Chance-Risiko-Verhältnis (CRV): Trades richtig bewerten

17.05.2016 - 9 Minuten Lesezeit

Das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) ist eine zentrale Entscheidungsgröße für jede Anlageentscheidung – ganz gleich, ob der Zeithorizont sich auf wenige Minuten oder mehrere Jahrzehnte erstreckt. Eine Betrachtung des CRV und seiner konkreten Bedeutung im aktiven Wertpapierhandel.

Ermittlung des Chance-Risiko-Verhältnisses im Vorfeld eines Trades

Die Payoff Ratio ist das Verhältnis zwischen Gewinnen in profitablen und Verlusten in defizitären Trades.

Das CRV bezieht sich nicht nur auf die Trade Ratio („Trefferquote“), sondern auch auf die Payoff Ratio:

Dazu müssen insbesondere im Hinblick auf die möglichen Gewinne (Chancen) Annahmen getroffen werden. Die Höhe der Verluste (Risiken) lässt sich dagegen im Rahmen des Risiko- und Money Managements relativ präzise festlegen.

Dazu ein Fallbeispiel:

Sie planen die Eröffnung einer Longposition in einem CFD auf die Aktie XYZ. Der Kurs der Aktie notiert gegenwärtig bei 112 €. Zur Verlustbegrenzung setzen Sie ein Stop Loss bei 104 €, so dass (eine Glattstellung der Position ohne Abweichungen vorausgesetzt) das Risiko des Trades 8 € beträgt. Sie rechnen mit einem Kursanstieg der XYZ Aktie auf 140 €.

Anhand dieser Ausgangslage lässt sich das CRV bestimmen, indem der erwartete Gewinn durch das für den Trade in Kauf genommene Risiko dividiert wird.

Der erwartete Gewinn entspricht der Differenz zwischen Kursziel und Einstandskurs:

Erwarteter Gewinn: 140 € - 112 € = 28 €

Das Risiko entspricht der Differenz zwischen Einstandskurs und Stop Loss Level:

Risiko: 112 € - 104 € = 8 €

Das Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) entspricht dem Quotienten aus erwartetem Gewinn und Risiko:

CRV: 28 € / 8 € = 3,5


Aussagekraft des CRV

Das CRV lässt sich als Ihre persönliche Bewertung des Risikos interpretieren: Sie rechnen für jeden (in Gestalt des übernommenen Risikos) investierten Euro mit 3,5 € Gewinnpotenzial. Wohlbemerkt: Die Kennzahl basiert auf Ihren Überlegungen zur künftigen Marktentwicklung der XYZ Aktie und sagt nichts über die Eintrittswahrscheinlichkeit der beiden möglichen Ereignisse (Glattstellung der Position bei 140 € mit Gewinn oder Stop-Out) aus.

Das CRV eignet sich nicht für Überlegungen im Hinblick auf einen einzelnen Trade. Relevant ist die Kennzahl bei einer langfristigeren Betrachtung der eigenen Handelsstrategie.

Je höher das CRV, desto größer sollte ceteris paribus die Wahrscheinlichkeit positiver Gesamtergebnisse ausfallen.

Die Einschränkung „ceteris paribus“ ist an dieser Stelle ausgesprochen wichtig, weil sich das CRV auf die Payoff Ratio und nicht auf die „Trefferquote“ bezieht. Ist eine Erhöhung des CRV gleichbedeutend mit einer Herabsetzung der Eintrittswahrscheinlichkeit, führt sie nicht zu einer verbesserten Profitabilität.


Hohes CRV = Starke Performance?

Bekanntlich entspricht der Profitfaktor dem Produkt aus Payoff Ratio (die auch als tatsächlich realisiertes Chance-Gewinn-Verhältnis betrachtet werden kann) und Trade Ratio. Bei einem CRV von 3,5 reicht eine Trefferquote von 23 % aus, um einen kleinen Profit zu erwirtschaften. Damit erschließt sich bereits intuitiv, dass das in diesem Fallbeispiel gewählte CRV recht hoch angesetzt wurde, da nur wenige Handelsstrategien mit Trefferquoten in dieser Größenordnung profitabel sind. Viele Handelsansätze empfehlen ein CRV von mindestens 1,5-2,0.

