Finanzpsychologie - Welche Rolle spielt die Angst?

25.07.2016 - 9 Minuten Lesezeit

Angst bewegt in unruhigen Zeiten die Märkte, jedoch zu jeder Zeit die Marktteilnehmer. Trader können von einer emotionslosen Auseinandersetzung mit ihren eigenen Ängsten profitieren: Wer versteht, woraus Ängste resultieren und wie sie funktionieren, kann bessere Ergebnisse mit weniger mentalem Aufwand erzielen.

Kontrolliert der Trader seine Angst – oder umgekehrt?

Geld nimmt in unserem Leben einen großen Stellenwert ein – wer es hat kann Wohlstand, Komfort, Abwechslung, Prestige und Aufmerksamkeit erwarten. Wer es nicht hat, muss mit materiellen Entbehrungen und ihren sozialen Folgen leben. Die Fallhöhe allein erklärt, warum Trader sich vor dem Verlust von Geld fürchten.

Die rationale Sorge vor Verlusten im Wertpapierhandel erklärt jedoch nicht das gesamte Phänomen „Angst“ im Kontext der Börse. Manche Trader empfinden Verluste womöglich als soziale Zurückweisung:

Menschen trachten nach Anerkennung und sehen dieses Bestreben durch eine lange Serie von Stop-Outs gefährdet.

Unterbewusst kann dadurch die Angst vor Einsamkeit – der Konsequenz fortgesetzter sozialer Ablehnung – wachsen.


Eine lange Verlustserie kann die Angst vor Einsamkeit wecken

Was auf den ersten Blick absurd erscheinen mag, erklärt sich im Kontext jahrtausendealter Verhaltensmuster, die auch den „modernen“ Menschen unzweifelhaft prägen. Bezogen auf das Gros aller Menschen liegt das letzte Zeitalter, in dem Überleben nur in der Gruppe möglich war, noch nicht lange zurück. Die Gemeinschaft – Stamm, Volk, Familie, Dorf usw. – gewährleistete dem Einzelnen Sicherheit.

Amygdala

Gehirn - Limbisches System

Bis heute richten Menschen ihr Verhalten in ganz zentralen Aspekten nach ihrem Sicherheitsbedürfnis aus. Gerät das Sicherheitsbedürfnis tatsächlich oder vermeintlich in Gefahr, reagiert das Gehirn durch die Erzeugung von Angst.

Verantwortlich für die Entstehung von Angst ist die Amygdala im „Reptiliengehirn“. Dieser sehr tief liegende Teil des menschlichen Gehirns ist aus evolutionsbiologischer Sicht einer der ältesten Teile des Hirns.


Die Amygdala und das Reptiliengehirn

Die Amygdala (wegen ihrer Form auch als „Mandelkern“) bezeichnet, erfüllt damit eine lebenswichtige Funktion: Angst erhöht die Überlebenschancen von Menschen in Gefahrensituationen. Wer Angst verspürt, ist wacher und leistungsfähiger und kann sich z. B. schneller aus gefährlichen Situationen entfernen oder Gegner überwinden.

Wann genau die Amygdala Angst erzeugt, hängt von persönlichen Prägungen ab: „Fühlt“ sich das Gehirn an eine irgendwann im Leben einmal aufgetretene Gefahrensituation erinnert, kommt es zur Erzeugung von Angst.

Im Kontext des Wertpapierhandels treten vordergründig selten Situationen auf, in denen Angst die richtige Reaktion wäre. Ausgelöst werden die Ängste stattdessen durch unterbewusste Erinnerungen an tatsächlich oder vermeintliche Gefahrensituationen aus der Vergangenheit, die durch Trading aktiviert werden – z. B. Traumen infolge von Unfällen, Trennungen oder anderen schwerwiegenden Erlebnissen.

Es gibt aber auch Ängste, die den Menschen in den Genen liegen – etwa solche vor Naturgewalten.


Ängste können Leben retten – und ruinieren

Die genetisch bedingten Ängste sind zweifelsohne sinnvoll und lebensnotwendig. Fährt plötzlich ein Auto auf einen Fußgänger zu, wird dieser instinktiv versuchen auszuweichen und dabei in Sekundenbruchteilen eine Bewertung des Risikos vornehmen – und z. B. in einen tiefen Graben hechten, um der Kollision zu entgehen. Wird ein Jogger auf freiem Feld von einem bissigen Hund bedroht, wird er instinktiv erst zu entkommen und, falls dies nicht gelingt, zu kämpfen versuchen. Der Fallreflex wird automatisch aktiviert, um Stürze abzufangen – auch hier sind Ängste die Ursache.

Ängste können jedoch nicht nur Leben retten, sondern sie im schlimmsten Fall auch ruinieren. Letzteres ist der Fall, wenn der gesamte Alltag ausschließlich durch unbegründete Ängste dominiert wird. So trauen sich manche Menschen nicht, eine Straße entlang zu gehen, weil sie sich vor herabstürzenden Dachziegeln fürchten – obwohl diese wie vorgesehen platziert sind und nach menschlichem Ermessen kein relevantes Risiko besteht.

