulativ?

Also im Profil eines Traders bleibt weiterhin jedes Zertifikat einsehbar. Aus der Suche werden aber jene Zertifikate entfernt, die nicht mehr aktiv gemanagt werden. Also wenn die Zusammenarbeit wie im Falle von Herrn Strauch beendet wurde.
Wie die Sache aussieht wenn ein Trader selbst verlangt, dass alle Daten von ihm gelöscht werden, das diskutieren wir gerade mit unseren Datenschutzspezialisten. Wir sind jedenfalls bestrebt, möglichst alle Daten transparent aufzubewahren.
Weil der Trader könnte ja auch nach einer Pause wieder zurückkommen. Und dann soll alles bisher Erreichte auch angezeigt werden, er ist dann ja kein unbeschriebenes Blatt mehr. In den meisten Fällen wird schließlich eine schlechte Performance der Grund für den Abschied gewesen sein.

In turbulenten Zeiten wie diesen drängt sich auch immer die Frage auf, wie sicher meine Einlage ist. Wie muss man sich denn den regulatorischen Rahmen vorstellen: hat wikifolio den Segen der FMA und der BaFin?

Alle regulatorisch relevanten Angelegenheiten werden von der Lang & Schwarz abgedeckt. Wikifolio liefert hier 1:1 die gesamte Software dazu, und wir senden auch jedes einzelne wikifolio vor der Emission zur BaFin. Die sind also über unser Tun vollauf informiert. Die Behörden bringen sich auch konstruktiv bei der Gestaltung ein, einige Merkmale der Konstruktion gehen auch auf Vorschläge der BaFin zurück.
Die FMA wiederum hat vollste Einsicht in unsere Verträge und Strukturen erhalten, und hat keinerlei Einwände vorgebracht.

Neben dem Emittentenrisiko trägt der Investor ja auch noch das Risiko, dass der Trader seines gekauften wikifolios im Prinzip keinerlei Verpflichtungen hat. Ist es denn schon öfter vorgekommen, dass ein Trader sein wikifolio einfach nicht mehr weiter betreut? Vielleicht sogar bei noch offenen Positionen, was ja extrem gefährlich sein kann, da aktuell ja noch keine Stops gesetzt werden können von den Tradern?

Die Aktivitäten der Trader werden von uns laufend kontrolliert. Wenn gewisse Fristen überschritten werden, kontaktieren wir den Trader. Reagiert dieser nicht, schließen wir das Zertifikat. Kommen Anleger selbst auf uns zu weil sie meinen etwas Ungewöhnliches entdeckt zu haben, sehen wir uns das natürlich ebenfalls an. Manche wikifolios werden mehr als 1.000 mal am Tag abgerufen, alleine dadurch wird ja eine gewisse Qualitätskontrolle gewährleistet, da die investierten Anleger die Entwicklung mit Argusaugen verfolgen.

Zu möglicherweise offenen Positionen: wir bemerken automatisch größere Drawdowns. Wenn irgendwo ungewöhnliche Schwankungen auftreten, dann werfen wir da ein Auge drauf. Kontaktieren dann auch den Trader, und schreiten ein wenn tatsächlich etwas schief läuft.

Einige Trader die kurz- oder mittelfristig unterwegs sind mit mehreren Orders täglich beschweren sich über zahlreiche Ablehnungen des Market Makers Lang & Schwarz. Das macht diese Art des Handels natürlich sehr schwierig. Bleibt dieses Konzept trotzdem weiterhin so bestehen, oder ist in dieser Hinsicht Besserung zu erwarten?

Wir hatten und haben aktuell so einen Fall, der sich beschwert, dass er in einem Drittel der Fälle eine Ablehnung bekommt. Der Sachverhalt dabei ist aber folgender, dass der Trader bei uns mit der Quote-Mechanik arbeitet. D.h. ein Kurs wird angefragt, und dann hat man drei Sekunden Zeit, den Kurs anzunehmen oder es zu lassen. Dieser bestimmte Trader hat 19.000x einen Preis angefragt, dabei 300 Trades tatsächlich abgeschickt, und wurde dann 40x abgelehnt.
Das System ist einfach so gebaut, dass man uns nicht über den Tisch ziehen kann. Meine starke Vermutung in diesem Fall geht klar in die Richtung, dass der Trader eine Quote anfordert, mit einem anderen Datenfeed vergleich ob sich in diesen drei Sekunden eine Bewegung ergibt, und er dann zu dem ursprünglichen, nun günstigeren Quote, versucht in die Position zu kommen.
Wenn wir Trader sehen die mit diesem Ansatz agieren, werden die darauf hingewiesen. Und zwei Zertifikate die nicht einsichtig waren, haben wir auch schon schließen müssen.

Eine klassische Frage von Skeptikern: warum sollte ein erfolgreicher Trader, der mit börsenechten Produkten handelt üblicherweise, sich mit „nur“ marktnahen Spreads von L&S abplagen und sich den Stress öffentlichen Tradings antun?

