Erfolgreich Traden mit nur einer Stunde pro Tag?

30.12.2015 - 8 Minuten Lesezeit

Kann man erfolgreich traden, wenn man nur begrenzt Zeit investiert? Immerhin treten Sie gegen Leute an, die ihren ganzen Tag hinterm Computer verbringen. Welches Wissen braucht es und welche Systeme sind notwendig, um eine Chance zu haben? Und welche Erfolgserwartungen sind realistisch? Dies und mehr erfahren Sie in dem folgenden Artikel.

Dies ist kein reißerischer Get-rich-quick-Kurs nach amerikanischem Vorbild, wo Sie mit einer Stunde Aufwand pro Tag tiefgreifende Lebensveränderungen, Sky is the limit und Empower yourself und so, versprochen bekommen, sofern Sie jetzt gleich und für nur 999,99 € zuschlagen.

Aber ist es wirklich so unmöglich, mit einer Stunde Zeitaufwand pro Tag Trading zu lernen und darin profitabel zu werden?

Unmöglich ist es nicht, einfach aber auch nicht, denn noch immer treten Sie mit Ihren Trades gegen Leute an, die mehr als eine Stunde Zeit investiert haben, sehr viel mehr. Niemand käme auf die Idee, in einer Stunde pro Tag Neurochirurg werden zu wollen. Trading ist vielleicht weniger kompliziert, aber jene, gegen die Sie antreten, sind nicht weniger ernst zu nehmen. Viele haben so viel Zeit in ihre Ausbildung investiert wie ein Neurochirurg.


Finden Sie den richtigen Rahmen

Auch konkrete Strategien braucht es, die nicht durch Zeitaufwand gewinnen. Daytrading, wo Sie die Tage hinterm Computer verbringen und Preisen bei Minisprüngen zusehen, fällt schon mal raus.

Positionstrading wäre doch was, also mit längerfristigem Zeithorizont Trades einmal aufsetzen und dann reifen lassen. Da teilt sich der Zeitaufwand in vielleicht 10 % fürs Aufsetzen und Managen von Trades, und 90 % für die Systementwicklung hinter den Kulissen. Systementwicklung bedeutet dabei nicht unbedingt Computerarbeit. Es geht um das Zusammenstellen eines soliden Satzes von Regeln, nach denen Märkte analysiert werden und dann Trades eingegangen und beendet werden. Diese Regeln zu einem profitablen System zu perfektionieren, dauert Zeit.

Teil dieser Regeln muss ein solides Kapital-Management sein, also wie viel Prozent Ihres Kapitals Sie pro Trade riskieren und wie viele Trades Sie höchstens zugleich eingehen – zu viel von beidem, und Sie bewegen sich gen Glücksspiel, wo Gewinn oder Verlust vom Zufall abhängt und darüber große Wahrscheinlichkeit birgt, über kurz oder lang bankrott zu gehen. Zu wenig Kapitaleinsatz andererseits, und Sie stellen zwar ziemlich sicher, Ihr Konto nicht bankrott zu setzen, aber auch nur symbolische Gewinne zu erzielen.

Wobei realistische Ziele sehr hilfreich sind. Vergessen Sie die Get-rich-quick-Anleitungen aus Amerika und sonst woher – in einer Stunde werden Sie nicht zum Millionär. Wenn es so einfach wäre, würden es alle machen, und keiner würde darüber sprechen. Wenn Sie aber die Maßstäbe eines netten Nebenjobs anlegen – überschaubarer Zeitaufwand für überschaubare Gewinnziele –, wird ein Stundenmodell, das diese Stunde umsichtig zwischen aktivem Trading und Systementwicklung teilt, durchaus interessant.


Entwickeln Sie Ihr System

Die meiste Zeit wird das Ausarbeiten der diversen Facetten Ihres Systems einnehmen – und den größten Einfluss auf Ihre Ergebnisse haben! Gehen Sie vom Gegebenen aus. Zu welcher Tageszeit etwa können Sie Ihre Stunde entbehren; welche Märkte sind dann überhaupt aktiv? Wenn Sie in Ihrer Mittagspause traden, fallen amerikanische Aktien schon mal raus, die öffnen nämlich erst um halb vier unserer Zeit.