Trader sollten ihre Überlegungen allerdings nicht zu sehr auf das Verhältnis von Chance und Risiko fokussieren, da die Chancen ohnehin auf Annahmen beruhen.

Eine generelle Fragestellung drängt sich auf:

Wie valide kann eine Kennzahl sein, die zur Hälfte auf Annahmen basiert?

Die Antwort lautet wie so oft im Bereich der Handelsstrategieentwicklung: Das hängt von der Qualität der empirischen Untersuchungen ab.

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Methoden zur Ermittlung von Kurszielen

Wie realistisch ist ein Kurs von 140 € in der XYZ Aktie tatsächlich bzw. welches Kursziel ist angemessen?

Erfahrungswerte und statistische Erhebungen können Anhaltspunkte liefern. Notiert eine Aktie z. B. 30 % über ihrem Jahrestief und lässt sich ermitteln, dass die Volatilität p.a. in den vergangenen Jahren nie über 40 % hinausging, kann ein weiterer Kurszuwachs um 10 % als Gewinnziel definiert werden.

Auch Unterstützungen und Widerstände sowie technische Kursziele können bei der Ermittlung der Kurspotenziale Anhaltspunkte liefern. Das technische Kursziel einer vollendeten Schulter-Kopf-Schulter-Formation entspricht z. B. der Distanz zwischen Kopf und Nackenlinie.

Wichtig ist, der Kurszielbemessung ein möglichst hohes Maß an Objektivität angedeihen zu lassen. Hoffnung (auf eine „Entschädigung“ für erlittene Verluste), Gier und übertriebener Optimismus enden in einer Überschätzung des CRV und damit im schlimmsten Fall einer falsch kalkulierten Handelsstrategie.

Eine sinnvolle Herangehensweise kann in der Betrachtung von Trends bestehen. Bewegt sich eine Aktie seit längerer Zeit in einem Aufwärtstrend, setzt sie diesen gemäß der Prämisse der Technischen Analyse mit einer größeren Wahrscheinlichkeit fort, als dass es zu einem Ende des Trends kommt. In einem Trendkanal lässt sich relativ leicht ermitteln, in welchem Zeitraum eine Aktie ein bestimmtes Kursniveau erreichen kann – wenn der Trend sich fortsetzt.

Die Betrachtung von Widerständen bzw. Unterstützungen ist bei der Bemessung von Kurszielen dringend empfehlenswert. Hinterfragen Sie kritisch, warum ein Markt in nächster Zeit mehrere signifikante Widerstände durchbrechen sollte, wenn Ihr Kursziel oberhalb derer platziert wird. Signifikante Widerstände (also Hochs und Tiefs auf Wochenbasis, Mehrfach-Hochs usw.) sollten in der Kalkulation des Kursziels nicht überwunden werden – sonst sinkt die Eintrittswahrscheinlichkeit drastisch.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass bei allen diesen Methoden beträchtliche Fehlerpotenziale bestehen. Es ist deshalb (nochmals!) wichtig, das CRV nicht als Kennzahl mit naturwissenschaftlicher Präzision, sondern als Anhaltspunkt und Orientierungswert zu verstehen.


CRV und Parametereinstellungen bei Indikatoren

Das Chance-Risiko-Verhältnis kann jedoch auch die Basis für Handelsentscheidungen darstellen – und zwar als Exit-Signal, wobei Entry-Signale durch einen Indikator generiert werden. In den letzten Ausgaben des CFD Reports wurden zuletzt diverse technische Indikatoren thematisiert. Die Ergebnisse waren überwiegend ernüchternd, was nicht zuletzt auf die Verwendung der Standardparameter zurückzuführen war. Bei den meisten „Feldversuchen“ lieferte der Indikator Entry- und Exit-Signal.

Diese Vorgehensweise lässt sich ändern: Es ist möglich, die Entry-Signale weiterhin durch einen Indikator generieren zu lassen, die Exit-Strategie aber an das CRV zu binden. Die Glattstellung einer Position erfolgt somit, wenn entweder das Stop Loss aktiviert oder der Zielwert des CRV erreicht wird. Was ist von Handelsstrategien mit dieser Vorgehensweise zu erwarten?