Solche grundlosen Ängste sind auf verschiedene Ursachen zurückzuführen, darunter frühkindliche Traumen, ein verringertes Selbstwertgefühl, negativ prägende Lebensereignisse, Unfälle etc. Diese Ereignisse und Entwicklungen haben mit dem auslösenden Umstand jedoch gar nichts zu tun – unbegründete Ängste sind letztlich eine Fehlfunktion im „Reptiliengehirn“.


Die Angst vor Verlusten ist eine unbegründete Angst

Die Angst vor Verlusten im aktiven Trading ist eine unbegründete Angst.

Zum einen kann sich jedermann der „Gefahrensituation“ leicht gänzlich entziehen und Geld auf einem Sparbuch oder Tagesgeldkonto anlegen. Zum anderen steht Tradern mit dem Risiko- und Money Management ein effektives Werkzeug zur Begrenzung von Verlusten zur Verfügung.

Doch selbst wenn eine Position bei nicht erfolgreichem Verlauf mit einem kleinen und im Trading Plan einkalkulierten Verlust durch Stop Loss glattgestellt wird, kommt es im Gehirn zur Aktivierung des Angstzentrums.

Die Kontrolle über solche Ängste ist eine entscheidende Fähigkeit erfolgreicher Trader.

Es sei noch einmal betont: Auch, wenn es keinen rationalen Grund für Ängste vor einem kalkulierten Verlust durch Stop Loss gibt, kommt es durch die Aktivierung urzeitlicher Programme zu genau solchen Angstgefühlen.

Zur Kontrolle der Ängste gibt es mehrere Wege. Zum einen kann ein Trading Coach bei der Rückgewinnung der Kontrolle über die eigenen Ängste helfen. Wer den damit verbundenen Aufwand scheut und mentale Eigenschaften lieber in Eigenregie optimiert, kann sich schrittweise über „Wohlfühlverluste“ an ein auf die eigenen Verlustängste optimiertes Risiko- und Moneymanagement heranarbeiten.

Die Vorgehensweise: Im ersten Schritt werden die Einsätze pro Trade drastisch reduziert, so dass die Verluste bei Glattstellung einer Position durch Stop Loss minimal ausfallen - so gering, dass selbst eine längere Verlustserie bei Weitem nicht ausreicht, um die unerwünschten Angstgefühle auszulösen. Vor allem Einsteiger stellen bei diesem Schritt häufig fest, dass ihre Verlustängste sehr viel größer sind als gedacht. Das hängt mit der unter Neulingen häufig verbreiteten Unterschätzung des Eintrittsrisikos von Verlusten zusammen.

Im zweiten Schritt wird der Einsatz pro Trade sukzessive erhöht – solange, bis auch bei einer durchschnittlichen und für die eigene Strategie „typischen“ Verlustserie keine Ängste mehr auftreten. Aus dem dann erreichten Einsatz und dem Abstand zwischen Einstandskurs und Stop Loss ergibt sich der der „Wohlfühlverlust“.


Das Grundbedürfnis nach Sicherheit und die Realität der Finanzmärkte

Wagt sich ein Anleger aufs Börsenparkett, handelt er gegen einen Urinstinkt:

Der Mensch präferiert grundsätzlich sichere Zustände und meidet Situationen, in denen Unsicherheit vorherrscht.

Dieses seit Urzeiten bestehende Verhaltensmuster verträgt sich nicht mit der Realität der Finanzmärkte, die zwar attraktive Gewinne ermöglichen, dafür aber die Inkaufnahme von Unsicherheit erfordern.

Die Verwendung von Analysemethoden kann auch als Reaktion auf diese Unsicherheit verstanden werden. Viele Anleger würden sich bzw. ihr Geld nicht den Unsicherheiten des Parketts aussetzen, stünden Trendlinien, Indikatoren, gleitende Durchschnitte und Kursformationen nicht als mentale Stütze zur Verfügung.

Keine Analysemethode kann exakte und absolut sichere Prognosen liefern. Und dennoch dienen Theorie und Empirie nicht zuletzt dazu, das Sicherheits- und Kontrollfähigkeitsvertrauen der Anleger so weit zu verstärken, dass die Ängste vor Verlusten kontrolliert und überwunden werden können.

Neben rational begründeten Strategien dienen jedoch auch unterbewusste Denkmuster dem Bestreben, die Geschehnisse an den Märkten zu kontrollieren, zu erklären und erträglich zu machen. Die aus der Disziplin der Behavioral Finance weithin bekannte „Kontrollillusion“ zählt zu diesen unterbewussten Denkmustern. Dabei bilden sich Anleger ein, selbst die Ursache für Entwicklungen zu sein, auf die sie gar keinen Einfluss hatten und die durch Zufälle (oder Akteure mit Einfluss) ausgelöst worden sind. Erinnert sei etwa an die Zeiten des Neuen Marktes, als dem Wahn verfallene Anleger wahnwitzige Kursgewinne tatsächlich auf ihr persönliches Geschick zurückführten und jeder zweite Neuling nach drei profitablen Longtrades im Superbullenmarkt sein angeborenes Talent zum Spekulanten entdeckte.