Wie viel Kapital haben Sie zur Verfügung? Teil jedes starken Systems ist das Verteilen von Kapital auf verschiedene, nicht korrelierende Märkte. Sonst verlieren Sie durch eine einzige heftige Marktbewegung womöglich Ihr Konto oder schmerzhaft große Teile davon.

Um ein beliebiges Instrument zu traden, brauchen Sie ein bestimmtes Kapitalpolster. Das variiert je nach Instrument. Zahlreiche Aktien und Futures lassen sich mit vierstelligem Kapitalpolster schon bequem traden; auch für Devisen bieten fast alle Broker Mini- und Mikrolots an. Der S&P 500 aber etwa fällt raus, seine Kapitalanforderungen sind schon für einen einzigen Kontrakt vielfach höher.

Welche weiteren Kriterien haben Sie? Vielleicht möchten Sie nur in Europa investieren; vielleicht möchten Sie beim Devisenhandel die Traderichtung mit negativem nächtlichen Swap ausschließen, der Gewinne erodiert.

Schreiben Sie derlei zusammen und treffen Sie dann eine Vorauswahl an Instrumenten, grob 25 bis 50 quer durch Futures, Aktien, Devisen und mehr.

Achten Sie dabei auf ausreichende Liquidität der Instrumente. Gängige Devisen wie Euro, Pfund, Yen und die Dollars der diversen Kolonien USA, Kanada, Australien und Neuseeland haben die. Einige Aktien dagegen bewegen sich über Wochen fast gar nicht; große Gewinne sind mit ihnen nicht zu erwarten.


Legen Sie Einstiegskriterien fest

Dann brauchen Sie Kriterien, die Ihnen sagen, wann es Zeit für einen Trade ist: der Kern Ihres Systems. Wollen Sie warten, bis in einem Instrument ein klarer Preistrend erkennbar ist und ihm folgend investieren? Dann lesen Sie, verteilt auf Ihre tägliche Stunde, mal ein, zwei Bücher zu Trendfolgestrategien. Derlei Lektüre gibt Ihnen zahlreiche Impulse, wie sich durch Wahl des Zeitrahmens, durch Einsatz von Indikatoren und Oszillatoren und viele weitere Faktoren ein Regelsatz auf Ihre Anforderungen maßschneidern lässt. Selbes gilt, mit anderer Literaturauswahl, wenn Sie Channel-Breakouts oder Preischart-Formationen traden wollen. Diese Leseperiode ist ein wichtiger Teil Ihrer Stunde – vielleicht sogar der wichtigste.

Sie müssen jedes Details Ihres Systems verstehen: was Sie machen, warum, mit welchem Risiko und mit welchem Ziel. Tun Sie nichts, was Ihnen nicht völlig logisch und sinnvoll erscheint, nur weil Sie irgendwo davon gelesen haben!

Schreiben Sie alle Fragen und Unklarheiten auf, alle Widersprüche, die Ihnen erscheinen, und fangen Sie nicht mit dem Traden an, bevor alle Fragen geklärt sind. Das wird Zeit kosten, klar. Ein vorhandenes System zu kaufen und blind zu befolgen aber, wird mit großer Wahrscheinlichkeit später Kapital kosten. Weil Sie nicht wissen, wie genau Sie da eigentlich traden. Und darüber hinaus nicht wissen können, ob das System überhaupt was taugt.

Haben Sie definiert, nach welchen Kriterien Sie Trades eingehen, sehen Sie sich regelmäßig, wöchentlich oder monatlich etwa, die Monats-, Wochen- oder Tagescharts Ihrer vorausgewählten Instrumente an. Die meisten werden chaotische Preissprünge aufweisen und sind nicht weiter interessant; legen Sie sie zur Seite bis zum nächsten Mal.

Einige aber werden Ihren Kriterien entsprechen, einen deutlichen Trend zeigen oder vor einem Channel-Breakout stehen. Beobachten Sie sie weiter, vielleicht täglich. Vielleicht haben Sie Ihre Stunde aber auch über den Tag geteilt auf 2 x 20 Minuten Lektüre in der Bahn und 4 x 5 Minuten Chartbeobachtung alle zwei Stunden in Arbeitspausen?


