780 Prozent in 30 Tagen - Gier frisst Hirn

26.05.2015 - 10 Minuten Lesezeit

Diese Woche hatte ich gleich zwei Schockerlebnisse, die mir einmal mehr die Augen öffneten. Für Bauernfängerei zum einen, und fantastisch überzogene Erwartungen von Börsen-Neulingen zum anderen. Ausnahme oder die Regel? Und kommt man einmal verblendeten Tradern überhaupt mit Argumenten bei? Welche Renditen sind realistisch?

Wenn ich mich an meine Anfangszeit zurück erinnere, dann habe ich einerseits einen tollen Moment erwischt, zum anderen war es der am schlechtesten geeignete überhaupt: zweite Jahreshälfte 1999, Aktienboom am Neuen Markt und der Nasdaq, mit drei- und sogar vierstelligen Renditen.

Man konnte ja eigentlich gar nichts falsch machen, einfach irgendeine im TRADERS´ gehypte Biotech- oder Internetaktie kaufen, sich zurücklehnen und schon mal davon träumen, was man mit all den Millionen machen wird. Fehler Nummer 1.

Damit es schneller ging als mit den paar tausend Schilling eigener Ersparnisse machte ich auch noch die Runde in der Familie zur Kapitalaufstockung. Fehler Nummer 2.

Dazu war ich auch noch planlos was den Ausstieg aus sowohl Gewinn- als auch Verlustpositionen anging, der Crash im Frühjahr 2000 hat mich komplett überrascht und überfordert. Fehler Nummer 3.

Ich habe also selbst auch kein einziges Fettnäpfchen ausgelassen, hätte ich auf gut gemeinten Rat in Foren überhaupt gehört? Dieser Adrenalinschub, wenn das erste Mal eine Position die 100% Gewinnmarke durchbricht gepaart mit jugendlichem Selbstbewusstsein, diese Kombination ist wohl der Tod jeder kritischen objektiven Selbstbetrachtung.

Ich tue also gut daran mich an meine eigenen jämmerlichen Anfänge zu erinnern, bevor ich verständnislos und arrogant auf die beiden folgenden Fälle reagiere.

60% pro Jahr sind zu wenig!

Der erste Anrufer war ein schon etwas älterer Herr, realitätsfremde Jugendlichkeit fällt hier als Entlastungsargument flach. Ich wurde um meine Meinung zu einer relativ neuen Social Trading-Plattform gebeten. Der Herr hatte 500 Euro angespart (!), die er nun gewinnbringend anlegen lassen wollte. Nicht selbst aktiv, sondern, wie es eben auch grad Mode ist, indem er einen Toptrader mit seinem Konto automatisch kopiert.

Er hat mit seinem Demokonto dort in vier Wochen aus 500 Euro bereits 2.200 Euro gemacht, wollte vor einem Echtgeldeinsatz aber noch eine zweite Meinung.

Bis hierher erst einmal vernünftig, seiner Bitte wolle ich gerne nachkommen. Also gleich auf die Webseite gesurft, von der ich (als Betreiber einer Brokervergleichsseite) noch nie gehört hatte.

Ein Klick, ein Blick auf das Ranking der zur Verfügung stehenden Toptrader, und schon lag die Sache für mich klar auf der Hand: absolut unseriös, seine 500 Euro würden wohl in wenigen Tagen jemand anderem gehören.

Oder was wäre Ihr erster Gedanke angesichts dieser überragenden Leistungen?

Performance der Toptrader bei einer dubiosen Social Trading Plattform

Der heilige Gral

Nicht weniger als acht Trader haben mehr als 500% erzielen können, der beste sogar 782%, eine überwältigende Leistung! Das i-Tüpfelchen: der betrachtete Zeitraum ist nicht einmal der übliche 12-Monats-Rückblick, sondern diese Erträge sollen alleine in den letzten 30 Tagen zustande gekommen sein!

Und das bei einem bescheidenen Risiko und einem geradezu vernachlässigbaren Drawdown.