Das soll nachfolgend anhand eines weiteren Experiments untersucht werden. Die Basis: Der Supertrend-Indikator, der u.a. im CFD-Report 43/14 ausführlich dargestellt wurde. Für den Versuch werden aus Gründen der Vereinfachung nur Longpositionen betrachtet und Transaktionskosten, Steuer etc. außer Acht gelassen. Im Mittelpunkt des Interesses stehen nicht der Indikator und die Strategie, sondern die Eigenschaften des CRV.


CRV und Supertrend-Indikator

Wie sieht ein Supertrend-System ohne Berücksichtigung der CRV in einer konventionellen Variante aus? Es wird eine Longposition (im DAX) eröffnet, wenn der Indikator ein Entry-Signal generiert. Die Position wird wieder geschlossen, wenn der Tagesschlusskurs unter den Indikator zurückfällt. Der Indikator dient hierbei zugleich als Trailing Stop Loss. Handelsansätze dieser Art sind weit verbreitet und ermöglichen bei geeigneten Parametereinstellungen profitable Ergebnisse.

Wie verändern sich die Ergebnisse, wenn das CRV als Basis für Exot-Signale herangezogen wird? Die Position wird dann geschlossen, wenn der Profit einem bestimmten Vielfachen des Risikos entspricht. Das Risiko ergibt sich als (prozentuale) Differenz zwischen Einstand und SL-Level. Mithilfe geeigneter Software mit Backtest-Funktion lassen sich die Ergebnisse für verschiedene Vielfache leicht ermitteln.

Das Risiko wird mittels SL pauschal auf 5 % normiert. Bei einem angenommenen CRV von 2,0 entspricht dies einer Gewinnerwartung in Höhe von 10 %, bei einem CRV von 1,0 einem Gewinnpotenzial von 5,0 %, bei 0,5 werden 2,5 % Gewinn erwartet usw. Dieses Prinzip wird für CRVs von 0,40-10,0 in Intervallen von jeweils 0,20 angewandt. Welche Ergebnisse sind zu erwarten?

Bleibt die Trefferquote konstant, führt ein größeres CRV zu einer höheren Profitabilität. Nicht ganz überraschend führt im Backtest ein höheres CRV jedoch nicht zu besseren Ergebnissen. Ein CRV von 3,6 hätte dem Backtest zufolge zu einem Totalprofit von 3.250 Punkten geführt. Bei einem Wert von 3,8 hätte der Punktgewinn mit 1.325 jedoch deutlich niedriger gelegen.

Der Zusammenhang zwischen Payoff Ratio und Trade Ratio gilt auch für den Zusammenhang zwischen CRV und Trade Ratio („Trefferquote“): Eine höhere Profitabilität pro profitablem Trade wirkt sich auf die Wahrscheinlichkeit aus, mit der ein Trade positiv endet. Das erschließt sich intuitiv: Je anspruchsvoller bzw. außergewöhnlicher ein Kursziel ist, desto seltener ist es auch.

Zwischen CRV und Trefferquote besteht deshalb ein Zielkonflikt: Wächst der eine Wert, verringert sich der andere. Die Optimierung des Zielkonflikts besteht in der Suche einer Konstellation, in der die Erhöhung eines der beiden Werte um die kleinstmögliche Einheit zu einer Verringerung des anderen Wertes um einen größeren Zahlenwert führen würde.

Leider lässt sich zwischen CRV, Trefferquote und Profit nicht ohne weiteres eine (sinnvolle) funktionale Beziehung herstellen, so dass die Optimierung im Studium der Backtest-Daten besteht. Im Fall des Supertrend-Indikators lassen sich hier keine ganz eindeutigen Ergebnisse ablesen. Eindeutige Ergebnisse lägen vor, wenn in einem XY-Diagramm entweder eine (weitgehend) linear ansteigende oder eine fallende Kurve auftreten würde. Im Fall einer steigenden Kurve hätte das CRV die geringere Eintrittswahrscheinlichkeit kompensiert, eine fallende Kurve hätte belegt, dass dies nicht gelungen ist.

Eine Variation des Risikos ändert daran wenig: Wird das Positionsrisiko nicht auf 5 %, sondern 3 % oder 10 % normiert, verläuft die Kurve weiterhin weder eindeutig fallend noch eindeutig steigend. Abbildung 4 verdeutlicht dies für ein Risiko von 3 % und CRVs von 0,40-10,0.