Riskieren Sie nicht zu viel

Teil Ihres Regel-Systems wird sein, wie viel Prozent Ihres Kontos Sie pro Trade riskieren wollen. Profis setzen 0.5 - 3 %. Klingt verdammt wenig? Ist es auch – aber nur so vermeiden Sie, durch eine Hand voll Verlierer in Reihe, und die werden Sie haben über kurz oder lang, Ihr Konto bankrott zu setzen.

Legen Sie fest, wie viele Trades Sie maximal zugleich eingehen. Hätten Sie 20 Trades mit je 2.5 % Risiko offen und alle liefen mal gegen Sie, würden Sie noch immer die Hälfte Ihres Kontos verlieren. Profis haben daher höchstens 10 oder noch weniger Trades zugleich – und immer in nicht-korrelierenden Instrumenten, die gemeinsame Bewegungen unwahrscheinlicher machen.

Wie viele Lots können Sie nun kaufen, wenn Ihr Instrument bei einem bestimmten Preis steht und Sie 1 % Ihres Kontos riskieren wollen? Online finden Sie diverse Positionsgrößenrechner – oder schreiben Sie sich via Excel selbst einen einfachen nach Ihren Anforderungen.

Teil dieser Positionsgrößen-Ermittlung sind Ihre Kriterien für den Stop-Loss, der Sie bei gegenläufiger Preisbewegung automatisch aus dem Markt nimmt. Traden Sie nie ohne! Aber wie setzen Sie ihn? Nach dem Wert des ATR-Indikators eines bestimmten Zeitraums? Oder, besser, auf das tiefste Preistief der letzten beispielsweise 20 Tage, wo er nicht nur einen Kapitalbetrag absichert, sondern, wenn er tatsächlich ausgelöst wird und der Trade gestoppt, auch anzeigt, dass der Markt sich verändert hat.


Überwachen Sie Ihre Trades

Und dann haben Sie einen Trade am laufen! Ist er Ergebnis solider, systematisierter Entscheidungen, ist Ihre meiste Arbeit jetzt gemacht.

Mit zwei Ausnahmen. Ziehen Sie regelmäßig, täglich etwa, Ihren Stop-Loss nach. Auch dafür haben Sie Kriterien, denn zu eng nachgezogen werden Sie unnötig früh ausgestoppt.

Und wann beenden Sie Ihren Trade? Wenn ein Gewinnziel erreicht ist, das Sie vorher via Take-Profit-Order eingegeben haben? Oder wenn ein Preistrend zuende ist, sich umkehrt und damit Ihren immer nachgezogenen Stop-Loss auslöst? Letzteres ist die Methode der Trendfollower und liefert mithin spektakuläre Gewinne, braucht aber Geduld und die Bereitschaft, offene Profite aufs Spiel zu setzen, wenn Sie Stop-Losse mit gebührender Entfernung nachziehen. Wägen Sie ab.


Psychologie ist Teil Ihres Systems

Womit wir beim letzten großen Teil Ihres Systems sind – der Psychologie. Ein System dient unter anderem dazu, durch klare Regeln, nach denen Sie vorgehen, Emotionen auszuschließen, welche Ihr Vorgehen negativ beeinflussen könnten: Gier, die zu Unvorsicht führt, und Angst, die zu Übervorsicht führt.

Damit Sie sich drin wohlfühlen, muss Ihr System zu Ihrer Persönlichkeit passen. Offene Profite machen Sie nervös? Dann müssen Sie entweder eine andere Stop-Loss-Strategie entwickeln – oder an dieser Nervosität selbst arbeiten, wenn Sie erkennen, dass offene Profite nötig für große Profite sind.

Spätestens wenn Sie ein tradebares System von Regeln zusammen haben, lesen Sie daher mal ein, zwei gute Bücher über Tradingpsychologie. Vielleicht auch schon vorher. Sie werden nicht nur Ihre Intentionen und versteckten Emotionen besser verstehen lernen und dadurch Ihr System weiter auf Sie optimieren können. Sie werden sich selbst besser verstehen!

Trading in einer Stunde wird nicht über Nacht zu Reichtum führen. Doch erinnern Sie sich immer mal wieder an eine andere Erkenntnis aus der Psychologie: Die meisten Menschen überschätzen, was sie in einem Jahr erreichen können. Und unterschätzen, was sie in dreien erreichen können.

Über den Autor

Team BrokerDeal

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