Der Herr am Telefon konnte es kaum erwarten loszulegen, trotzdem hat er um Rat gefragt. Nicht aber wegen der fantastischen Performance. Sondern einzig und allein weil er skeptisch war, ob seine 500 Euro auch genug seien. Denn der Support dieser Pommesbude hat ihm am Telefon doch tatsächlich geraten, mit mindestens 5.000 Euro anzufangen.

Und nur deshalb hat er überhaupt zum Hörer gegriffen und nach Referenzen dieser Plattform gesucht. Da geht mir der Hut hoch, wird wohl Zeit eine neue Rubrik auf brokerdeal.de zu schaffen mit klaren Warnungen vor solchen Anbietern.

Binäre Optionen

Ein Blick in die Historie des Möchtegerngurus mit den 780% im letzten Monat offenbarte dann rasch das nächste Manko: es kann nur mit binären Optionen gehandelt werden. Das sind zeitlich begrenzte Wetten. Wenn man mit seinem Tipp richtig liegt gewinnt man höchstens 90%. Liegt man falsch, ist der gesamte Einsatz weg. Ein schöner Bankvorteil also, mit nachhaltigem Trading hat das nichts zu tun.

Ergebnisse der jüngsten Trades mit binären Optionen

Gier frisst Hirn Fall 1

Mein Fazit nach wenigen Minuten Recherche (weitere versteckte Gebühren gefunden, dazu geisterhafte FX-Gewinne an handelsfreien Wochenenden…) war ein klares „Hände weg!“. Ja aber was soll er denn dann machen, um seine 500 Euro vermehren zu lassen meinte der verzagte Herr. Für ihn kam nur Fremdhandel in Frage, und mit so wenig Kapital blieb ihm auch nichts anderes übrig als Social Trading.

Ich habe mit ihm dann gerne meine geringen eigenen Erfahrungen mit einer in Deutschland sehr bekannten Social Trading-Plattform geteilt. Deutscher Service, CFD-Handel, geringe Kosten, man kann selbst Trades eröffnen oder in bestehende eingreifen, Auszahlungen klappten reibungslos…war alles egal. Ihn hat nur interessiert, dass kein einziger Toptrader dort mehr als 60% im letzten Jahr geschafft hat.

„Ja aber da hat ja keiner 700% gemacht, nicht einmal in zwölf Monaten?“, war seine leicht verwunderte Frage. Ich wusste spätestens jetzt, dass ich gegen Windmühlen ankämpfte, egal welche Argumente ich noch bringen würde. Trotz meiner finalen Warnung, dass er seine 500 Euro niemals wiedersehen wird bei diesem unseriösen Anbieter, bin ich mir ziemlich sicher, dass denen dieser Tage ein neuer Fisch ins Netz ging.

10% pro Tag, easy

Die zweite negative Überraschung in dieser Woche erlebte ich in einer auf Facebook sehr aktiven Tradinggruppe.

Aus 800 Euro sollte durch tägliche 10% in 35 Tagen ein Betrag von 22.000 Euro erwirtschaftet werden. Ein völlig ernst gemeintes Experiment, ein begleitender Blog soll folgen. Aber nicht um herauszufinden ob diese surreale Performance überhaupt möglich sei. Nein, die Testperson möchte einfach nur wissen, ob es ihr möglich sein wird ihre Nerven im Zaun zu halten beim Trading mit größeren Geldsummen. Als gäbe es gar keinen Zweifel am Erreichen des hochgesteckten Ziels.

Ich habe im Grunde ja größten Respekt vor dem mutigen Trading vor einer kritischen Öffentlichkeit. So ein aufreibender Prozess hat mir persönlich vor zig Jahren auch sehr geholfen in meinen emotionalen Anfangsjahren. Nur sollte ein gewisser Rest von Realitätssinn spürbar sein. Ein so utopisches Ziel führt entweder rasch zur Aufgabe, und/oder hat absolut keinen Mehrwert für die Leser, da extrem gezockt werden muss ohne Rücksicht auf Kapitalerhalt.

Erstaunlicherweise waren die Kritiker in den zahlreichen Kommentaren, die dieser Ankündigung folgten, in der Minderheit.