Zusammenfassung und Fazit

Überlegungen zum Chance-Risiko-Verhältnis gehören genauso zur Entwicklung von Handelsstrategien wie Überlegungen zur Trefferquote. Dass insbesondere hypothetische Backtests mit einer Bandbreite an Parametern mitunter recht theoretischer Natur sind, disqualifiziert die Überlegungen keinesfalls im Hinblick auf ihre Bedeutung in der Praxis.

In diesem Beitrag wurde das CRV thematisiert und als Ausgangspunkt für Handelsentscheidungen in den Raum gestellt. Die Kernfrage: Stimmt es, dass ein hohes CRV sich günstig auf die Performance auswirkt? Diese Behauptung findet sich in der einschlägigen Literatur immer wieder, konnte aber an dieser Stelle nicht belegt werden.

Das CRV kann letztlich nicht isoliert betrachtet werden. Mit dem steigenden Profit/Gewinntrade sinkt notwendigerweise die Eintrittswahrscheinlichkeit bzw. die Trefferquote. Die Eigenschaften des CRV entsprechen ebenso wie der daraus resultierende Zielkonflikt der Payoff Ratio:

Nur, wenn der Zugewinn an Chancen den Verlust an Eintrittswahrscheinlichkeit überkompensiert, erweist sich die Behauptung „Höheres CRV = Höherer Gewinn“ als wahr.

Die Ermittlung eines funktionalen Zusammenhangs zwischen CRV und Trefferquote erscheint prinzipiell möglich und würde die Optimierungsbemühungen entsprechend vereinfachen. Ein solcher Schritt bedarf jedoch groß angelegter empirischer Arbeit, die darüber hinaus für jeden einzelnen Handelsansatz zu leisten wäre und im Rahmen von Stichproben und Feldversuchen kaum realistisch erscheint. Überdies wäre auch jeder empirisch ermittelte Zusammenhang nur eine Momentaufnahme.

Die ausschließliche Fokussierung auf das CRV erscheint deshalb keineswegs sinnvoll. Eine Strategie mit einem sehr geringen Profit pro Trade kann Gewinne erwirtschaften, wenn nur wenige Verluste anfallen. Ebenso sind Handelsansätze bekannt, bei denen einzelne Top-Trades lange Verlustserien nicht kompensieren können. Das optisch ungünstigere CRV kann damit durchaus die bessere Option sein.

Zu den zentralen Schwächen des CRV gehört seine letztlich subjektive Ermittlung. Abgesehen von technischen Kurszieldefinitionen mit klaren Regeln wie z. B. bei der SKS-Formation gibt es kaum objektive Maßstäbe. Die beiden wichtigsten Eigenschaften einer Handelsstrategie bleiben deshalb überschaubare Verluste in defizitären Trades und ein möglichst großer Anteil an profitablen Trades, wobei die Verlustbegrenzung die einzige sicher kontrollierbare Komponente darstellt.

Über den Autor

Rene Berteit

Rene Berteit

Rene Berteit beschäftigt sich seit 1999 intensiv mit den Finanzmärkten und dem Trading von Aktien, Währungen, Rohstoffen und den wichtigsten Indizes. Während der Riesenhausse bis ins Jahr 2000 stand für die meisten Trader Verlieren nicht auf der Agenda. Egal was man kaufte, es stieg. Dies lockte auch den BWL-Studenten Rene Berteit an die Märkte. Er platzierte die ersten Orders – mit Erfolg . Doch mit Ende des Hypes im Neuen Markt kam auch für ihn die Zeit der Qualen. Dennoch beschäftigte er sich neben dem Studium und während der späteren Tätigkeit als Logistikleiter jede freie Minute mit Märkten und Strategien und sammelte so ein breites Know-how. Sein Spezialgebiet: der kurzfristige Handel – das so genannte Daytrading – von Dow Jones, DAX und dem Währungspaar Euro/US-Dollar. Seine Erfahrung kommt auch den Teilnehmern des von ihm seit 2007 bei GodmodeTrader betreuten Ausbildungs-Services zugute. Folgen Sie Rene Bereit auf Guidants.

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