Was lässt sich an der Börse überhaupt kontrollieren? Trader können weder die Trefferquote ihrer Strategie noch die durchschnittlichen Gewinne guter Trades sicher beeinflussen. Steuern lassen sich lediglich die Verluste – also die Komponente eines Trading Plans, die(nahezu) komplett in der Hand des Traders liegt. Ebenso verhält es sich mit der mentalen Ebene: Der einzige Weg zu mehr Kontrolle ist Selbstdisziplin, die im Trading der „Machtübernahme“ durch Gefühle wie Angst und Gier entgegengesetzt werden muss.


Die Angst verändert den Blickwinkel und steht Gewinnen im Weg

In der Theorie ist Trading ein einfaches Geschäft: Ist einmal eine Strategie mit empirisch betrachtet hinreichender Trefferquote gefunden, müssen nur noch Positionen eröffnet und mit einem Stop Loss ausgestattet werden. Selbst wenn ein Teil der Trades mit kleinen Verlusten endet, werden sehr rasch insgesamt Gewinne erzielt.

Zwischen der recht einfach anmutenden Theorie und einer profitablen Praxis steht – neben den Unwägbarkeiten der Börse an sich – vor allem der Anleger. Das in den Genen des Menschen verankerte Sicherheitsbestreben ist mit den gedanklichen Erfordernissen der Spekulation nicht kompatibel – es sei denn, archaische Denkmuster werden kontrolliert und dadurch der Ratio nachgeordnet platziert.

Eng verwandt mit der Kontrollillusion ist die Eigenschaft des Menschen, die objektive mit der subjektiven Weltanschauung zu vermischen. Der Mensch neigt dazu, seine im Laufe des Lebens erworbenen Einstellungen als Maßstab für die Bewertung seiner Umwelt anzuwenden. Wer erst in der Mitte des vergangenen Jahrzehnts an der Börse aktiv wurde, hält viele Aktienkurse heute womöglich für hoch. Wer zehn Jahre früher startete und sich noch an die Kurse der Jahrtausendwende erinnert, kommt bei vielen Aktien zu einer anderen Einschätzung. Die persönliche Biographie ist maßgeblich an der individuellen Definition von „Wahrheit“ beteiligt.

Das lässt sich auch in der täglichen Handelspraxis im Bezug auf persönliche Ängste beobachten:

Anleger A fürchtet nichts mehr, als die bereits sichtbaren Gewinne wieder abgeben zu müssen und stellt aussichtsreiche Positionen deshalb viel zu früh glatt.

Anleger B ist aus purem Zufall zu einem historisch niedrigen Kurs in den Markt eingestiegen und nach einer Korrektur nach oben fest überzeugt, dass nun das Ende der Fahnenstange erreicht sein müsse – obwohl sich die Anzeichen für eine generelle Trendwende längst verdichtet haben.

Kurios: Nur weil Anleger B noch nie einen Gewinn von mehr als 50 % in einer Position erzielt hat glaubt er, das sei fast unmöglich – und steht seinem Glück damit im Weg. Möglicherweise glaubt er auch (unterbewusst), dass große Gewinne anrüchig seien oder dass er selbst sie nicht verdiene.

Anleger C dagegen hat eine lange Verlustserie erlitten und ist sich deshalb sicher, dass nun endlich Gewinne folgen müssten – dabei sind Kontostand und mentale Verfassung von C dem Markt egal.


Die Ängste sind real – ihre Ursachen oft nicht

Die Reaktion des menschlichen Gehirns auf eine bestimmte Situation ist das Resultat unzähliger individueller Prägungen. Jeden Tag treffen Marktteilnehmer deshalb Fehlentscheidungen, die mit vollständig sachfremden Begebenheiten zusammenhängen. Plastisch dargestellt könnte ein Fondsmanager das Portfolio viel zu früh in Geldmarktpapiere umschichten, weil ihm in der Kindheit sein Fahrrad gestohlen wurde und er daraufhin unterbewusst Verlustängste entwickelt hat, die nicht unter Kontrolle sind.

Anleger müssen sich bewusst sein, dass nicht die Börse der Auslöser von Ängsten ist, sondern irgendetwas anderes. Deshalb sind Probleme im Trading – einwandfreie Vorarbeit vorausgesetzt – meistens mentale Probleme, die mit dem Trader und nicht mit dem Markt zusammenhängen. Gelingt die Kontrolle mentaler Bremsklötze, reduziert dies das Wirken des Traders auf seine Strategie – ist diese gut genug, laufen bald auch Gewinne an.

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Team BrokerDeal

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