Warum wirken solche wahnwitzigen Performancezahlen auf die meisten Menschen wie ein rotes Tuch für Stiere? Gab es ja auch schon in größerem Stil, alá „Forex-Millionär“ & Co. Teils sehr emotional werden selbst moderate konstruktive Kritiker attackiert. Das Gros der Leserschaft scheint sich also, bewusst oder unterbewusst, unbedingt einen Erfolg dieser aussichtslosen Helden zu wünschen.

Welcher Ertrag ist machbar

Damit sie einem leuchtenden Beispiel folgen können, das gezeigt hat, dass man sich nicht mit 10 bis 50% pro Jahr zufrieden geben muss. Womit wir bei einer weitaus realistischeren Einschätzung langfristig machbarer Erfolge wären.

Natürlich immer abhängig vom gewählten Risiko und der Strategie. Ich persönlich riskiere etwa bei meinem gemütlichen außerbörslichen Swingtrading für Berufstätige maximal 1% pro Trade, kann maximal 3% gewinnen bei meinem gewählten Chance-Risiko-Verhältnis, und komme oft nur auf ein Dutzend Trades pro Monat.

Gewaltige Performance, dreistellig und mehr, ist nur machbar wenn man die oberste Maxime für nachhaltigen Börsenerfolg verletzt: Kapitalerhalt. Wer sein Kapital nicht schützt sondern nur an mögliche Gewinne denkt, wird eine Bauchlandung erleben.

So wie rund 90% aller privaten Trader. Diese Zahl wurde erst kürzlich wieder durch eine Studie bestätigt, Anfänger sollten sich also bewusst sein, dass es nur einer aus zehn schaffen wird.

Wie wird man nun eher einer aus dieser Elitetruppe? Indem man sich größenwahnsinnige Ziele steckt und das Pferd von hinten rum aufzäumt? Oder wenn man sich mit viel Disziplin und Bodenständigkeit einen konservativen Tradingplan zu Recht legt, dessen Priorität immer auf Kapitalerhalt liegt? Die Antwort ist so einfach und logisch. Und trotzdem durchläuft fast jeder von uns zu Beginn seiner Tradingkarriere eine Phase der Ignoranz, der Selbstüberschätzung und der Verleumdung klarer Tatsachen.

Wer trägt die Schuld?

Letzten Endes ist natürlich jeder Trader selbst für sich und seine Performance verantwortlich. Ausreden sind immer zur Stelle wenn es nicht läuft wie gewünscht, entweder der Broker oder der Markt müssen immer als Sündenböcke herhalten.

Überzogene Erwartungen werden natürlich zum einen durch die Tradingindustrie selbst geschürt. Schließlich verkauft der Traum vom schnellen Reichtum Magazine, teure Seminare, Börsenbriefe und führt Brokern ständig neue Konten zu. Dazu muss ich auch mich bzw. BrokerDeal.de zählen. Aber uns geht es ja eben um Aufklärung und nachhaltiges Trading, nicht den kurzfristigen Zock.

Und zum anderen wird die Mär vom einfachen Geld, das nur aufgehoben zu werden braucht, durch die zahlreichen Mythen genährt. Den Helden der Wall Street, den Magiern der Märkte, und natürlich vom kleinen Mann von nebenan. Der sich in Foren von ein paar Hundert Euro auf ein Vielfaches hochgehandelt hat.

Ja, auch diese Glücklichen gibt es. Und motivierende Geschichten sind ja nicht von Grund auf schlecht. Allerdings sollte man erstens genau hinsehen, ob die angeblichen Wundertaten auch tatsächlich mit Echtgeld erzielt worden sind. Und zweitens muss man sich bewusst sein, dass diesem einen tollen Hecht zig Dutzende gegenüberstehen, die alles verloren haben. Solche Blogs oder Threads findet man aber nur sehr selten, zu groß sind die Scham und die Angst vor Häme und Spott. Und außerdem klammert man sich an die Hoffnung, es im nächsten Versuch besser zu machen.