Das ist natürlich zum einen auch eine Ego-Geschichte, zu zeigen dass man es drauf hat. Darüber hinaus kann man sich aber mit der Erfolgsprämie durchaus ein schönes Einkommen sichern. Hier gibt es einige Trader die im sechsstelligen Bereich liegen, einige im fünfstelligen, und sehr viele, die mehr als tausend Euro verdienen.

Jemand der mit sagen wir viel Talent, aber wenig Kapital, seine Rendite mit 1.000, 2.000 oder 5.000€ jährlicher Prämie aufbessern kann, dann ist das ja keine schlechte Sache.

Der dritte Aspekt ist natürlich, dass man bei uns nachweislich zeigen kann wie gut man Geld in die Hand nehmen kann. Mit diesem transparenten Track Record hat man natürlich etwas vorzuweisen, was einem langfristig weitere Türen öffnen kann.

Nehmen wir mal den Worst Case an, das durch irgendein hässliches Ereignis jeder sein Kapital abziehen möchte. Das würde doch in der Praxis sicher für Probleme sorgen auf Seiten von Lang & Schwarz? Was ist hier der Unterschied für den Kunden was die Einlagensicherheit angeht zwischen einem wikifolio-Zertifikat und einem Fonds?

Natürlich sind die angelegten Gelder kein Sondervermögen, was in manchen Fällen besser wäre. Aber auch nicht in allen Fällen. Denn ein großer Problemkreis ist ja meist technisches Versagen. Etwa wenn Orders schief laufen, dann haftet L&S mit der gesamten Bilanz dafür dies richtig zu stellen. Während bei einem Sondervermögen man hoffen muss, dass das Unternehmen sich aus Imagegründen kulant zeigt.

Von Nachteil ist diese Lösung natürlich, wenn L&S tatsächlich etwas anderes widerfahren sollte. Aber dann gibt es für den Fall einer Insolvenz ja immer noch die Quote, und selbst Lehman Brothers hatte eine von 85%.
Es bleibt aber festzuhalten, dass Social Trading nicht geeignet ist, um sagen wir geerbtes Familienvermögen primär anzulegen.

wikifolio scheint eine einzige Erfolgsgeschichte zu sein. Sie haben kürzlich ja erst frisches Kapital in Höhe von 6 Millionen erhalten. Darf man annehmen, dass damit weiter expandiert werden soll?

Ein großer Kostenblock ist weiterhin die Produktentwicklung, hier haben wir noch viele Projekte in der Pipeline. Sowohl für die Trader, als auch für den Follower. Weiters möchten wir auch neue Märkte erschließen, und drittens müssen wir Dank der positiven Entwicklung auch unser Team vergrößern.

Können Sie uns schon Neuerungen verraten, die auf die Trader oder die Investoren zukommen in den nächsten Monaten?

Wir möchten auf jeden Fall heuer noch neben HSBC und L&S die Produkte eines weiteren Big Players listen. Auch im Zuge der neuen geplanten Märkte gibt es viele Ansprechpartner, die interessiert sind etwas gemeinsam zu machen.
Man muss sich ja nur die Statistiken der Euwax ansehen. Oft sind wir schon auf Platz 1 der Umsatzbringer, meist Platz 2 hinter der Deutschen Bank oder der Commerzbank. Lang & Schwarz hat insgesamt schon die österreichischen Banken überholt in Sachen Marktanteil.

Da ist also noch viel in der Pipeline, vielen Dank für das interessante Gespräch und viel Erfolg weiterhin!

Über den Autor

Michael Hinterleitner

Michael Hinterleitner

Bereits mit 16 der Faszination Börse erlegen, wurde Trading neben dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu seiner Hauptbeschäftigung, seit 2006 ist er auch Redakteur und Trader bei GodmodeTrader.de tätig. Sein Fokus: Swing- und News-Trading mit Aktien. Neben der täglichen spannenden Jagd an den Börsen kam 2011 die Idee zu einem neuen Brokervergleich, der nicht nur einen detaillierten Blick hinter die Kulissen erlaubt, sondern auch handfeste Vorteile für Mitglieder bringt. Als Mitbegründer der Vergleichsplattform BrokerDeal.de hat sich Michael Hinterleitner zum Ziel gesetzt, Licht in den Brokerdschungel zu bringen. Er erklärt, worauf es bei der Brokerwahl ankommt, welcher Anbieter für welche Bedürfnisse Sinn macht, und auf welche Unterschiede man bei den Produkten und der Ausführungsqualität achten sollte.

Kommentare

  • FjodorForex kommentierte am 10.02.2015 um 17:43 Uhr

    Hallo Michael,

    sehr schöne und interessante Artikel die Du hier schreibst. Ich würde mich freuen, wenn Du bei längeren Artikel in Zukunft eventuell einen Podcast veröffentlichen könntest. So macht das auch Zendepot und mir persönlich sagt das sehr zu. Erhöht auch Deine Reichweite, wenn es sich erstmal herumgesprochen hat.

    Viele Grüße
    FjodorForex

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