Das Problem ist oft auch ein zu geringes Startkapital. Viele Einsteiger rechnen nicht in relativen Zahlen. Sondern wollen aus 500 Euro in einem Jahr mindestens 5.000 Euro machen. Um im Jahr darauf schon davon leben zu können. Ja, Trading ist auch mit 500 Euro semiprofessionell möglich mit den richtigen Instrumenten, und vor allem einem soliden Plan. Aber schon 100% im Jahr wären ein toller Erfolg, und das sind halt dann immer noch nur 500 Euro Gewinn.

Da scheinen wir Menschlein doch lieber den hippen Werbungen Gehör zu schenken, die aktuell durch die Hauptabendzeit der Privatsender geistern und 80% Gewinn in fünf Minuten versprechen.

Fazit

Zwei berühmte Zitate der Legende Kostolany erfassen die hier besprochenen Probleme eigentlich schon sehr gut:

“Die Börse hängt nur davon ab, ob es mehr Aktien als Idioten oder mehr Idioten als Aktien gibt.”

Sprich, damit die wenigen Gewinner unter den Tradern und die Tradingindustrie weiterhin gut davon leben können, braucht es ständig neues Kanonenfutter.

“Wer viel Geld hat, kann spekulieren; wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren; wer kein Geld hat, muss spekulieren.”

Man kann mit 500 Euro durchaus legitim handeln und mit viel zu hohem Hebel auf eine Vervielfachung innerhalb weniger Tage setzen. Dann muss man sich aber auch bewusst sein, dass dies mit nachhaltigem Trading nichts am Hut hat, sondern reine Zockerei ist.

Dank immer günstiger und solider werdender FX- und CFD-Broker braucht es aber tatsächlich keine fünfstelligen Summen mehr, um professionelle Setups umsetzen zu können. Dass man sich anfangs schön- bzw. reichrechnet gehört nun mal zur menschlichen Natur. Es kommt halt darauf an, was man aus dem ersten Bauchfleck lernt. Mit Hop oder Top wird es jedenfalls praktisch unmöglich, zu der kleinen Elite von Tradern aufzusteigen, die davon auch leben können.

Realistisch bleiben trotz erster Erfolge, hart an sich arbeiten, Rückschläge nicht unter den Tisch fallen lassen, sondern genau analysieren. Trades planen und diese Regeln auch befolgen, dann klappt es irgendwann auch. Nicht schnell und nicht schmerzfrei, aber der Traum von nachhaltigen Gewinnen an der Börse ist definitiv erreichbar.

Ich drücke Ihnen die Daumen
Michael Hinterleitner
www.brokerdeal.de

 

Über den Autor

Michael Hinterleitner

Michael Hinterleitner

Bereits mit 16 der Faszination Börse erlegen, wurde Trading neben dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zu seiner Hauptbeschäftigung, seit 2006 ist er auch Redakteur und Trader bei GodmodeTrader.de tätig. Sein Fokus: Swing- und News-Trading mit Aktien. Neben der täglichen spannenden Jagd an den Börsen kam 2011 die Idee zu einem neuen Brokervergleich, der nicht nur einen detaillierten Blick hinter die Kulissen erlaubt, sondern auch handfeste Vorteile für Mitglieder bringt. Als Mitbegründer der Vergleichsplattform BrokerDeal.de hat sich Michael Hinterleitner zum Ziel gesetzt, Licht in den Brokerdschungel zu bringen. Er erklärt, worauf es bei der Brokerwahl ankommt, welcher Anbieter für welche Bedürfnisse Sinn macht, und auf welche Unterschiede man bei den Produkten und der Ausführungsqualität achten sollte.

Kommentare

  • NG kommentierte am 17.02.2016 um 23:43 Uhr

    Das entspricht ganz meinen eigenen Beobachtungen. Aber kaum jemand aus dem raffgierig-naiven Publikum würde gerne zugeben ein Teil desselben zu sein. Diese Verdrängung geht soweit, dass es genügend Leute gibt, die wieder und wieder einzahlen, nur um nicht zugeben zu müssen, grundlegend gescheitert zu sein.

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